KRITIK: Der Personaler hat es nie leicht. Während die Kollegen von Finanzen oder Vertrieb oder Marketing fleißig mit Zahlen hantierten, kann er in dieser Hinsicht wenig vorweisen. Und wenn überhaupt, dann sind es eher Zahlen, die niemand gerne hört: Fluktuation, Krankenstand, Personalkosten, Führungsspannen, Headcount, Altersstruktur, Gehaltsstruktur, Arbeitsunfälle usw.
Wenn er etwas Positives zu berichten hat, dann höchstens Ergebnisse von Mitarbeiterbefragungen, wenn der Wert der Zufriedenheit mal ein wenig gestiegen ist. Und selbst hier erntet er vermutlich skeptische Blicke. Nach dem Motto: ”Na gut, mag ja sein, dass die Beschäftigten zufriedener sind, aber am Ende zählen die Ergebnisse.“
Wie wäre es, wenn er nachweisen könnte, dass eine Reorganisation, die er begleitet hat – bisher eher immer ein Himmelfahrtskommando für HR -, den Umsatz angekurbelt hat? Wenn die nach seinem Vorschlag neu zusammengesetzten Teams deutlich produktiver wären? Wenn die Produktionsschwankungen enden, weil seine Analysen der Gleitzeitkonten diese erklären und beseitigen helfen?
Alles wird schneller und besser
All das ist nun möglich. Denn anders als bisher, wo seine Mitarbeitenden mühsam Zahlen in Exceltabellen schieben mussten und dann daraus bunte Grafiken erstellten, und die Manager vor Ort elend lange auf Berichte von HR warten mussten, hilft nun – ja was wohl – Organizational Analytics, People Analytics, Workforce Analytics (Eine Aufgabe für den Organisationsversteher).
Wo der Personaler und mit ihm das Management bisher im Dunkeln tappten, wird es nun hell. Wo bisher das Bauchgefühl herrschte, kann nun auf Faktenbasis gemanagt werden. Mehr noch: Es lassen sich Szenarien simulieren: Was passiert mit dem Altersdurchschnitt, den Fehlzeiten, der Fluktuation, den Arbeitskosten (mmhhh … doch wieder die gleichen Zahlen), wenn zwei Teams zusammengelegt werden? Wenn ein Unternehmen gekauft und integriert wird?
Damit das funktioniert, braucht es natürlich gute Daten. Gut bedeutet, dass Kennzahlen vorher genau definiert werden. Wenn ein Manager wissen will, wie viele Leiharbeitskräfte, Teilzeitmitarbeitende, Werkstudenten, Aushilfen usw. in welchem Bereich beschäftigt sind, dann sollte auch klar sein, was genau unter dem jeweiligen Status zu verstehen ist.
Hauptsache Daten
Ich staune! War das nicht schon immer so? Ob nun ein Mensch Zahlen mühsam auswertet oder die KI das übernimmt – vorher musste doch immer geklärt werden, was eigentlich genau gemessen wurde. Nun, mir soll es recht sein. Wenn das erst jetzt passiert, weil die KI das gerne möchte, dann ist das ja ein Fortschritt. Und wenn die KI die Auswertungen viel schneller liefert als der Personaler das jemals geschafft hat, auch fein. Wenn dann der Manager die Schaubilder tagesaktuell selbst abrufen kann und nicht mehr auf Berichte von HR warten muss – meinetwegen.
Nur: Es gibt ”Fakten”, die eine KI zwar analysieren kann, aber deren Grundlage auch nicht besser wird, weil das Anylse-Tool schlauer wird. Da tauchen Begriffe auf wie ”Teamklima” und ”Skill-Mix” auf – da möchte ich sehen, wie man Kennzahlen genau definieren möchte. Genauso bei Kompetenzen oder individuellen Leistungen. Da dürfte die KI eine Menge über Beurteilungsmuster von Führungskräften ausspucken – aber vielleicht ist da ja auch interessant.
Fehlende Fantasie?
Aber wer weiß, vielleicht bin ich auch nicht mit genügend Fantasie gesegnet (Analytics für Führungskräfte). Vielleicht kann ja in Zukunft eine KI die Zusammensetzung der Luft im Raum erfassen und daraus Rückschlüsse auf das Teamklima ziehen. Oder – wie schon häufiger vorhergesagt – Texte, E-Mails und vielleicht sogar das gesprochene Wort aufzeichnen, zerlegen und daraus auf Stimmung, Skills und Kompetenz schließen. Und dann Vorschläge zur Zusammensetzung von Teams machen, eine neue Sitzordnung vorschlagen, Aufgaben neu verteilen, Führungskräfte austauschen usw.
Meine Befürchtung: Erneut machen Berater unseren Personalern große Hoffnung, dass sie endlich den Stellenwert erhalten, den sie gerne hätten. Aber wenn endlich einmal all die ”weichen” Zahlen ordentlich definiert und alle automatisch erhoben und ausgewertet werden – wozu sollte der Unternehmer sich noch einen Personaler leisten?
