21. April 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Wütende Frau

Wut – übers Ein- und Ausrasten

KRITIK: Das mit den Emotionen ist für gar manchen Coach eine heikle Sache. Es beginnt der Puls zu rasen oder die Atmung stockt. Denn da ist Energie und Dynamik drin. Aber ist das nicht eher was für die Psychotherapie?

„Wut gehört zu den stärksten Emotionen des Menschen,“ so der Autor (Wut-Coaching). Man fürchtet Wutanfälle und den Schaden, den sie anrichten können – bei allen Beteiligten. Hat aber auch schon mal gehört, dass das Herunterschlucken der Wut auch nicht gesund sein soll. Ambivalenz schwingt also mit und damit die Unsicherheit, was eine gute Reaktion sein könnte: Den Stier bei den Hörnern packen oder Land gewinnen?


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Sollte es etwa einen Mittelweg geben? „Die Schwierigkeit im Umgang mit Wut liegt in ihrer Verankerung im limbischen System des Gehirns.“ Der Autor spricht vermutlich vielen Zeitgenossen aus der Seele. Und wenn ich ihm nun deutlich widerspreche, wird sich vielleicht die eine oder der andere erschrecken, vielleicht ängstigen oder sogar wütend werden …

Tja, was denn nun?

Es ist eben nicht so klar und eindeutig, was dann geschehen wird, wie es der Autor suggeriert. Er zeichnet das Bild von einem Schalter im Gehirn, der automatisch umgelegt wird. Oder von einer Sicherung, die da rausfliegt: „Biologisch ist sie ein uralter Mechanismus.“ Das ist platt und falsch – nachzulesen im erhellenden Buch der Emotionsforscherin Lisa Feldman Barrett (Emotionen: Gefühlsduselei vermeiden).

Aber eigentlich auch schon seit den Schachter-Singer-Experimenten in den 1960er-Jahren prinzipiell auf der Hand liegend: Deren Zwei-Faktoren-Theorie der Emotion besagt, dass Gefühle entstehen, wenn eine physiologische Erregung mit einer kontextabhängigen Kognition assoziiert wird. Das „Gemeine“ an deren Experimentaldesign war, ich vereinfache das ein wenig, dass man einer von zwei Versuchsgruppen eine aufputschende Droge verabreichte – ohne sie über die Wirkung korrekt aufzuklären –, der anderen jedoch nicht. Beide wurden dann mit einer identischen sozialen Situation konfrontiert, in der ein Dritter unverschämt und verärgert agierte. Wer die Droge intus hatte, musste sich folglich seine Erregung erklären. Da lag es nahe, der „polternden Person“ die „Schuld“ dafür zu geben.

Klischees und Karikaturen

Seit jenen Jahren ist in der Forschung viel passiert. Aber hartnäckig hält sich – nicht nur im populären Denken – die Vorstellung, Emotionen seien so etwas wie Reflexe. Und ebenso populär halten sich Vorstellungen von einer Klaviatur von (nach Ekman: acht) Grundemotionen. Und dass man diese an Mimik und Gestik ablesen könne (4 Irrtümer über nonverbale Kommunikation).

Für die Emotionsforscherin Feldman Barrett sind solche Vorstellungen viel zu kurz gesprungen. Es gibt Emotionen nicht „an und für sich“. Sie werden vielmehr konstruiert, sind kontext- und kulturabhängig. Und abhängig von der Lerngeschichte. Daher wäre es hilfreich, differenzierter zu sein in der Betrachtung, eine emotionale Granularität, so Feldman Barrett, und damit eine emotionale Kompetenz zu entwickeln.

Zurück zum Beitrag des Autors (Wut-Coaching): Er geht schlicht von einer überholten theoretischen Grundlage aus. Die gleichwohl – dank Hollywood & Co. – populär ist, weil sie so simpel und eingängig ist. Zumeist aber bloß ein Klischee ist. Und deshalb wird sie dem Publikum immer wieder eingetrichtert: Die Erde ist halt eine Scheibe! Don’t think twice! Folglich dürfte die Vorstellung auch von nicht wenigen Coaches geteilt werden. Jenen, die sich nicht tiefer mit Psychologie, Neurowissenschaften und so weiter beschäftigt haben. Die aber in ihrer Coaching-Praxis zwangsläufig in Kontakt mit Emotionen kommen und sich oft überfordert fühlen. Da nutzt es wenig, an den „kühlen Kopf“ und die Rationalität zu appellieren. Nicht nur, weil ich ihnen diesen sicheren Boden auch leicht unter den Füßen wegziehen könnte (Embodiment: Ganz von dieser Welt), sondern weil sie es eh bemerken werden, dass es leichter gesagt ist als umgesetzt: Emotionen außen vorzulassen.

Die weiblichen Emotionen

Der Autor (Wut-Coaching) fühlt sich allerdings noch genötigt, das Wut-Coaching von Psychotherapie abzugrenzen. Da das Coaches als in der Regel nicht in Psychotherapie Ausgebildete sowieso kaum können, darf man solches getrost als lautes Pfeifen im Walde bezeichnen. Zumal der Vorschlag des Autors selbst unbrauchbar erscheint. Aber so zerstreut er vermutlich die Furcht seiner Leserschaft vor der Beschäftigung mit dem Thema Emotionen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf: Coaches machen doch keine Psychotherapie, wildern doch niemals in fremden Gefilden … also per definitionem (Erkennen Coaches einen Psychotherapiebedarf ihrer Klienten?). Wer kommt denn bloß auf so eine Idee (Crossing the Border)?

Da nun die Bahn frei ist, widmet sich der Autor dem „Verständnis für die Entwicklung weiblicher Emotionen“. Er gibt sich gleich selbst die Absolution für Verallgemeinerungen und konstatiert: „Das Ausagieren von Wut wird bei Jungen viel eher geduldet als bei Mädchen.“ Daher haben letztere zumeist gelernt, Wut zu unterdrücken. Es resultiert dann oft (Achtung: Sublimation!) Traurigkeit und Weinen. Was dann wiederum kulturell gegen sie ausgespielt wird: Sie sind hysterisch, man muss sie nicht ernst nehmen. Im gegenteiligen Fall, wenn sie ihre Emotionen kontrollieren können, erscheinen sie gefährlich, weil: eiskalt.

Das Coaching-Konzept

Es gilt deshalb im Coaching, die Klientin zu „entschuldigen“, sie von Gefühlen der Schuld und Scham zu befreien. Es braucht Ermutigung und Perspektivenwechsel, Bewusstwerdung und Verständnis. Und dann: Katharsis! Und schlussendlich: „Meditation. Letzteres ist der Königsweg der Selbsterforschung und der entscheidende Schritt zur Veränderung.“ Das ist die Transformation: „Emotionen bewusst beobachten zu lernen, ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen.“

Na, da bin ich aber beeindruckt, dachte, die Katharsis-Hypothese sei schon lange widerlegt … Und, nichts gegen Achtsamkeitsmeditation im Allgemeinen und Introvision im Besonderen. Doch der Autor bezieht sich nicht auf diese Konzeptionen konkret bzw. lediglich oberflächlich und schildert sein Vorgehen – im Gegensatz zu Uli Dehner (Stress wirksam bekämpfen) – eher wie einen Spaziergang.

Da frage ich mich doch, welche von Scham und Schuldgefühlen Gemarterten sich vertrauensvoll ins Wut-Coaching begeben werden.

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Thomas Webers

Dipl.-Psych., Dipl.-Theol., Fachpsychologe ABO-Psychologie (DGPs/BDP), Lehrbeauftragter der Hochschule Fresenius (Köln), Business-Coach, Publizist

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