8. September 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Zustand angstfreier Produktivität

KRITIK: Bei der Arbeit in den Zustand des Flows zu geraten, ist uns nicht häufig vergönnt. Kann man das ändern? Laut der Neurowissenschaft schon. Beim Flow ist „das Gehirn extrem auf eine konkrete Tätigkeit fokussiert und blendet auch den kleinsten störenden Reiz aus“ (Werden Sie Flow-süchtig!).

Wie beim Glücksspiel. Da reichen laut einer kanadischen Studie zwei Runden am Spielautomaten, um nicht-spielsüchtige Menschen in einen vergleichbaren Zustand zu versetzen. In dem sie in der Lage sind, sich nicht mehr ablenken zu lassen. Das ist der ”Zustand der angstfreien Produktivität”.


Anzeige:

Beraten im Dialog Dr. Michael Loebbert:
Coaching, Supervision und Organisationsberatung für Beratung in Organisationen
Zur Webseite...


Da muss man also nur noch herausfinden, was beim Glücksspiel so anders ist als beim Arbeiten und dann die Prinzipien übertragen. Hier die Merkmale: Der Schwierigkeitsgrad ist gerade so hoch, dass man die Aufgabe nicht nebenher bearbeiten kann – aber nicht zu hoch, damit man nicht überfordert ist. Die Aufgaben wechseln sich ab, aber nicht so oft, das man den Überblick verliert. Und es gibt immer wieder kleine Erfolgserlebnisse, so dass man nicht frustriert wird.

Langsam steigern

Also nichts wie los: Man muss also erst mal dafür sorgen, dass die eigene Tätigkeit nicht zu anspruchsvoll ist, aber auch nicht zu leicht. Wenn man sie so gestaltet hat, kann man den Schwierigkeitsgrad langsam steigern – wie bei Spiele-Apps, bei denen man das nächste Level erreicht. Das geht zum Beispiel auch, indem man bei gleicher Aufgabe die Zeit immer mehr verknappt.

Für die kleinen Erfolgserlebnisse sorgt man, indem man sich viele kleine Zwischenziele setzt. Ein solches zu erreichen ist wie der Aufstieg in das nächste Spiele-Level.

Bisschen üben

Und jetzt kommt’s: Am Anfang muss man sich ”ein bisschen” anstrengen. Für den Flow braucht es nämlich eine gewisse Routine, er setzt nicht sofort ein – auch ein Spiel beherrscht man nicht vom ersten Moment an, auch wenn am Automaten schon zwei Runden reichen.

Das klingt auf den ersten Blick mal wieder sehr überzeugend, ich frage mich nur, wie das in der Praxis aussehen soll. Ich nehme mal die gar nicht so schwere Aufgabe, meinen Garten vom Unkraut zu befreien. Keine unglaublich schwierige Aufgabe, und da Unkraut nicht gleich Unkraut ist, auch ein wenig abwechslungsreich. Ich setze mir also Ziele: Beet 1 in 30 Minuten, Beet 2 in 25 und Beet 3 in 20 Minuten. Ob das funktioniert?

Oder: Ich schreibe einen Beitrag für MWonline. Anspruchsvoll genug, um meine Aufmerksamkeit zu binden. Wie soll ich da die Schwierigkeit steigern – mehr Sätze in weniger Minuten? Und wie soll das ein Krankenpfleger machen? Oder ein Manager in Meetings? Da dürfte das mit dem Flow schwierig werden.

Modell für Routineaufgaben?

Bleibt wohl die Erkenntnis, dass es schon sehr spezielle Aufgaben sind, die zu einem Flow führen. Nämlich eher ziemlich schlichte Routineaufgaben, die, wenn man sie einmal beherrscht, durchaus quasi von selbst laufen.

Ich hätte da sogar ein eigenes Beispiel: Ich möchte bestimmte Läufe auf dem Klavier beherrschen und habe am Anfang häufig nach kurzer Zeit des Übens abgebrochen. Langweilig und furchtbar mühsam. Dann aber noch mal ganz langsam angefangen, so entsetzlich langsam, dass es kaum zum Anhören war. Danach minimal beschleunigt, dann noch mehr. Dann eine kleine Variation.

Und tatsächlich: Es gibt inzwischen Situationen, in denen ich plötzlich aus dem Flow erwache und feststelle, dass ich schon über eine halbe Stunde völlig konzentriert wieder und wieder die gleiche Sequenz gespielt habe. Das mit dem ”bisschen anstrengen” ist also das Geheimnis, oder wie Beck schreibt: „Beharrlichkeit wird beim Flow oft unterschätzt.“

Wohl aber kaum ein Konzept, mit dem Arbeitgeber dauerhaft ihre Beschäftigten in den Zustand einer angstfreien Produktivität versetzen können …

Können Sie die Kritik nachvollziehen?
Teile diesen Beitrag:

Johannes Thönneßen

Dipl. Psychologe, Autor, Moderator, Mitglied eines genossenschaftlichen Wohnprojektes. Betreibt MWonline seit 1997. Schwerpunkt-Themen: Kommunikation, Führung und Personalentwicklung.

Alle Beiträge ansehen von Johannes Thönneßen →

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert