18. Mai 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Buch-Cover: Philosophisches Handbuch Künstliche Intelligenz

KI: Ein Rundumschlag

REZENSION: Klaus Mainzer (Hrsg.) – Philosophisches Handbuch Künstliche Intelligenz. Springer VS 2024.

Man muss es gleich zu Beginn sagen: Bei dem Buch handelt es sich nicht (!) um einen abgedrehten, abstrakten Traktat. Sondern um ein Werk, das gut verständlich und lesbar in die Grundlagen von KI einführt. Die Autoren sind alle Experten verschiedener Wissenschaftsdisziplinen und teilen ihr Wissen, um der Leserschaft das Phänomen KI verständlich zu machen. So dass sie informiert sind und mitreden können. Und zwar auf einem tieferen Niveau, als es gemeinhin üblich ist. Das ist hilfreich angesichts eines Medienhypes und somit erkenntnissteigernd. Natürlich hat das seinen Preis: Einen Kaufpreis im dreistelligen Euro-Bereich und einen Umfang von über 900 Seiten. Das wird nicht jeder bereit sein zu investieren.


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Wie kann man ein solches Werk rezensieren? Vermutlich nur mit einem kurzen Überblick und einigen Vertiefungen. Vielleicht muss man auch nicht jedes Kapitel würdigen. Wer Spezialinteressen hat, kann sich dann immer noch vertiefen. Und genau das ist der Plan: Es folgt hier gleich ein Überblick und in den nächsten Tagen folgen immer mal wieder einzelne Beiträge, die auf einzelne Themengebiete (=Buchteile, die mehrere Kapitel umfassen) fokussieren. Diese Beiträge werden hier am Ende aufgeführt (mit Sprungmarken), und umgekehrt werden die einzelnen Beiträge auf das Gesamtwerk, also diesen Text verweisen, damit sich der Gesamtzusammenhang erschließt.

Eine Enzyklopädie

Es geht zunächst um Grundlagen, die logisch-erkenntnistheoretischen und methodischen Grundlagen der KI werden erklärt. Dann geht es um Orientierungswissen für die Einzelwissenschaften und die Gesellschaft. KI-Forschung soll, so der Herausgeber, seines Zeichens Wissenschaftsphilosoph und Emeritus an der Technischen Universität München (TUM) sowie Seniorprofessor an der Universität Tübingen, als verantwortbare Dienstleistung für uns Menschen gestaltet werden.

Seit der Antike bauen Menschen Maschinen. In der Neuzeit entsteht die Idee, Maschinen zu entwickeln, die „denken“ können. Genau: Aber was heißt das eigentlich? „Wie keine Technologie vorher zielt die Künstliche Intelligenz (KI) in das Zentrum des menschlichen Selbstverständnisses.“ Also müssen diese Grundlagen zunächst geklärt werden. Dabei wird die Philosophie als Grundlagenforschung verstanden. Was sind die Prinzipien unseres Wissens, seine logischen Grundlagen, die transdisziplinären Zusammenhänge, auch seine sozio-kulturellen Bedingungen und ethischen Konsequenzen?

Intelligenz wird als Fähigkeit zur Problemlösung verstanden. Womit zugleich klar wird, es gibt nicht die eine Intelligenz. Differenzierung tut Not. Damit werden neue Fragen aufgeworfen. Es geht schließlich um Orientierungswissen. Und, soviel sei vorweggenommen, das gelingt den Autoren recht gut. Auch wenn man sich hier auch eine längere Lesereise begibt, man ja auch nicht alles lesen muss, die Kapitel stehen für sich, und über komplizierte mathematische Terme kann man vielleicht einfach hinweg blättern, ohne dass man das Gefühl hat, den Anschluss verloren zu haben. Offensichtlich war hier ein kompetentes Lektorat am Werk.

Der rote Faden

Der 1. Teil des Buchs beginnt mit einer Geschichte der KI. Es geht um die Anfänge in Mythologie, Philosophie und Technik. Wir haben an anderer Stelle schon einen solchen tiefen Tauchgang in die Sozialgeschichte unternommen (KI – es ist nicht drin, was draufsteht). Philosophisch interessierte Leserinnen wird es nicht wundern, dass der Name Gottfried Wilhelm Leibniz hier auftaucht. Der will im 17. Jahrhundert Denken und Wissen auf Rechnen zurückführen, um damit alle wissenschaftlichen Probleme durch Rechenkalküle lösen zu können. Seine Mathesis Universalis stellt die Programmatik dar, auf der dann im 20. Jahrhundert John von Neumann und Konrad Zuse aufbauen.

Im zweiten Teil geht es um die logischen Grundlagen der KI. Diese bauen auf einer zweiwertigen Logik auf, das passt zufälligerweise perfekt zum binären Rechenmodus mit O und 1. Heute gehören Expertensysteme, so der Herausgeber, zum Alltag in Forschung und Beruf, ohne dass sie explizit als „künstliche Intelligenz“ wahrgenommen werden.

Doch dann kommt es zu einem spektakulären Durchbruch: Sprachverarbeitende Systeme werden entwickelt. Teil 3 handelt davon. Sprache galt traditionell als Domäne des Menschen. Beginnt nun eine neue Ära? Was mit Weizenbaums Programm ELIZA in den frühen 1960er-Jahre begann, begegnet uns heute als ChatBot.

Die Evolution ist die Mutter natürlicher Intelligenz (4. Teil). Wie ging das vonstatten? Kann man die Evolution durch Algorithmen zu simulieren? Um das zu verstehen, müssen zunächst die Grundlagen konnektiver komplexer Systeme in den Naturwissenschaften erklärt werden. Der Fokus geht daher zunächst auf zelluläre Automaten, dann auch die Bioinformatik.

Ist es nicht faszinierend, dass biologische Gehirne so viel effizienter arbeiten als energiefressende Supercomputer? Neuronale Netze und Lernalgorithmen haben Wissenschaftler schon früh beschäftigt. Machine learning ist der große Hype, dem der 5. Teil nachgeht. Hier wartet eine alte philosophische Kontroverse auf den Leser. Und die Black Box.

Der sechste Teil weitet den Blick auf die Robotik. Vom maschinellen Assistenzsystem zum humanoiden Roboter – mittels künstlicher Intelligenz. Es ist mehr als spannend, dass den Robo-Konstrukteuren das Stichwort Embodiment (Die Rückkehr der Gefühle) durchaus bekannt ist. Ob sie es schaffen, die konzeptionelle Herausforderung zu meistern? Oder ob sie bei der „Blechbüchse“ bleiben (müssen)?

In Teil 7 geht es um eine neue Philosophie der Intelligenz. Vom einzelnen zum globalen Netzwerk. Man denke an selbstfahrende Autos, das Internet der Dinge, an Smart Cities, Smart Factories und Smart Grids.

Spätestens jetzt wandern rechtliche und ethische Fragestellungen ins Blickfeld. Darum geht es in Teil 8. Auch um Fragen der Demokratie (Verraten und verkauft).

In Teil 9 werden nun Konsequenzen aus der Technikphilosophie für die Technikgestaltung gezogen. Wird es bald eine Superintelligenz geben? Und der Mensch überflüssig werden oder überwunden? Das Stichwort Transhumanismus, das von manchen Tech-Leadern wie Elon Musk befürwortet wird, steht im Raum.

Ein Epilog des Herausgebers beschließt das Handbuch: Grenzen der KI – theoretisch, praktisch, ethisch. Es gibt digital prinzipiell nicht entscheidbare und digital technisch-praktisch nicht lösbare Probleme. Das erinnert an Gödels Unvollständigkeitstheorem. Erwartet uns vielleicht eine Renaissance analoger Technik? Oder eine hybride KI, die digitales, analoges und Quanten-Computing in neuromorphen Rechnerstrukturen verbindet? Das bleibt wohl abzuwarten.

Das Handbuch erweist der Leserschaft in Breite und Tiefe eine fundierte Basis, das Themenfeld Künstliche Intelligenz zu ergründen und zu verstehen. Eine Zumutung im doppelten Wortsinn.

Einzelbesprechungen

  • Stefan Höltgen – Von der Sprachphilosophie zu ELIZA. S. 215-236.

wird fortgesetzt …

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Thomas Webers

Dipl.-Psych., Dipl.-Theol., Fachpsychologe ABO-Psychologie (DGPs/BDP), Lehrbeauftragter der Hochschule Fresenius (Köln), Business-Coach, Publizist

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