17. April 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Süßes Nichtstun?

INSPIRATION: Mal im Ernst – benötigen wir noch Belege, dass der Mensch von Natur aus faul ist? Am liebsten die Füße hoch legt, andere für sich arbeiten lässt und Anstrengungen, wo es nur geht, zu vermeiden sucht?

Sie stimmen nicht zu? Dann liegen Sie auf einer Linie mit der Wissenschaft. Denn wenn Menschen Müßiggang tatsächlich leben (können), steigt ihre Unzufriedenheit. Ist das nicht völlig paradox? Da entwickeln wir die großartigste Technik, um uns anstrengende Arbeit abzunehmen, und dann leiden wir, weil wir die Anstrengung vermissen?


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Tatsächlich ist Anstrengung ein Wert an sich. Wenn wir uns so richtig ins Zeug gelegt haben, fühlen wir uns anschließend wirklich gut. Je mehr wir um etwas gerungen haben, als umso befriedigender empfinden wir die Tätigkeit. Das hat etwas mit unserem Gehirn zu tun. Von diesem Mechanismus hatte ich bisher noch nicht gelesen: Wenn wir etwas wieder und wieder durchführen, stundenlang trainieren oder üben, dann legt sich eine Fettschicht (Myelin) um die Nerven. Und je dichter diese Schicht, umso ”schneller und präziser feuern die Neuronen” – und schließlich wirkt eine Tätigkeit (wie z.B. die eines großartigen Musikers) scheinbar mühelos, leicht (Ein Lob der Anstrengung).

Bedürfnis nach Kompetenz

Damit verbunden ist das extrem wichtige Grundbedürfnis nach Kompetenz. Kennen wir doch alle: Wenn wir etwas richtig gut können, fühlt sich das wunderbar an. Zurück zum Paradox: Wie mag es dem Holzfäller ergangen sein, der sein Leben lang die Technik des Holzfällens optimiert hat, bis es nahezu mühelos erschien – und dann erfand jemand die Motorsäge. Oder den Mönchen, die ihr Leben lang wahre Kunstwerke erschufen und die wunderbarsten Bücher in jahrelanger Arbeit erstellten – bis der Buchdruck erfunden wurde.

Wir lieben also die Anstrengung und das Erleben, wenn uns etwas immer leichter von der Hand geht – und gleichzeitig sehnen wir uns nach Mitteln, die uns diese Anstrengung ersparen. Seltsam? Na ja, das hat wohl mit einem ganz einfachen Phänomen zu tun: Wenn eine Tätigkeit nicht um ihrer selbst willen ausgeübt wird, sondern um ein Ziel zu erreichen, das nicht direkt mit ihr verknüpft ist.

Anstrengungen an Technik delegieren

An einfachen Beispielen: Wenn ich für das kommende Wochenende einkaufen gehe, dann ist der Weg zum Supermarkt anstrengend. Ihn zu bewältigen stellt keinen Wert an sich dar. Wenn ich dafür das Fahrrad nehme, dann habe ich sogar das Problem, den kompletten Einkauf in den Satteltaschen unterzubringen. Und wenn es dann noch regnet … Dann nehme ich natürlich das Auto. Wohl dem, der diese Technologie entwickelt hat.

Nun stehen wir vor einem neuen technologischen Sprung. Oder befinden uns schon mitten drin. Wir können mehr und mehr Aufgaben an ein Künstliche Intelligenz delegieren. Statt lange Texte zu lesen, lassen wir uns das Wesentliche auf wenigen Seiten zusammenfassen. Statt selbst stundenlang zu recherchieren, lassen wir die KI suchen. Und statt schlaue Software zu entwickeln, beschreiben wir nur das gewünschte Ergebnis der KI und diese programmiert fröhlich drauflos. Und inzwischen träumen die Tech-Konzerne davon, dass man der KI gleich die Leitung ganzer Unternehmen übertragen kann – und die Arbeit gleich mit. Dann bräuchte niemand mehr lästiges Personal, und selbst Manager werden überflüssig (Unternehmen auf Autopilot).

Anstrengung als Wert an sich

Natürlich ist das alles ungemein praktisch. Dinge, zu denen Menschen einfach keine Lust haben, können Maschinen übernehmen. Es gibt niemanden mehr, der noch gerne und mit Leidenschaft seine Wäsche selbst wäscht. Die Kunst des Wäschewaschens beherrscht. Und ganze Bücher schreibt auch niemand mehr ab. Aber es hat längst noch nicht jeder einen Mähroboter im Garten, so manch einer hat Freude daran, mit einem klassischen Rasenmäher Bahnen auf seinem Grundstück zu ziehen. So es trotz Fotoapparaten immer noch Menschen gibt, die gerne malen. Und obwohl man die wunderbarste Musik vom Band (oder heute vom Rechner) hören kann, lauschen wir den wahren Könnern im Konzertsaal.

Nach wie vor schätzen wir also Anstrengung und die durch Anstrengung erworbene Kompetenz oder Meisterschaft. Eben weil diese einen Wert an sich hat. Ich fahre zwar in dem Beispiel von oben mit dem Auto zum Supermarkt, aber ich lasse mir die Waren nicht kommen (was ja noch viel bequemer wäre). Weil ich das Einkaufserlebnis schätze. Das Bummeln durch die Regale ist das Ziel, nicht der volle Einkaufswagen. So wie die Wanderung durch die Berge an sich Glücksgefühle auslöst – spätestens, wenn ich völlig erschöpft und mit schmerzenden Gelenken auf das Bett in der Herberge falle.

Müssen wir uns also wirklich Sorgen machen, dass wir jede Form der Anstrengung an moderne Technologien abgeben werden? Ich glaube nicht. Einige sicherlich – diejenigen, die wir schon immer lästig fanden, und auf die wir längst gerne verzichtet hätten. Wenn KI sämtliche Spam-Mails aus meinem Eingangskorb abfangen und die Versender mit Antworten ersticken würde, wäre ich dankbar, nicht mehr selbst aufräumen zu müssen. Wenn mir die KI seitenlange AGBs analysieren und mir die wichtigsten Punkte zur Entscheidung vorlegen würde, ebenso. Und wenn sie den günstigsten Stromanbieter herausfischen und meinen Energieverbrauch so steuern würde, dass ich so wenig wie möglich verschwende, auch.

Aber wenn mein Klavier auf Zuruf genau das spielen würde, was ich so gerne beherrschte – wie langweilig und öde wäre das denn?

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Johannes Thönneßen

Dipl. Psychologe, Autor, Moderator, Mitglied eines genossenschaftlichen Wohnprojektes. Betreibt MWonline seit 1997. Schwerpunkt-Themen: Kommunikation, Führung und Personalentwicklung.

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