26. August 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Buchcover: Das Auge des Meisters

KI – es ist nicht drin, was draufsteht

REZENSION: Matteo Pasquinelli – Das Auge des Meisters. Eine Sozialgeschichte Künstlicher Intelligenz. Unrast 2024.

„Es wird der Tag kommen, an dem die gegenwärtige KI als Archaismus gilt, der als technisches Fossil neben anderen erforscht werden kann.“ Das Fazit des Autors zum Schluss seiner langen Expedition durch die Sozialgeschichte klingt markig – aber auch prophetisch. Da er aber tief und umsichtig in die Analyse der sogenannten KI einsteigt und deren Genese nachzeichnet, erscheint es zugleich plausibel. Denn die erste Erkenntnis, die man aus der Lektüre mitnimmt, ist vielen inzwischen längst bekannt: KI ist weder künstlich noch intelligent (Neuer Arbeitsethos). Der Begriff ist vielmehr eine Verschleierung und Tarnung: Es ist aber nicht drin, was draufsteht.


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Die zweite Erkenntnis hängt damit zusammen und lautet: KI ist eine Kristallisation eines produktiven sozialen Prozesses. In dem die Arbeiterschaft unsichtbar gemacht wird (Ghost Work). Es sind nicht bloß die Heerscharen von Gig-Workern, die vor allem in Ländern des globalen Südens unter prekären Bedingungen die – oft genug im wahrsten Sinne des Wortes – Drecksarbeit erledigen (Gig-Work – eine Verzweiflungstat?). Es sind gleichwohl die Milliarden von Menschen wie Du und Ich, die schon lange und intensiv an KI mitwirken, ohne das vielleicht zu ahnen. Indem sie ihre Daten, mal gefragt, mal ungefragt den Datenmonopolisten überlassen.

Plattformkapitalismus

Das wirtschaftliche Szenario, in dem KI heute eine Rolle spielt, lautet Plattformkapitalismus. Und daher geht es um die „Wurst“, um eine politische Frage: Wollen wir das (weiterhin zulassen)? Oder nicht? Es greift zu kurz, einen Techno-Solutionismus gegen einen Techno-Pauperismus auszuspielen. Technik allein ist nicht schlimm, böse, gefährlich etc. Sie kann es aber in den Händen von Menschen sein. Und das zeigt, dass eine sozio-technische Analyse unerlässlich ist. Und nicht bloß der Blick auf die Technik.

Die bessere Frage lautet daher – ich spitze das mal etwas zu: Wollen wir als Sklaven der Datenmonopolisten leben? Oder wollen wir die Technologie für Freiheit, Gemeinschaft und Selbstbestimmung nutzen? Wenn Letzteres, dann müsste es um Dekolonisierung gehen. Denn KI, so das Fazit des Autors, hat uns längst kolonisiert (Überwachungskapitalismus). „Einer der problematischsten Aspekte der KI ist ihr epistemischer Einfluss auf die Gesellschaft, die Art und Weise, wie sie Intelligenz als eine maschinelle Intelligenz darstellt und implizit Wissen als ein prozedurales Wissen pflegt.“

Meister und Diener

Die eigentliche Gestalt der KI-Algorithmen ist soziale Intelligenz. Arbeit ist der erste Algorithmus, so der Autor, und er geht dafür zurück in die Jahre der industriellen Revolution: Die Entwicklung von Maschinen enteignete die Arbeiter. Ihr Wissen und Können wurden ihnen gestohlen. Man könnte daher die Arbeitsteilung (Kopf und Hand), die im Taylorismus zur vollen Entfaltung kommt, als die Ursünde betrachten: Die Mechanisierung des Algorithmus.

Hier kommen zwei Dinge zusammen: Eine neue Maschine kommt auf, um eine vorherige Art der Arbeitssteilung zu imitieren und zu ersetzen (Arbeitstheorie der Maschine). Und diese Arbeitsteilung ermöglicht es, zu kalkulieren, zu messen, zu überwachen (Prinzip der Arbeitskalkulation). Das Aufkommen der Informationstechnologien erscheint dem Autor somit „als Teil der langen Evolution der räumlich-zeitlichen Abstraktionen“. Die alte Einheit von Geist und Hand wird gekappt und beides separiert. Kohle statt mensc…

Thomas Webers

Dipl.-Psych., Dipl.-Theol., Fachpsychologe ABO-Psychologie (DGPs/BDP), Lehrbeauftragter der Hochschule Fresenius (Köln), Business-Coach, Publizist

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