9. September 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Teamentscheidungen und was sie so kompliziert macht

KRITIK: Ich habe mal eine lebhafte Diskussion mit einer Führungskraft eines Konzerns geführt und dabei die These vertreten, dass man auf Führungskräfte komplett verzichten könne. Mein Gesprächspartner war fassungslos. Seine Kernfrage: „Und wer trägt dann die Verantwortung?“ Meine Antwort: „Derjenige, der eine Entscheidung trifft.“ Gegenfrage: „Und wer soll das sein, wenn es keine Führungskraft gibt?“ Antwort: „Der jeweils Zuständige. Und wenn das ein Team ist, dann eben das Team.“

Tja, so kamen wir nicht weiter. Seine Erfahrung war, dass am Ende immer einer oder eine sich verantworten muss. Ich fragte, was denn genau damit gemeint ist? Soll der- oder diejenige dann zurücktreten? Den entstandenen Schaden oder Verlust privat ausgleichen? Buße tun? Ein Bekennerschreiben aufsetzen? Was soll das sein, dieses „Verantwortung übernehmen“?


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Wer hat Schuld?

Tatsächlich gemeint ist: Es wird immer nach jemandem gesucht, der Schuld hat. Damit alle anderen entschuldigt sind. Und keine Konsequenzen befürchten müssen. Es ist eben ungemein praktisch, wenn sich jemand finden lässt, der diese Rolle übernimmt. Ein ganzes Team für schuldig zu erklären, ist deutlich schwieriger.

Wenn ich in einer Diskussion mal soweit komme, dann wird die letzte Karte gezogen: In einer Gesellschaft muss schon aus gesetzlichen Gründen ein Verantwortlicher benannt werden „Die Geschäftsleitung ist verantwortlich und trägt damit das Risiko. Also muss sie auch die letzte Entscheidungsgewalt haben.“

Frage des Vertrauens?

Okay, aber wieso ein Einzelner? Spielen wir das mal durch. Fünf Kollegen tun sich zusammen und gründen ein Unternehmen. Sie treffen gemeinsam Entscheidungen und vertreten sie nach außen und gegenüber den Mitarbeitenden. Was spricht dagegen, wenn sich alle fünf als Geschäftsführer eintragen lassen? Unpraktisch, ich weiß. Weil dann alle jeden Vertrag unterschreiben müssen. Oder aber jeder ist allein vertretungsberechtigt – was ein hohes Vertrauen untereinander voraussetzt.

Ach was – ist doch nicht anders, als wenn Gesellschafter einen einzelnen von ihnen (oder einen Angestellten) zum Geschäftsführer ernennen. Braucht es da kein großes Vertrauen?

Also noch einmal: Was genau ist also das Problem, wenn ein Team (wie in dem Fall der fünf Kollegen) gemeinsam die Entscheidungen trifft? Ohne dass einer allein am Ende die Verantwortung trägt – sprich zum Schuldigen gemacht werden kann?

Jetzt kommt Argument Nr. 2: Teams brauchen zu lange, um Entscheidungen zu treffen, das kann ein Unternehmen (eine Abteilung, einen Bereich) lähmen und im schlimmsten Fall wird gar nichts mehr entschieden. Wobei wir doch längst wissen, dass Teams ein Problem viel besser analysieren und weitaus kreativer Lösungen entwickeln können als ein Einzelner. (Ich weiß, dass es durchaus auch mal Genies gibt, die besser als ein Team sind – aber die müssen es erst mal in eine Führungsposition schaffen).

Was Teams brauchen

Hier kommen die wesentlichen Voraussetzungen, damit Entscheidungen im Team funktionieren (Aber bitte mit System) – extra kurz und knapp, weil altbekannt. Ich führe sie nur deshalb auf, um das Argument, dass Teams zu lange brauchen, zu entkräften.

Es muss eine starke von allen geteilte Vision geben. Oder eine klar formulierte Unternehmensstrategie. Wenn die Teammitglieder unterschiedliche Vorstellungen von dem, was das Unternehmen erreichen soll, haben, werden Diskussionen schwierig.

Die Zuständigkeit für jedes Team muss klar definiert sein – die Frage: „Fällt das überhaupt in unseren Bereich?“ sollte nicht auftauchen, sonst werden Entscheidungen natürlich aufgeschoben.

Es sollte geklärt sein, welche Entscheidungen von allen Teammitgliedern gemeinsam und welche von Teilen des Teams oder gar Einzelnen getroffen werden können.

Und schließlich: Wie wird entschieden? Gemeint ist: Wie kommt man zu einer Entscheidung, wenn es unterschiedliche Auffassungen gibt? Hier ist eine gute Moderation gefragt. Und intensiv trainierte Entscheidungsverfahren. Wobei immer wieder genannt wird: Entscheidung per Konsent. Aber Würfeln geht auch. Ernsthaft.

Warum man doch Führungskräfte braucht

Ich drehe die Sache mal um: Führungskräfte brauche ich nur, wenn all das nicht geklärt ist. Wenn es keine Vision gibt, die von allen geteilt wird, wenn Zuständigkeiten unklar sind und die Teams nicht wissen, was sie entscheiden dürfen. Und sie nicht darin trainiert sind, gemeinsam zu Entscheidungen zu gelangen. Dann braucht man in der Tat einen Verantwortlichen oder eine Verantwortliche, die, ob sie nun kompetent ist oder nicht, eine Entscheidung verkündet. Und die sich dann wundert, dass alles an ihr hängenbleibt. Aber das ist ein eigenes Thema.

Können Sie die Kritik nachvollziehen?
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Johannes Thönneßen

Dipl. Psychologe, Autor, Moderator, Mitglied eines genossenschaftlichen Wohnprojektes. Betreibt MWonline seit 1997. Schwerpunkt-Themen: Kommunikation, Führung und Personalentwicklung.

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2 Kommentare zu „Teamentscheidungen und was sie so kompliziert macht

  1. Spannender Beitrag, Johannes! Dein Ansatz ist allerdings sehr stark aus einer westeuropäischen bzw. deutschen Perspektive auf Führung und Teamdynamiken gedacht.

    Wer in interkulturellen und internationalen Konstellationen arbeitet, merkt schnell, dass Teammitglieder aus Scham- und Schuldkulturen nach ganz anderen Prinzipien funktionieren. In vielen dieser Kulturen gehen die Konzepte von Scham, Gesichtswahrung und kollektiver Verantwortung weit über das hinaus, was wir im Westen unter Begriffen wie „Wer hat Schuld?“ oder „Frage des Vertrauens“ verhandeln. Eine vermeintlich einfache Teamentscheidung oder offene Fehlersuche kann dort völlig andere Dynamiken auslösen oder gar nach hinten losgehen.

    Du schreibst: „mein Lieblingsthema, inzwischen aber auch ziemlich in die Jahre gekommen […] Kann mir kaum vorstellen, hierzu noch mal etwas Neues zu lesen.“

    Ich denke, genau hier lässt sich noch extrem viel sagen und neu denken, insbesondere mit Blick auf die Anforderungen einer zunehmend interkulturellen und diversen Arbeitswelt. Gerade aus interkultureller Sicht bietet das Thema Führung und Teamentscheidung noch reichlich Raum für frische Impulse.

    1. Hallo Harry, danke für den Kommentar. Es stimmt, ich habe das nur auf die mir vertraute Umgebung bezogen, ohne interkulturelle Aspekte zu bedenken. Wie sich die zunehmend internationale Zusammensetzung von Teams auf Entscheidungsverfahren und -verhalten auswirken wird, dazu wird es sicher noch so manche neue Forschung geben. Mein – zugegeben – eher dem Frust geschuldeter Satz im Newsletter bezog sich eher darauf, dass die Erkenntnisse über Entscheidungsverfahren und Teamentscheidungen in der Praxis nach wie vor nur eine geringe Rolle spielen. Herzliche Grüße Johannes

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