KRITIK: Das gibt es offensichtlich immer noch – dass Unternehmen ernsthaft glauben, dass es so etwas wie eine Normalverteilung von Leistung gibt. So wie Körpergröße: Es gibt einige wenige Menschen, die extrem groß sind, und einige wenige, die extrem klein sind, während sich die Masse um einen mittleren Wert herum gruppiert.
Analog dazu nehmen offenbar einige geniale Köpfe in den Top-Etagen von Unternehmen an, verhalte es sich auch mit Leistung. Einige wenige schaffen ganz viel, einige wenige ganz wenig, und der Rest ist halt durchschnittlich. Weil Leistung womöglich wie Körpergröße ein rein individuelles (Persönlichkeits-)Merkmal darstellt. Das ist sehr praktisch, dann muss man nämlich nur die untersten x Prozent entfernen (oder vielleicht noch schulen), dann verschiebt sich die Kurve nach rechts und das Unternehmen floriert.
Olle Kamellen, aber deshalb immer noch nicht richtig. Selbst wenn ”Leistung” ein einfaches Merkmal wie Körpergröße wäre (was es nicht ist – Sie müssen nur mal Führungskräfte bitten zu erklären, was genau sie unter ”Leistung” verstehen), dann sollten sich HRler ernsthafte Gedanken machen. Es würde nämlich bedeutet, dass sie eine repräsentative Zufallsstichprobe der Bevölkerung eingestellt hätten. Und all ihre Selektionsverfahren gescheitert sind.
Bankrott-Erklärung für HR
Noch mal am Beispiel Körpergröße: Wenn ein Unternehmen nur Menschen ab einer Größe von mindestens 1,85m einstellte, dann kann doch die Auswahl nie unter 1,85m groß sein. Die Glocke wäre an diesem Wert links abgeschnitten. Mal zu Ende gedacht: Anschließend zwingt man die Führungskräfte, ihre Teammitglieder in Kategorien wie ”klein-, mittel- und großwüchsig” einzuteilen. Absurd, oder? Sie würden sich doch wehren und erklären: ”Ihr habt nur große Menschen eingestellt, und jetzt sollen wir einige von ihnen als ”klein” bezeichnen – was soll das?” Im Grunde ist die Annahme einer Normalverteilung von Leistung unter den Mitgliedern einer Organsiation eine Bankrotterklärung der Einstellungspraxis.
Die erzwungene Verteilung der Mitarbeitende in Niedrig-, Durchschnitts- und Hochleister führt in leistungsstarken Teams zu künstlichen Problemen und Demotivation, in schwachen Teams zur Vermeidung von notwendigen Maßnahmen. Statt sich um die wahren Ursachen zu kümmern, hat man ja die Schuldigen gefunden – so kann organisatorisch alles bleiben, wie es ist. Und die Führungskräfte können weitermachen wie bisher.
Die wahren Low-Performer
Katharina Orlinska erklärt in der Personalführung, worauf schwache Leistungen tatsächlich basieren (Low Performance ist (k)ein individuelles Problem). Abgesehen davon, dass die Glockenkurve der Leistung wissenschaftlich längst widerlegt ist, individualisiert deren Annahme das Problem der ”Low Performance” unzulässig. Schwache Leistungen sind in erster Linie eine Folge von fehlender Rollenklarheit (Menschen wissen nicht, was genau von ihnen erwartet wird), widersprüchlichen Zielen und intransparenten Entscheidungen.
Statt also immer wieder auf solch unsinnige Beurteilungssysteme zu setzen, sollten die Maßnahmen bei fehlender Leistung lauten:
- Analysieren, nicht wer, sondern was nicht performt (Prozesse, Aufgaben, Entscheidungen, Verhalten)
- Führungssysteme betrachten: Klare Ziele, Prioritäten, Entscheidungen
- Erwartungen klären
- Auf Individuen am Schluss schauen – Coaching, Feedback und Training bringen nur dann etwas, wenn das System funktioniert
Dem ist nichts hinzufügen.

Genau auf den Punkt gebracht. Leistung als Normalverteilung zu betrachten greift nicht. Als Psychologin und Eignungsdiagnostikerin war ich viele Jahre mit Auswahlverfahren und Potenzialanalysen in der Karriereentwicklung betraut (inhouse wie auch in der Beratung) und habe leider viel zu oft erlebt, wie gute Verfahren politisch missbraucht wurden. Vor allem Karriereentwicklung in Form von Schulungen sind teuer, da scheint es unumgänglich zu sein, einen Stoplerstein einzubauen, den man dann auch herrlich nutzen kann, um eine erhoffte (Be-)Förderung abzulehnen. Und in keinem Fall hat die durchführende Organisation sich selbst und ihre Strukturen kritisch hinterfragt. HR scheitert leider häufig an der willkürlichen Dominanz von Hierarchen. Deshalb würde ich die Eignungsdiagnostik und HR nicht allein schuldig sprechen. Es gibt gute Instrumente ( und gerade in der Politik würde ich mir ganz dringend mehr kompetente Eignungsdiagnostik wünschen!), Entscheidungsträger müssen diese aber auch korrekt (und am besten selbstkritisch) einsetzen.
Ich teile die Ansicht von Frau Orlinska nicht. Als Führungskraft mit über 50 jähriger Erfahrung in unterschiedlichen Branchen Hierarchiestufen, weiss ichnass es diese Unterschiede gibt. Begabungen. IQ, Emotionen und berufliche Vorerfahrungen sind die Grundlage der Unterschiedlichkeit. Manchmal nur kleine und manchmal nicht.
Im realisierenden Kontext erweist sich der Meister oder Mitläufer oder Unfähige. Sie können schulen solange, wie sie wollen -der Unterschied bleibt.
Nicht jede wissenschaftliche Erkenntnis ist neutral.
Ich probiere es mal mit einem Beispiel: Wenn ein Fußballteam mit elf Top-Spielern besetzt ist, dann kann jeder auf seiner Position ein Top-Leistungsträger sein. Einen Torhüter mit einem Verteidiger zu vergleichen und fragen, wer von beiden Top-Leister, Mittelleister oder ”Low Performer” ist, ergibt keinen Sinn. Und stiftet sogar Schaden. Wenn man hier versuchen würde, die Leistung in einer Normalverteilung darzustellen, wäre das ein perfektes Mittel zur De-Motivation. Das Ziel muss doch sein, jede Position im Team so zu besetzen, dass alle eine Höchstleistung erbringen.
Dass nicht jeder zu jeder Zeit eine perfekte Leistung erbringt, ist wohl klar – deshalb ist es aber kein Minderleister. Man könnte eine Normalverteilung von Leistung vermuten, wenn alle die gleichen Tätigkeiten ausführen müssen – das Merkmal Leistung sich also wie Körpergröße auf eine sehr kleine Verhaltenskomponente bezieht. Aber selbst da würde dies der Komplexität von Verhalten nicht gerecht und zerstört Motivation.
Und schließlich: Wer versucht, die Besten einzustellen und anschließend feststellt, er hat Low Performer, jede Menge Durchschnitt und wenige Top-Leister in seinen Reihen, der hat entweder falsch eingestellt oder seine Rahmenbedingungen (Organisation, Führungskräfte, Prozesse) ermöglichen nur wenigen, ihre volle Leistung zu erbringen.