PRAXIS: Was tun Sie, wenn Sie sich gestresst fühlen? Oder besser: Was würden Sie gerne tun, aber kommen dann doch nicht dazu? Wenn Sie im Job den ganzen Tag auf Trab gehalten wurden und sich ausgelaugt und erschöpft fühlen? Oder wenn Sie stundenlang vor dem Rechner gesessen haben und einfach nur müde sind?
Na klar – wir ahnen, was zu tun ist. Bewegung, gesunde Ernährung, Entspannung, ein sinnvolles Hobby, soziale Kontakte. Es heißt ja Work-Life-Balance – wir versuchen, in die Balance zu kommen. Wenn wir überhaupt etwas versuchen, und es uns nicht nur vornehmen. So kommt es, dass ein Arzt, der viele Stunden auf den Beinen ist und im Krankenhaus von einem Patienten zum anderen rennt, abends auch noch aufs Rennrad steigt und viele Kilometer strampelt. Und sich trotzdem nicht besser fühlt.
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Wider das natürliche Prinzip
Ein Denkfehler, sagt ein Facharzt für Neurologie und Psychotherapie (Der Balance-Irrtum). Das wahre Leben, die ganze Welt strebt vielleicht nach einer Balance, aber nicht wie eine Waage, sondern eher wie eine Wippe. Es ist ein Wechsel zwischen mehr oder weniger starken Extremen. Mal ist der Blutdruck hoch, mal niedrig, je nach Situation. Es gibt Tag und Nacht, Ebbe und Flut. Natürlich auch immer wieder den Zustand zwischen den Extremen, aber – um im Bild zu bleiben – wie langweilig wäre es, wenn wir auf der Wippe längere Zeit in der Mitte, der Balance, verharren würden?
Was bedeutet das für erlebten Stress? Natürlich gelten die üblichen Empfehlungen: Bewegen, abwechslungsreich ernähren, entspannen, soziale Kontakte, Pausen. Allerdings sollten wir viel genauer hinschauen, was genau uns stresst. Wer in besonders reizintensiven Umgebungen arbeitet (Großraumbüro), bei dem bedeutet die Wippe vielleicht, hin und wieder eine reizarme Umgebung aufzusuchen – mit einem Spaziergang über die Felder.
Wer viele Stunden vor dem Bildschirm verbringt, der benötigt vielleicht deutlich intensivere Bewegungen (Fitness-Studio). Wer von einem Meeting zum anderen rennt, dem hilft regelmäßiges Entspannungstraining. Wer sich lange Zeit extrem konzentrieren muss bei seinem Job, der könnte mit Gartenarbeit oder Basteln versuchen, ein Gegengewicht zu schaffen.
Beweglich bleiben
Aber eben nicht, um dem unerreichbaren Zustand der Balance näher zu kommen, sondern um diese Beweglichkeit zu sichern, die wir auch benötigen, um auf die unterschiedlichsten Anforderungen angemessen reagieren zu können.
Kein Wunder also, dass der erwähnte Arzt immer wieder solche Phasen hatte, in denen er nach dem Dienst oder am Wochenende noch viele Kilometer strampelte, aber diesen ”Ausgleich” ebenso oft wieder einstellte und stattdessen erschöpft auf dem Sofa lag. Sein Ausgleich wäre vielleicht dann doch eher der gemächliche Spaziergang im Wald gewesen, ohne andere Menschen, ohne noch stärkere körperliche Belastungen.
Häufiger und kürzer
Ein letzter Tipp, der auch nicht neu ist: Wenn Sie herausgefunden haben, wie bei Ihnen die andere Seite der Wippe aussieht, dann versuchen Sie, lieber öfter und kürzer dieser Tätigkeit nachzugehen als länger und seltener. Denn auch das ist eine Denkfalle: Wir nehmen uns vor, das zu tun, was uns Freude und Ausgleich beschert, aber erlauben uns das erst, wenn wir das andere, „das Wichtige”, erledigt haben.
Nur: Unsere To-do-Listen werden nie leer, es gibt immer Wichtigeres zu tun. Und wenn wir die Ausgleichstätigkeiten auf die „ruhigen Zeiten“ verschieben, dann sind sie weniger wirkungsvoll. Sie sollten zwischendurch eingeschoben werden, eben in den Zeiten, in denen auch die Belastungen hoch sind. Genau hieran aber scheitern wir dann häufig und bleiben auf der einen Seite der Wippe hängen. Wer nimmt sich schon in Zeiten einseitiger Belastung eine kurze Auszeit und wechselt auf die andere Seite der Wippe?
