INSPIRATION: Der Leib ist eine vernachlässigte Dimension in Beratungsprozessen. Wir sind immer noch stark kopflastig unterwegs. Und glauben, dass vor allem Reden in der Beratung wichtig sei; und ausreiche, um Veränderungen anzuschieben.
Pustekuchen! Und wenn wir Berater:innen ehrlich sind, dann geben wir das auch mal (hinter vorgehaltener Hand) zu. Aber wir tragen schwer an einem geistesgeschichtlichen Erbe – wie die meisten Zeitgenossen. Der Körper-Geist-Dualismus geht auf den französischen Philosophen René Descartes zurück (1596 – 1650). Sein Credo lautet: Cogito, ergo sum – Ich denke, also bin ich. Für Descartes ist der menschliche Geist der „Kapitän auf dem Schiff“ des Körpers. Der Körper ist ihm eine bloße Maschine, die der Geist wie ein Puppenspieler kontrolliert. Das steckt dermaßen tief in der „DNA“ des Westens …
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Coaching. Empowered by emotions.
Die SBEAT®-Ausbildung für erfahrene Coaches: Mit SBEAT® setzen wir um, was neurowissenschaftliche Forschung belegt: Reden reicht nicht. SBEAT® ist eine emotionsaktivierende Methodik. Ein strategisches Coaching mit Embodiment und Emotionen. Die SBEAT® Ausbildung 2024 – Juni bis Dezember 2024
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Mythen
Dummes Zeugs, wie wir spätestens seit den 1990er-Jahren wissen. Die Vernunft ist rational, Emotionen sind irrational: Noch so ein Irrglaube! Doch ebenfalls ein weit verbreiteter. Dabei fand eben in jenen 1990er-Jahren eine emotionale Wende in den Neurowissenschaften statt. Und diese Wende, wir bei MWonline haben darauf schon mehrfach hingewiesen (Neurowissenschaftliche Fundierung von Coaching), ist radikal. Und es lohnt, sich damit zu beschäftigen. Das Stichwort lautet Embodiment (Die Rückkehr der Gefühle). Die aktuelle Ausgabe der OSC geht zu diesem Schwerpunktthema. Und ich habe sie, will ich nicht verschweigen, es war mir eine Ehre, kuratiert.
Den Aufschlag macht Wolfgang Tschacher (Mehr als Reden: Embodiment im Coaching). Der Berner Altmeister in Sachen Embodiment (Embodiment: Ganz von dieser Welt) liefert ein Update zum Thema. Natürlich holt er ein wenig aus. Aber die Beispiele, die er präsentiert, sind allesamt interessant. Lehrreich sind seine Ausführungen (eigene Forschung) zum Konzept der interpersonellen Synchronie.
Es ist in Beraterkreisen längst zum Allgemeingut geronnen, dass das sog. Spiegeln hilfreich sei. Mehr noch, dass Berater:innen Pacing und Leading beherrschen sollen: Erst ranrobben an den Klienten, ein wenig mitschwingen, dann – Zack! – Führung übernehmen. Im NLP (NLP als Pseudowissenschaft) predigt man das seit Jahrzehnten.
Aber ohne empirische Grundlage, so Tschacher. Und so berichtet der emeritierte Psychotherapieprofessor aus seiner eigenen Forschung. Und kommt zum Schluss: Es besteht eben „die Gefahr, dass die gewollt-synchrone Beziehung unecht und ‚gemacht‘ wirken kann. (…) Synchronie schlägt deshalb um in negativen Affekt, wenn man sich ‚nachgeäfft‘ fühlt.“
Tschacher insistiert, dass immer der Kontext entscheidet. Und dass Körpersprache nicht eindeutig lesbar sei; wie wir schon an anderer Stelle vernommen haben (4 Irrtümer über nonverbale Kommunikation). Besser sei es, so Tschacher, dem Gegenüber die Wahl der Synchronie-Option zu überlassen. Das, nicht die Leader-Variante aus dem NLP, sei die angemessenere Haltung für einen Coach.
Transhumanismus
Thomas Fuchs, Professor für philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Heidelberg, ist ebenfalls ein Embodiment-Experte. Sein Beitrag (Die Zukunft des Menschen) zeichnet die Entwicklung der neuzeitlichen Ambivalenz des Menschen, dessen Schwanken zwischen Allmachts- und Ohnmachtsgefühlen nach. Für ihn Anzeichen eines kollektiven Narzissmus. Und der hat seinen Grund: Nach dem von Nietzsche proklamierten „Tod Gottes“ nehmen Menschen heute eine tiefe innere Leere wahr. Wir sind allein in dieser Welt. Und „es rettet uns kein höhres Wesen“, so die ernüchternde Erkenntnis, die nicht nur (Die Internationale) besingt. Und diese Leere wird in der Folge überkompensiert: Durch Kontrolle, Wissen, Fortschritt und Macht etc.
Das Ergebnis: Hybris. Wir bauen den babylonischen Turm immer höher, wähnen uns als „Herren und Meister der Natur“, setzen also jenen Imperativ Descartes immer radikaler um, träumen inzwischen vom Leben auf dem Mars – und fühlen uns doch kleiner als je zuvor; insbesondere, wenn wir realisieren, dass wir die Klimakatstrophe nicht aufhalten können. Der „Transhumanismus“ von Elon Musk und anderen predigt hingegen die superintelligente KI. Fuchs nennt dieses Streben digitalen Animismus. Eine Art makabrer Geisterbeschwörung. Und stellt dem einen Humanismus der Verkörperung und der Beziehung gegenüber. Back to earth! Es gibt für uns Menschen keine Alternative zur Einbettung in eine ökologische Umwelt des Lebendigen. – Ein beeindruckender Essay!
Embodiment im Coaching
Embodiment ist kein Thema bloß für philosophische Diskurse, sondern eine sehr praktische Angelegenheit. Ellen Flies, deren Buch wir vor einiger Zeit schon vorgestellt haben (Embodiment und Emotionen), zeigt an einem Fallbeispiel (Embodiment und Emotionen in Führung und Coaching – ein Fallbeispiel), wie Embodiment das Verständnis von Führung verändert: Hin zu einem verkörperten, situativ eingebetteten Prozess emotionaler Selbst- und Fremdregulation. Anhand eines Fallbeispiels stellt sie ihren Ansatz des strategisch-behavioral-emotionsaktivierenden Trainings (SBEAT®) vor. Es handelt sich um ein körperbasiertes Coachingformat, das emotionale Überlebensstrategien sichtbar und primäre Emotionen zugänglich macht. Dabei ist ihr auch die Emotionsforscherin Lisa Feldman Barrett (Emotionen: Gefühlsduselei vermeiden) eine wichtige Gewährsfrau.
Flies stellt ihren Coaching-Ansatz an einem Beispiel ausführlich dar. Dabei wird die konsequente methodische Verschränkung von Körper- und Emotionsaktivierung (bottom-up) und Reflexion, Interpretation, Zielklärung (top-down) als Koproduktion zwischen Coach und Klient illustriert. In drei Schritten (Klären und Verstehen, Präzisieren und Akzeptieren, Handeln und Verändern) werden implizite emotionale Muster in einem sog. emotionalen Ressourcenpool (ERP), der die Gesamtheit der im emotionalen Hotspot wirksamen Emotionen, meist ein ganzes Bündel an Emotionen, erlebbar und neue, verkörperte Handlungsoptionen können entwickelt werden.
An der Grenze zur Psychotherapie?
Vielleicht muss man einen häufig gehörten Vorbehalt gegen ihr Vorgehen erwähnen: Der lautet, dass die gelernte Psychotherapeutin mit ihrem Ansatz die Grenze vom Coaching zur Psychotherapie überschreite. Offenbar machen Embodiment und Emotionen gar manchem gehörig Angst: Ob man für eine solche Arbeit kompetent genug sei? Man drehe dieses Argument einfach einmal um: Sind Coaches kompetent genug für rein kognitives Arbeiten? Und warum? Kompetenz fällt nie vom Himmel, sie muss immer entwickelt werden. Und wenn man verstanden hat, dass der kognitive Ansatz allein zu schmal ist, und damit steht Ellen Flies nun wirklich nicht allein da, das sagen u.a. auch Ryba & Roth (Neurowissenschaftliche Fundierung von Coaching) oder Storch & Krause (Ganzheitliches Selbstmanagement). Was spricht dagegen, seine Kompetenz ganzheitlich weiterzuentwickeln?
