KRITIK: Wissensmanagement war ein Traum der 1990er-Jahre. Der bald verflog, weil lediglich Datenfriedhöfe entstanden, die niemand nutzte. Der Einsatz von KI verspricht nun die Renaissance – und noch viel mehr.
Von Daten zu Information, zu Wissen und Kompetenz ist halt ein längerer Weg. Das hat Klaus North vor über 20 Jahren schon sehr schön mit seiner Wissenstreppe auf den Punkt gebracht. Das Autorenduo (Damit es bleibt) knüpft hier an: „Daten sind rohe, kontextlose Fakten (…) Informationen sind Daten, die in einen Zusammenhang gebracht werden und damit Bedeutung erhalten. Wissen entsteht, wenn Informationen durch Verknüpfung, Erfahrung und Interpretation handlungsleitend werden.“
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Wir glauben an die unbegrenzten Entwicklungsmöglichkeiten von Menschen, Strukturen und Prozessen. Unsere Mission ist es, Personen und Unternehmen bei dieser Entwicklung zu begleiten und sie dabei zu unterstützen, ihre Ziele zu erreichen.
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Menschen erzeugen Wissen. Aber sie finden die dafür nötigen Informationen nicht immer wieder. Denn diese müssen gut abgelegt und verschlagwortet werden. Das ist aufwändig. Und dann gibt es auch noch Wissen, das nicht dokumentiert ist, wie Erfahrungswissen, sogenanntes tacit knowledge. Das ist an Menschen gebunden. Verlassen Sie das Unternehmen, ist deren Wissen futsch. Manches Wissen stirbt auch aus.
Vom Suchen zum Finden
Und hier kommt KI ins Spiel … „Statt mühsam Dokumente zu durchforsten, tritt das Team in einen Dialog mit den gesammelten Daten und Informationen der Organisation. Projektberichte, Chatverläufe, Protokolle, Meeting-Transkripte und Konzepte fließen in eine gesicherte, interne Wissensdatenbank ein.“ Man braucht keinen Schlagwortkatalog dafür. Nur Zugriffsrechte. Und ein internes GPT.
Das klingt einfach, ist es aber nicht. Was es nun braucht, ist Dokumentieren, am besten gleich gut strukturiert: Von Meetings, Gesprächen, After Work Reviews und Retroperspektiven, Storytelling-Workshops etc. – alles Wichtige sollte digital dokumentiert werden. Geschichten sind das Allerbeste. Darin kristallisiert sich Bedeutung, Emotionen und Kontext – schon seit Jahrtausenden. Hier wird Kultur erlebbar. „Solche Geschichten lassen sich aufzeichnen, transkribieren und strukturiert in KI-gestützte Wissenssysteme einspeisen.“ Das Versprechen: „Die KI wird zur Archivarin und Übersetzerin.“
Blade Runner
Das klingt immer noch einfach, ist es aber immer noch nicht. Man kann KI als Überwachsungsinstrument sehen oder als Ermöglicher. Es braucht folglich eine förderliche Unternehmenskultur dafür. Das Autorenduo benutzt an dieser Stelle das inzwischen abgedroschene und nicht selten missverstandene Diktum der „psychologischen Sicherheit“. Wir wissen längst, die kann man nicht verordnen und sie fällt auch nicht vom Himmel. Und das Gefühl, „always on“ zu sein, verändert Menschen und ihr Verhalten. Daher muss bewusst entschieden werden, was man aufzeichnen möchte – und was nicht (off the records). Vermutlich macht sich schnell Bequemlichkeit, also der Default-Modus breit …
Das ist der Lackmustest für die Kultur: „KI erfindet keine Kultur, sie verstärkt die bestehende Kultur. Organisationen mit gelebter Offenheit gewinnen ein mächtiges Lernwerkzeug. Organisationen mit Kontrollreflex bekommen ein effizienteres Kontrollinstrument.“ Oder anders ausgedrückt: Man muss die Bedingungen für Akzeptanz schaffen. Das wird ohne Transparenz nicht gehen. Ich würde ergänzen: auch nicht ohne Partizipation. Wenn es gut läuft, kann eine Organisation erstmalig „systematisch auf ihr Erfahrungswissen zugreifen und Muster erkennen. Das macht KI zum Enabler der lernenden Organisation, wenn die kulturellen Voraussetzungen stimmen.“ Womit sich schließlich das Anforderungsprofil von L & D verändern muss.
Wunschbild oder Horrorgemälde?
Wie man inzwischen weiß, halluziniert GenKI gerne mal. Das muss man nicht nur wissen, sondern es braucht kritische Nutzer, die gegenchecken. Sonst droht „die schleichende Erosion eigener Urteilskraft“. Der Mensch bleibt entscheidend. „KI ersetzt den menschlichen Austausch nicht – sie macht ihn wertvoller,“ so das Autorenduo.
Wenn wir nur nicht wüssten, dass Menschen gerne bequem werden … Wenn ich ans „richtige Leben“ denke, ist mir die Vorstellung, dass von mir alles Mögliche mitgeschnitten wird, unangenehm. Ich meide aktiv, soweit das geht, solche Situationen oder bestimmte Anbieter, denen ich nicht traue.
Zudem weiß ich, es braucht immer Flurfunk in Organisationen, es gibt immer formelle und informelle Kommunikation. Und mit dem Unternehmen bin ich auch nicht verheiratet. Da gibt es bloß eine temporäre Mitgliedschaft, die jede Seite kündigen kann. Und wenn ich komme oder gehe, geht mein Wissen mit. Oder ist es so: Niemals geht man so ganz? Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, die Idee ist noch nicht zu Ende gedacht. Es scheint mir allerdings wieder mal so, dass da jemand Den Eisberg lupfen möchte.
Ich würde gerne einmal Mäuschen spielen in einem Unternehmen, das umsetzt, was die Autor:innen vorschlagen. Im Beitrag wird jedoch kein Beispiel genannt.
