INSPIRATION: In Konflikten besitzen Menschen eine erstaunliche Fähigkeit: Sie wissen ziemlich genau, warum der andere sich so verhält. Er will Recht behalten. Sie will kontrollieren. Der Kollege fühlt sich wichtiger als alle anderen. Und der Mitarbeiter? Der blockiert einfach.
Schön, wenn die Welt so eindeutig wäre.
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Für das Konfliktmanagement lohnt sich eine kleine Unterscheidung: Verhalten ist beobachtbar. Die Absicht dahinter nicht. Ein Mitarbeiter stellt eine längst getroffene Entscheidung zum dritten Mal infrage. Die Führungskraft erklärt noch einmal. Irgendwann wird der Ton schärfer. Schließlich ist doch alles gesagt.
Vielleicht genau das.
Wenn eine Botschaft auf der Sachebene keinen Sinn ergibt, geht es möglicherweise gar nicht um die Sache, sondern darum, wie jemand gesehen werden möchte. Vielleicht will der Mitarbeiter nicht die Entscheidung ändern. Vielleicht will er erleben, dass seine Expertise noch zählt. Vielleicht geht es um Einfluss, Anerkennung oder die Sorge, übergangen zu werden.
Muss nicht so sein. Könnte aber.
Bei anderen sehen wir Verhalten
und schließen daraus schnell auf Motive. Bei uns selbst kennen wir hingegen die ganze Geschichte. Wenn der andere unterbricht, ist er respektlos. Wenn wir unterbrechen, wollen wir nur ein Missverständnis verhindern.
Praktisch, oder?
In der Paartherapie wird dieser Unterschied besonders sichtbar. Hinter Kritik kann der Wunsch nach Nähe stecken. Hinter Rückzug der Versuch, eine Eskalation zu vermeiden. Das Verhalten erreicht dann mitunter exakt das Gegenteil dessen, was eigentlich gebraucht wird. Und beide Seiten reagieren wiederum auf das sichtbare Verhalten des anderen. Fertig ist der Kreislauf.
Unter Stress wird es nicht besser
Nun könnte man meinen, vernünftige Menschen müssten das doch merken. Dummerweise sind Konflikte selten Wellnessveranstaltungen. Unter Stress kann sich der eigene Blick auf einen Konflikt verengen. Dann wirkt die erste Deutung schnell wie die einzig plausible: Er blockiert. Sie will kontrollieren. Er respektiert mich nicht. Aus einer möglichen Erklärung wird innerlich eine Gewissheit.
Kommt noch eine alte emotionale Erfahrung hinzu, wird die Sache interessanter. Eine heutige Situation kann sich plötzlich anfühlen wie etwas sehr Bekanntes: „Ich werde wieder übergangen.“ „Ich bin nicht wichtig.“ „Man traut mir nichts zu.“ Die Reaktion gilt dann nicht mehr nur dem, was gerade passiert.
Das Tückische dabei: Diese Deutung kann sich vollkommen stimmig anfühlen. Wer überzeugt ist, übergangen, nicht ernst genommen oder angegriffen zu werden, reagiert auf diese Bedeutung und nicht nur auf das beobachtbare Verhalten. Genau deshalb lohnt es sich, noch einmal zu trennen: Was ist tatsächlich passiert? Und was schließe ich daraus?
Oder einfacher: Das Gefühl, völlig klar zu sehen, ist kein Beweis dafür, dass man gerade besonders klar sieht.
Vielleicht sogar im Gegenteil ein guter Anlass, noch einmal hinzusehen.
Keine neue Information
Was hilft? Erstaunlich oft keine weitere Erklärung. Paare wissen häufig längst, wie ihr Konflikt funktioniert: „Ich werde lauter, du ziehst dich zurück. Dann werde ich noch lauter.“ Aha. Problem erkannt.
Und am Dienstag passiert es wieder.
Die entscheidende Veränderung kann darin liegen, in einer bekannten Situation etwas anderes zu erleben. Jemand erwartet Ablehnung und wird ernst genommen. Jemand erwartet Angriff und erlebt echtes Interesse. Jemand glaubt kämpfen zu müssen und merkt, dass seine Stimme auch ohne Kampf Gewicht hat.
Keine neue Information.
Eine neue Erfahrung
Vielleicht ist das auch für Führungskräfte interessant. Wenn eine Diskussion zum fünften Mal geführt wird, obwohl sachlich längst alles gesagt wurde, könnte die nächste Präsentation verzichtbar sein. Dann wären andere Fragen spannender:
Was beobachte ich tatsächlich? Welche Absicht unterstelle ich bereits? Und welche Erfahrung macht mein Gegenüber gerade mit mir?
Natürlich muss man nicht jeden Konflikt auf die Couch legen. Manchmal blockiert jemand tatsächlich. Manchmal geht es schlicht um Interessen, Macht oder eine schlechte Entscheidung.
Aber bevor man zum sechsten Mal erklärt, was längst verstanden wurde, könnte man kurz prüfen: Fehlt hier wirklich noch eine Information? Oder fehlt eine andere Erfahrung?
