INSPIRATION: Wir alle kommunizieren fast nur noch über große Social-Media-Plattformen, die überwiegend in US-amerikanischer Hand sind. Sollte man da aussteigen? Und wenn ja, wie? Ein Plädoyer für einen konzertierten Aufbruch.
Nicht nur Unternehmen, auch Vereine sowie die öffentliche Verwaltung – nicht zu vergessen: Millionen von Privatpersonen – kommunizieren fast nur noch über große Social-Media-Plattformen. Das hat Vorteile, es ist simpel und alle anderen sind auch „drin“. Aber es hat auch gehörige Nachteile. Wir sind nicht nur abhängig von Zuckerberg & Co., unsere Daten sind auch vor CIA & Co. nicht sicher.
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Ein Leben in der IT-Sklaverei
Und wie man längst weiß, ist der Social-Media-Gebrauch bisweilen sogar schädlich (Tue Gutes und rede darüber). Viele sind nicht glücklich mit dieser Lage. Immer lauter werden die Rufe, bestimmte Dienste zu verbieten, jedenfalls für Jugendliche und Kinder. Eine nicht unumstrittene Idee, weil etliche dagegenhalten und sagen, das löse doch das grundsätzliche Problem nicht: Den Kommerz als gnadenlosen Treiber. Aber was tun? Aussteigen? Könnte man machen. Aber stirbt man – wenn die anderen alle bleiben – nicht den sozialen Kältetod?
Divide et impera, sagten schon die alten Römer. Allein ist verdammt hart. Aber was wäre, wenn sich viele verabreden zu einem gemeinsamen Ausstieg? Mit dieser Vision starten die Autoren (Alle aussteigen, bitte) ihren Beitrag: „Stellen wir uns einen Tag in der nahen Zukunft vor, sagen wir: im Herbst 2026. 100 der einflussreichsten Medienhäuser, Hochschulen, Verbände und Behörden veröffentlichen auf ihren Webseiten gleichzeitig eine Erklärung. Darin steht: Wir steigen gemeinsam aus.“ Wow! Da guckst Du dumm, großer Bruder!
Ein Gedankenspiel
Der gemeinsame Ausstieg folgt dem bekannten Kampagnenstil – kennt man von Greenpeace & Co. Noch ehe der große Bruder sich versehen hat, folgt der nächste Schlag: „Eine Gruppe großer Unternehmen verkündet, dass sie einen großen Teil ihres Werbebudgets von nun an nur noch auf europäischen Plattformen ausgeben will.“ Halleluja! Und dann geht die Post ab! Der Hebel, das Momentum ist so groß, dass eine Bewegung daraus werden kann. Otto Normalverbraucher muss dann nur noch mitmachen. Sein Risiko, am sozialen Kältetod zu versterben, ist verflogen. Weil auch längst eine neue, europäische Infrastruktur etabliert wurde und die Migration ein Kinderspiel ist.
Unter Knackis
„Wir haben kein Technologieproblem, sondern eines mit unserem gesellschaftlichen Verhalten,“ so die Autoren. Wir haben uns freiwillig in Gefangenschaft begeben (Wir Zombies), und nun finden wir nicht mehr hinaus. Weil wir die Pfadabhängigkeit, das Eingesperrtsein (Lock-in), spüren (Wer hat, dem wird gegeben) und eben den sozialen Kältetod fürchten.
„Sanft ruhet die Gewohnheit der Macht auf der Macht der Gewohnheit,“ brachte der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger in einem frühen Gedicht das schon auf den Punkt. Selbst die Politik dreht und windet sich, was im Falle von TikTok denn nun angebracht sei, aber „die Logik der Plattformökonomie [wird] unwidersprochen als selbstverständlicher Ort öffentlicher Kommunikation hingenommen“.
Als Beobachter hat man das Gefühl, live einem Gefangenendilemma (Spieltheorie) beizuwohnen, so die Autoren. Zur Erinnerung: Zwei Menschen, die gemeinsam eine Straftat begangen haben sollen, werden getrennt verhört. Schweigen beide, so die Ansage, kommen sie glimpflich davon. Gesteht nur einer, profitiert dieser als Kronzeuge, der andere bekommt die volle Strafe. – „Weil beide befürchten müssen, vom anderen verraten zu werden, gestehen am Ende beide – obwohl das gemeinsame Schweigen für beide besser gewesen wäre.“
Vabanque
Derweil ist das seinerzeit dezentral angelegte Internet zum Oligopol geworden. Die Techbros – Google, Meta und Amazon – haben sich den Kuchen vor unseren Augen aufgeteilt. „Digitale Öffentlichkeit ist heute, wenn man so will, in weiten Teilen nur gemietet, während ihre Vermieter die Spielregeln bestimmen.“ Und die damit Unzufriedenen? „Jeder wartet auf den anderen.“ Doch eigentlich ist es bloß ein Koordinierungsproblem …
Also: Ran an den Speck! Holen wir uns zurück, was uns gehört! Es braucht nur eine kritische Masse. Es braucht eine gemeinwohlorientierte Infrastruktur – meine Rede (Tue Gutes und rede darüber). Und dann den Konvoi, wie dass die Autoren nennen: „zusammen aufbrechen und das Risiko der ersten Schritte auf mehrere Schultern verteilen.“
Der Kern, das Bündnis sollte aus „öffentlich-rechtlichen und privaten Medienhäusern“ bestehen. Hinzukommen sollten Hochschulen, Stiftungen, NGOs, Verbände, öffentliche Einrichtungen. So eine richtige Graswurzelbewegung. Und die braucht nicht nur eine Vision, sondern eine konkrete eine Verabredung. „Denkbar ist ein gemeinsamer Starttermin, auf den sich alle Beteiligten über mehrere Monate vorbereiten.“ In Werkstattgesprächen wird das Konzept diskutiert und entwickelt. Bis es dann live geht. Übrigens gibt es schon eine Kernzelle für diesen Aufstand, das Hamburger Vocer-Institut, ein gemeinnütziger Think Tank zur digitalen Transformation von Medien und Journalismus, dem die Autoren verbunden sind.
