INSPIRATION: Was wäre, wenn immunologische und hormonelle Aktivitäten uns viel stärker beeinflussen würden als wir denken? Wir das in der Regel aber nicht bemerken würden? Auch nicht in Coaching, Psychotherapie und Medizin?
Zuletzt hatte ich das Konzept Embodiment als neues, ganzheitliches Paradigma vorgestellt (Embodiment: Zurück zur Ganzheitlichkeit). Na ja, für Eingeweihte war das vielleicht nicht ganz so neu. Etliche Kolleg:innen arbeiten beispielsweise mit dem ZRM, das maßgeblich auf Embodiment basiert, schon seit 20 Jahren (Ganzheitliches Selbstmanagement). Aber für andere war es vielleicht doch neu und inspirierend. Solche Ideen brauchen Zeit, um sich zu herumzusprechen.
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Ich denke, wir können getrost davon ausgehen, dass Menschen, wenn man sie heute auf das biopsychosoziale Modell anspricht, nicken werden: Körper, Geist und soziale Umwelt sollten zusammengedacht werden, weil sie zusammenwirken. Seit den 1950er-Jahren werden solche Gedanken diskutiert: George L. Engel, Viktor von Weizsäcker, Thure von Uexküll, Joseph W. Egger und andere wären hier zu nennen. Was für ein Fortschritt: Eine lange überfällige Revolution der mechanistischen Sicht auf den Menschen in Medizin und Psychologie! Wenn man sich davon als Patientin oder Angehöriger im konkreten Alltag unseres Gesundheitssystems leider noch nicht immer und überall überzeugen kann.
Psychoneuroimmunologie
Die Psychoneuroimmunologie geht noch konkretere Schritte weiter und betrachtet jeden Menschen als untrennbare Einheit von sozialen, psychischen, neuronalen, hormonellen und immunologischen Aktivitäten. Doch einem renommierten Vertreter dieser Forschungsrichtung geht auch dies nicht weit genug. Autor Christian Schubert (Psychoneuroimmunologie und integrative Einzelfallstudien) kritisiert, dass man der Komplexität dieses Forschungsgebiets nicht gerecht werden könne, wenn man gängige Methoden der „alten“ Medizin und Psychologie – wie randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und Laborexperimente – favorisiere. Es seien solche Methoden, die eben mechanistisch seien, weil sie lediglich auf Mittelwerte und Streuungen aus wären, also konkrete Einzelfälle mit dem „Rasenmäher“ behandeln würden.
Und noch einen Aspekt kritisiert der Medizin-Professor und Psychotherapeut: „Aus systemischer Sicht lässt sich dabei davon ausgehen, dass professionelle Beratung nicht nur seelisch-geistige, sondern auch körperliche Prozesse beeinflusst und dass diese körperlichen Reaktionen wiederum rückwirkend auf den Beratungsprozess einwirken.“
Die enge Linse des Querschnitts
Besonders interessiert den Forscher in diesem Zusammenhang die Rolle von Stress. Denn wir wissen inzwischen, dass Dauerstress problematisch ist. Ist der Cortisolspiegel dauerhaft erhöht, steigt die Infektanfälligkeit, verzögert sich die Wundheilung, kann es zu allergischen Reaktionen und depressiven Symptomen kommen. Ebenfalls ist der umgekehrte Zusammenhang erforscht. Und das interessante Neue: Solche Zusammenhänge wirken häufig erst mit einer zeitlichen Verzögerung von 48 bis 72 Stunden. Die klassische Medizin und auch die Psychologie betrachten die Welt aber gerne im Querschnitt. Sozusagen aus einer Hier-und-Jetzt-Perspektive. Vermutlich entgehen der Wissenschaft bislang also entscheidende Details. Wenn das nicht mal eine starke Hypothese ist! Der Autor hat dazu einen entsprechenden, allerdings auch recht aufwändigen Untersuchungsansatz entwickelt: die integrative Einzelfallstudie. Das Gegenteil zum klassischen „Rasenmäher“.
Zu Beginn wird mithilfe mehrerer psychodiagnostischer Interviewinstrumente ein Überblick erhoben. Dann werden zwei Mal täglich (12-Stunden-Intervalle) über mindestens 25 Tage immunologische Daten erhoben, und zwar über Urinproben. Hier interessiert die Forschung die biologische Zeitreihe eines bestimmten immunologischen Markers. Parallel dazu werden auch psychologische Zeitreihendaten erhoben. Und zwar synchron über das Ausfüllen eines Fragebogens durch die Studienteilnehmer/in. Jede Woche nehmen diese zudem an einem halbstrukturierten, ausführlichen Interview teil. Dessen Ergebnisse ergeben die sozialen Zeitreihendaten. Alles in allem also ein sehr aufwändiges Verfahren, keine Frage. Aber die Grundlage für die Erstellung biologischer, psychologischer und sozialer Zeitreihendaten, die anschließend statistisch analysiert werden. So können die Wirkrichtung, die Reaktionsmuster sowie die zeitlichen Verzögerungen der Effekte zwischen den Zeitreihen ermittelt werden.
Wie beim Schiffe versenken
Der Autor präsentiert mehrere Fallbeispiele, bspw. Personen mit chronischer Autoimmunerkrankung, und im Kontrast dazu eine gesunde Probandin sowie eine Brustkrebsüberlebende. Es zeigt sich, dass sich bedeutsames Stresserleben einer Person erst mit einer Zeitverzögerung von mehreren Stunden bis Tagen im Immunsystem abzeichnet. Und somit die aktuelle Stimmung, aber eben auch körperliche Reaktionen erst dann wirksam und spürbar werden. Selbstredend sind diese bei den chronisch Erkrankten im Vergleich zu den Gesunden unterschiedlich.
So müsste man eigentlich einen Patienten mit einer aktuell auffälligen Reaktion fragen, was für ihn oder sie Besonderes vor drei oder vier Tagen geschehen sei (Living in the Past). Wobei das in beide Richtungen zu denken wäre: Ein bemerkenswertes, emotional packendes Erlebnis im Coaching dürfte sich bei der Klientin vermutlich erst drei Tage später, also in der Zukunft, immunologisch und stimmungsmäßig auswirken. Ob nun Coaches oder Therapeut*innen, sie können mit ihren Hypothesen und Interventionen eben auch ziemlich daneben liegen, wenn sie diese bloß auf den aktuellen Zeitpunkt der Interaktion mit der Klientin beziehen. Das erinnert ein wenig ans altbekannte Spiel „Schiffe versenken“: Mit der langen Stange im Nebel …
Besser wäre es, Zeitreihenanalysen zu unterstützen. Man denke nur an das altbekannte Tagebuchschreiben. Oder moderne Ansätze wie das synergetische Prozessmanagement (Erkennen, wie man „tickt“). Inzwischen liest man sogar schon von Apps, mit denen Menschen beispielsweise ihr Stresserleben monitoren können (Dem Stress auf der Spur).
Der schwarze Schwan
Mit den gängigen mechanistisch-reduktionistischen Forschungsansätzen, so das Fazit des Autors, wären die Ergebnisse nicht zu erzielen gewesen. Das legt nahe, „dass die zahlreichen widersprüchlichen Resultate in der medizinischen Forschungsliteratur darauf zurückzuführen sein könnten, dass die Komplexität lebendiger Prozesse bislang unterschätzt wurde und ihnen daher methodisch nicht ausreichend Rechnung getragen wird“. Der Autor verweist in diesem Zusammenhang auf das Phänomen des schwarzen Schwans. Andere nennen solches den sog. „Elefanten im Raum“, den angeblich niemand sieht.
Und deshalb sind die oft gut gemeinten Ratschläge aus dem Umfeld chronisch Kranker an diese selbst, ihre Beschwerden hätten bestimmt auch etwas mit Stress zu tun, wenig hilfreich, weil unspezifisch und zudem ausschließlich diese selbst in den Blick nehmend. Sie erzeugen bloß Scham und Hilflosigkeit bei den Adressaten. Solche pauschalen Vorwürfe zu bedienen, sollte sich für Professionelle eh verbieten, sind aber leider auch häufig noch zu beobachten. „Klagt der Patient etwa über zu viel psychischen Stress, wird ihm zur Entspannung geraten. Leidet er hingegen unter chronischer Erschöpfung, wird ihm absurderweise körperliche Bewegung verordnet.“
Bitte helfen Sie mir nicht …
Andersherum betrachtet kann man das Symptom als eine Art Kompromissbildung sehen, „die es dem Betroffenen ermöglicht, doch noch irgendwie mit den aktuellen Lebensanforderungen zurechtzukommen“. Beseitigt man bloß das Symptom (z.B. mit Schmerzmitteln), ignoriert man die Warnung – und leistet der Chronifizierung Vorschub. Offensichtlich muss hier noch etliche Forschungsarbeit geleistet werden. Die Erkenntnisse müssen sich aber zugleich in der Community der Professionellen herumsprechen, damit bspw. chronisch Kranken besser geholfen werden kann.
Aber auch für Coaches sehe ich hier noch Nachholbedarf, wenn ich mal darüber nachdenke, wie beliebt Methoden wie Mimikresonanz sind, die von wissenschaftlicher Seite keine Unterstützung bekommen (4 Irrtümer über nonverbale Kommunikation). Tja, man darf sich doch mal was wünschen! Oder? Wenn auch die Coachausbilder noch nicht einmal das Thema Psychopathologie in ihre Coaching-Weiterbildungen implementiert bekommen (Erkennen Coaches einen Psychotherapiebedarf ihrer Klienten?).
