REZENSION: Lisa Feldman Barrett – Wie Gefühle entstehen. Eine neue Sicht auf unsere Emotionen. Rowohlt Polaris 2023.
Die althergebrachte Geschichte der Emotionen geht so: Wir alle haben Gefühle, die uns vom ersten Atemzug an begleiten. Sobald etwas in der Außenwelt passiert, melden sich auch schon unsere Emotionen schnell und automatisch, als hätte jemand auf einen Knopf gedrückt. Unser Gesichtsausdruck, unsere Stimme spiegeln diese Gefühle. Unsere Körperhaltung verrät unsere Emotionen mit jeder Geste, jeder hängenden Schulter. Die Gesamtheit dieser Bewegungen in und am Körper sind ein typisches Muster, das für bestimmte Emotionen einzigartig ist – wie ein Fingerabdruck. Und der ist von Mitmenschen klar zu verstehen.
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Jeder Emotion, so das neuzeitliche Update der klassischen Auffassung, entspricht ein ebenso klar definiertes Aktivitätsmuster in Gehirn. Weil unsere Emotionen Artefakte der Evolution sind. Sie gehören zu unserer biologischen Natur und sind im primitiven Teil des Gehirns, im sogenannten Reptiliengehirn lokalisiert. Deshalb sind Emotionen auch universell. Wir teilen sie nicht nur mit allen menschlichen Rassen, sondern auch mit Tieren. – Doch da gibt es noch eine Besonderheit: Menschen verfügen über Vernunft. Sie ist ein neuer Teil unseres Geistes und in der Großhirnrinde lokalisiert. Ihre Rolle ist, die Emotionen im Limbischen System zu regulieren. Und deshalb tobt da oft ein innerer Kampf zwischen unserem aufgeräumten Oberstübchen und den animalischen Untiefen. Ohne die Ratio wären wir bloß ein emotionales Tier.
Mythos und Klischee
Das sind schöne Geschichten – und so richtig wie die Behauptung, jeden Morgen gehe die Sonne auf. Aus einer gewissen bodenständigen Perspektive heraus mag es plausibel erscheinen. Doch die Schlussfolgerung, die Sonne drehe sich um die Erde, ist, bewegt man sich mal ein paar Meter oberhalb der Grasnarbe, offensichtlich falsch. So auch die Sache mit den Emotionen. Schon im Kindergarten lernen wir diese Geschichten. Als Jugendliche entdecken wir die Macht der Emoticons und als Erwachsene belagern uns Rhetoriktrainer, um uns beizubringen, wie wir die Gefühlswelt unserer Mitmenschen präzise entschlüsseln können. Und dann ist da noch die Sache mit dem Lügendetektor: Alles Schmu? Größtenteils. Das meiste ist eine grobe Karikatur – und eine fatale Illusion.
Die renommierte Psychologin und Neurowissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett zeigt auf der Grundlage neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse, dass solche populären Vorstellungen von Emotionen auf dramatische Weise veraltet sind – und dass wir einen hohen Preis dafür zahlen, wenn wir (weiter) naiv mit ihnen operieren. Die modernen Neurowissenschaften haben eben keinen Beweis für irgendwelche speziellen Emotionsschaltkreise im Gehirn finden können. Im Gegenteil: Nicht Eindeutigkeit, sondern Variation und Vielfalt sind die Regel.
Emotionen sind kein angeborenes Programm. Sie werden nicht automatisch in Situationen getriggert. Sondern vom Individuum aufgrund seiner spezifischen Erfahrung, seiner Lebensumstände und seiner Kultur aktiv erzeugt. Deshalb spricht Feldman Barrett auch von einer Theorie der konstruierten Emotion. Was sogleich Assoziationen zum Konstruktivismus weckt. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass Wahrnehmung und Erinneru…
