29. April 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Holistisches Zeitalter?

INSPIRATION: Der Spross einer Familiendynastie erklärt in der Wirtschaftswoche (Derjenige, der die beste Idee hat, entscheidet), warum er auf die Position des CEOs verzichtet hat und wie er sich ein modernes Unternehmen vorstellt. Und das macht Hoffnung.

Ein Kernsatz hieraus lautet: Unternehmen sind letztlich Systeme. Wie ein elektrischer Schaltkasten. Diese hatten ihn schon als Kind fasziniert. Alles ist mit allem verbunden. Und diese Erkenntnis hat er genutzt, als er irgendwann in das Familienunternehmen einstieg und den Wandel vom ”Otto-Katalog” zum digitalen Unternehmen mit gestaltete. Mit offenbar faszinierenden Erfahrungen.


Anzeige:

Die Arbeitswelt braucht agile Coachs, um Selbstorganisation, Innovation und neues Rollenverständnis zu implementieren. Die Neuerscheinung „Agiler Coach: Skills und Tools“ liefert für jeden agilen Coach eine beeindruckende Bandbreite an Grundlagen, Methoden und Werkzeugen für die Team- und Mitarbeiterentwicklung im agilen Arbeitsalltag. Zum Buch...


Das Geheimnis: Loslassen

Die Zielvorstellung ist eine „holistische Organisation”. Und diese hat er tatsächlich geschaffen, auch wenn hier davon die Rede ist, dass sie ”für eine kurze Zeit” gelungen sei. Das Erfolgsrezept lautet: Loslassen. Es wird ein Rahmen vorgegeben, innerhalb dessen sich etwas entwickeln kann – und woran auch die Menschen gemeinsam wachsen können. Das Problem mit dem Loslassen ist, dass es mit einem Gefühl des Kontrollverlustes einhergeht – und das macht Angst. Wobei ein weiterer Faktor hinzukommt: Interner Wettbewerb. Wenn Menschen daran gemessen werden, was ihr Bereich, ihr Team im Vergleich zu anderen leistet, geben sie natürlich ihre Ideen nicht preis. Dieses Wettbewerbsdenken hat sich offenbar aufgelöst.

Anstrengende Komplexität

Zum anderen: Wir müssen uns eingestehen, dass es anstrengend ist, mit Komplexität umzugehen. Vor allem ist es nicht einfach. Aber wir sehnen uns nach dem einfachen Weg, deshalb sind die vielen ”Erfolgsrezepte” der selbsternannten Gurus ja so verlockend. Womit wir auch schon bei gesellschaftlichen Themen sind: Die Menschen folgen den Populisten mit den schlichten Rezepten. Und denjenigen, die die Vergangenheit beschwören und damit locken, dass es wieder so sein könnte, wie es mal war. Ganz einfach eben.

Aber ich schweife ab. Was macht der Otto-Sprössling (Holismus – Basis für eine glückliche Zukunft) tatsächlich anders? Konsequenterweise ist in dem Konzern die Macht nicht auf einer Person konzentriert, sondern liegt bei drei Gremien: Einem Aufsichtsrat, einem Stiftungsrat und dem Gesellschaftsrat. Insgesamt also auf 20 Köpfen. Die Idee ist naheliegend: Wenn viele Perspektiven eingebunden werden, steigt die Chance darauf, dass sich die richtigen Ideen durchsetzen.

Und anders, als man es erwartet hätte, ist Benjamin Otto nicht der Vorsitzende des Aufsichtsrates, sondern des Stiftungs- und Gesellschaftsrates. Die Idee dahinter: Jeder sollte das tun, wo er seine besonderen Talente sieht. Er sieht sich als Generalist, ”der gerne das große Ganze zusammenhält, der lieber die Dinge miteinander verknüpft … als selber alles zu machen.“

Das wäre doch eine schöne Zukunftsvision, oder? Wenn Menschen erkennen würden, worin ihre Stärken liegen und nicht in erster Linie nach Status und Macht strebten?

Milchmaut

Sehr witzig, oder eher traurig: Zeitgleich zum Erscheinen des Interviews stolperte ich über eine Meldung, nach der bei RTL für den bisher kostenlosen Milchkaffee für Mitarbeitende 45 Cent erhoben werden (”Milchmaut”). Umsonst gibt es nur noch den schwarzen Kaffee (Milch kostet jetzt extra, dafür schäumt die RTL-Belegschaft). Ein klassisches Beispiel für eine Reaktion in der Krise, mit der dem drohenden Kontrollverlust begegnet wird. Und die eben alles andere als ”holistisch” ist, sondern eine hilflose Entscheidung aus der Zentrale.

Sie soll zeigen: ”Sehr her, wir greifen durch. Wie haben alles im Griff.” Eine Botschaft an – ja, wen wohl? An Investoren natürlich – während die Botschaft an die Belegschaft lautet: ”Habt euch mal nicht so – der Milchkaffee war was für bessere Zeiten. Es muss auch ohne gehen.” Geht es natürlich auch – aber um welchen Preis?

Holistische Sparmaßnahmen?

Mal abgesehen vom PR-Desaster (gleichzeitig zahlt Bertelsmann natürlich weiter fleißig Dividenden und Prämien) – ich habe mich gefragt, wie wohl ein Unternehmen, das dem holistischen Ideal folgt, in einer Krisensituation Sparmaßnahmen etablieren würde? Ich hoffe, es würde ganz oben anfangen, beim Management. Und anschließend die Situation gegenüber der Belegschaft klar kommunizieren, Sparziele vorgeben und dann schauen, was die Betroffenen vor Ort entscheiden.

Vielleicht würden diese sogar ganz auf den Kaffee verzichten, um einen bescheidenen Beitrag zu leisten. Was sogar den Zusammenhalt stärken könnte. Oder sie würden an Ecken sparen, an die niemand in der Zentrale gedacht hätte – wer weiß.

Ich hoffe mal, Benjamin Otto liegt mit seiner Vision richtig: Er ist davon überzeugt, dass das holistische Zeitalter zurückkommt. ”Aber zunächst bäumt sich das alte System noch einmal auf”.

Werden Sie diesen Beitrag weiterempfehlen?
Teile diesen Beitrag:

Johannes Thönneßen

Dipl. Psychologe, Autor, Moderator, Mitglied eines genossenschaftlichen Wohnprojektes. Betreibt MWonline seit 1997. Schwerpunkt-Themen: Kommunikation, Führung und Personalentwicklung.

Alle Beiträge ansehen von Johannes Thönneßen →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert