INSPIRATION: Was ist der skurrilste Ort, an dem Sie je Ihre E-Mails gecheckt haben? Im Urlaub am Strand? Inmitten einer tollen Party an Silvester? Während eines Candle-Light-Dinners, als Ihr Partner mal eben seinen Platz verlassen hat? Auf dem Weg zum Gipfel beim Bergsteigen?
Seltsame Frage? Na ja, vielleicht ist das so eine der roten Linien, die Sie überschritten haben, ohne zu merken, dass es sich um eine solche handelt. Gemeint sind Momente, in denen Ihr Verhaltensmuster über Ihren Körper entscheiden und Sie dessen Signale übersehen (haben). Bis dieser dann streikt und Sie wie ein Manager in der Geschichte im Harvard Business Manager (Gefährliches Spiel) von einem Freund in die Notaufnahme der Psychiatrie gebracht werden.
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Angeblich trifft es immer häufiger Manager, die so gar nicht wahrhaben wollen, dass auch sie Grenzen haben. Die wie im besten Hollywood-Streifen jede Herausforderung meistern. Den Druck lieben, je größer er ist, desto mehr blühen sie auf. Sie lassen sich nicht unterkriegen, und wenn sie mal eine falsche Entscheidung treffen, dann wachsen sie natürlich daran. Selbst aus den größten Niederlagen machen sie eine Heldengeschichte. Dann wird sich kurz geschüttelt und weiter geht’s.
„Nur dieses eine Mal noch“
Eben nicht. Denn auch der größte Held kann irgendwann nicht mehr. Nur merkt er das meist gar nicht. So überschreitet er eine rote Linie nach der anderen. Interessant ist, dass die meisten im Rückblick diese Momente sehr klar benennen können – dann „leuchten sie in Neonfarben„. Einen Tag vor dem Zusammenbruch steht man dann vielleicht in der Küche und kann die einfachste Entscheidung nicht treffen. Eine Woche vorher hat man die halbe Nacht durchgearbeitet, um eine Präsentation fertig zu stellen, und den Rest der Nacht kaum geschlafen, obwohl man völlig erschöpft war. Vor zwei Monaten hat man noch ein Projekt übernommen, obwohl man genau wusste, dass es eigentlich nicht zu schaffen war. Und vor einem halben Jahr ist man zuletzt gejoggt, seitdem hat die Zeit dafür nicht gereicht.
Aber all das hat keine Warnlampe leuchten lassen, irgendwie musste es ja weiter gehen. Ein guter Hinweis auf eine rote Linie ist der Satz: „Nur noch dieses Mal!“ Wenn er Ihnen über die Lippen kommt, sollten sie spätestens innehalten. Und darüber nachdenken, was Sie da eigentlich treiben – bzw. was Sie antreibt.
Angst und Leidenschaft
Warum lassen wir es so weit kommen? Die Autorin und Psychotherapeutin im HBM erklärt das mit zwei Bildern. Zum einen hat es was mit unserer Grundmotivation zu tun. Diese sei wie zwei Flammen: Die eine heißt Leidenschaft, die andere Angst. Erstere treibt uns an, unsere Ziele zu erreichen, zweitere treibt uns an, um Scheitern und Niederlagen zu vermeiden. Beide machen uns schnell, aber eben nicht gleich gesund. Woraus folgt, dass wir uns mit unseren Ängsten beschäftigen sollten: Fürchten wir, abgehängt zu werden, wenn wir mal mehr als zwei Wochen Urlaub machen? Oder wenn wir früher das Büro verlassen, um unser Kind vom Kindergarten abzuholen? Oder für schwach gehalten zu werden, wenn wir Erschöpfung zugeben und eine Pause einlegen? Oder weil wir eine Aufgabe ablehnen, weil wir genau wissen, dass wir diese nur durch Überschreitung unserer Grenzen bewältigen können? Aber dafür einen hohen Preis zahlen werden?
Das zweite Bild ist das der zwei Antennen. Wir haben eine äußere und eine innere: Mit der äußeren empfangen wir die Signale anderer. Wir erkennen ihre Stimmung, spüren, was sie brauchen und wünschen. Runzelt der Chef die Stirn, bekommen wir das sofort mit und reagieren entsprechend unseres Musters.
Mit der inneren hingegen erfassen wir, ob wir selbst gestresst oder entspannt, ob wir zufrieden oder gefrustet sind. Wenn diese beiden Antennen nicht in Balance sind, z.B. die äußere deutlich empfindlicher eingestellt ist, dann merken wir die beschriebenen roten Linien nicht.
Erschöpfungs- oder Werkstolz
Ein letztes kleines Bild, das mir sofort einleuchtet: Wir kennen sicher alle das Gefühl, wenn wir uns angestrengt haben. Am Ende ganz erschöpft sind, aber gleichzeitig stolz auf das, was wir erreicht haben. Ob das der fertiggestellte Artikel, das gestapelte Holz im Garten, der 10-km-Lauf, die gelungene Präsentation oder nur der aufgeräumte Keller ist. So etwas nennt man Werkstolz.
In Jobs aber, die vor allem aus Meetings oder Gesprächen und Verhandlungen bestehen (Mörderischer Zeitplan), spürt man abends wohl auch eine erhebliche Erschöpfung. Aber worauf sollte man stolz sein? Dann ersetzt die Erschöpfung den Stolz bzw. man ist stolz darauf, erschöpft zu sein (Erschöpfungsstolz). Nicht: „Wow, das hab ich gut hinbekommen!“, sondern: „Wow, bin ich k.o. – das muss ein guter Tag gewesen sein!“ Dann wird Erschöpfung zum Statussymbol.
Bis zu jenem Moment, in dem nichts mehr geht …
