INSPIRATION: Das mit den Gefühlen ist alles andere als einfach, wie ein Überblick über diverse Studien zeigt. Wir erleben, dass wir immer wieder vor Situationen stehen, in denen uns eigene Emotionen schwer zu schaffen machen. Sie können uns belasten, quälen, komplett aus dem Tritt bringen oder in fortwährendes Grübeln stürzen.
Klar ist, dass unangenehme Gefühle signalisieren, dass etwas nicht in Ordnung ist – was eine extrem hilfreiche Funktion ist. Wenn sie auftreten, reagieren wir, wobei jeder seine eigenen Muster hat. Am besten lösen wir das zugrundeliegende Problem und können uns dann wieder anderen Dingen zuwenden.
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Drei ”Strategien“
Aber was, wenn uns genau das nicht gelingt? Was, wenn die Emotion zu stark wird, uns den Blick auf eine Lösung verstellt? Wenn wir sie nicht als Botschaft oder Warnung interpretieren, sondern sie selbst zum Problem wird? Wohl dem, der entsprechende Bewältigungsstragien zur Hand hat. Davon kennen wir drei (Wie komme ich mit meinen Gefühlen klar?):
- Vermeidung der auslösenden Situation. Wer Streit mit einem Kollegen hat und ihn diese Auseinandersetzung nachhaltig belastet, könnte dem Kollegen aus dem Weg gehen.
- Unterdrückung der Emotion: Wir lenken uns ab, versuchen unsere Gedanken auf andere Dinge zu richten.
- Neubewertung der Situation – indem wir ihr etwas Positives abgewinnen. Nach dem Motto: Der Kollege hält mich ohnehin ständig von der Arbeit hab, so hat der Streit etwas Gutes.
Was davon funktioniert? Was nicht? Hier die Studien: Vermeidung und Unterdrückung gehen einher mit vermehrten Depressionen, Angst- und Essstörungen. Die Empfehlung ist vertraut: Vermeidung und Unterdrückung verschärfen das Problem.
Stimmt aber so generell nicht. Es gibt Studien, nach denen z.B. die Unterdrückung bei Kindern und Jugendlichen nicht schädlich ist. Auch bei Erwachsenen mit Borderline-Syndrom helfen Vermeidung und Unterdrückung kurzfristig.
Flexibel reagieren hilft
Eine Erkenntnis: Jede Strategie kann Nutzen stiften, z.B. wenn man sie nacheinander anwendet. Also erstmal unterdrücken, dann neu bewerten und schließlich sich dem auslösenden Problem zuwenden. Wie so oft gibt es also nicht die EINE und EINZIGE Methode, überwältigende Gefühle in den Griff zu bekommen – Flexibilität ist wichtig.
Nächste Frage: Kann man das lernen? Ja, sagen die Fachleute, und das ist auch hinreichend belegt. Psychotherapie wirkt. Auswertungen von zwanzig Programmen mit Kindern zeigen, dass diese einen ”mittelgroßen Effekt auf die emotionale Entwicklung der Kinder” haben – wobei interessanterweise kürzere Programme (unter 20 Stunden) bessere Ergebnisse erzielten.
Aber Achtung: Es gibt eine britische Untersuchung mit über 12.000 Schüler*innen, wonach viele nach solchen Trainings mehr emotionale Probleme hatten als vorher. Lösen also Übungen zum Umgang mit Ängsten genau das aus, was sie eigentlich vermeiden sollten?
Nocebo-Effekt
Wohl nicht. Es gibt ihn, den ”Nocebo-Effekt”. An der Universität Toronto führten Forscher Informationsveranstaltungen zum Thema ADHS durch. Erklärt wurde, wie oft Menschen betroffen sind, welche Symptome es gibt und wie man diese erkennt. Anschließend glaubten doppelt so viele Teilnehmer, dass sie selbst an ADHS leiden wie jene, die nicht an den Workshops teilnahmen. Die Probanden hatten vorher alle an einem ADHS-Screening teilgenommen – niemand litt tatsächlich an der Störung.
Also lieber kein Training in Sachen Emotionsregulierung? Doch, denn es gibt ein sehr einfaches und wirksames Mittel gegen den Nocebo-Effekt. Wenn man vor einem solchen Training die Teilnehmer informiert, dass sie anschließend bei sich selbst die Symptome beobachten werden, über die gleich informiert werden, verschwindet der Effekt völlig.
Was lernen wir daraus? Emotionen vielleicht erst mal annehmen und beobachten. Schauen, ob man etwas ändern kann und dann das auslösende Problem beseitigen. Geht das so einfach nicht, es durchaus auch mal mit Vermeidung, Verdrängung oder Umbewertung probieren. Wenn das Gefühl aber überhand nimmt, sich Hilfe holen. Klingt ziemlich vernünftig.
