8. Februar 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Gesunder Krankenstand

INSPIRATION: Was tut der deutsche Arbeitnehmer, wenn er mal keine Lust hat zu arbeiten? Er ”feiert krank”. Und die bösen Ärzte spielen mit, schreiben krank, was das Zeug hält und schaden so der Wirtschaft. Was fordert die Politik? Karenztage – und quasselt was von Faulheit und Arbeitsethos. Wenn es denn nicht so traurig wäre und so typisch populistisch. Müssen wir das hier noch kommentieren? Zumal all das, was so an Maßnahmen diskutiert wird, von uns schon längst angemessen kommentiert wurde (Survivor Sickness). All das findet sich auch im aktuellen Beitrag des Harvard Business Managers wieder (Ganz schön krank).

Nichts Neues also? Doch, und zwar eine interessante Studie. Eine Studie des Kölner Ökonomen Jakob Alfitian beschäftigt sich nämlich mit einer höchst spannenden Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Krankenstand und Unternehmenserfolg? Bevor Sie weiterlesen: Würden Sie nicht auch annehmen, dass, je höher der Krankenstand, desto geringer der Erfolg ist?


Anzeige:

Führung entwickeln. Teams stärken. Klar entscheiden.
Ich begleite Menschen & Organisationen in Veränderung – mit Coaching, Seminaren & Moderation.
👉 Mehr auf julia-engels.de


Umgekehrte U-Kurve

Gemessen wurde über 36 Monate in fast 1.400 Filialen einer großen Supermarktkette, als Kennzahlen wurden Bruttoumsatz und monatliche Abwesenheitsrate gewählt. Und siehe da: Als ”gesunder Krankenstand” hat sich eine Quote zwischen 4 und 5% herausgestellt. Bei einem Krankenstand von 0 war der Umsatz genauso niedrig wie bei einem Krankenstand von etwa 14%. Der Zusammenhang entspricht einer umgekehrte U-Kurve, die rasch ansteigt und dann langsam abfällt.

Und nun? Kleiner Tipp an Arbeitgeber: Freuen Sie sich, wenn Ihre Mitarbeitenden eine Quote um die 4,5% Krankenstand aufweisen, das nämlich ist nicht nur okay, sondern auch gut für das Ergebnis. Erklärung: Wenn die Leute seltener wegen Erkrankung fern bleiben, heißt das nicht, dass sie gesund sind. Vermutlich eher im Gegenteil: Sie kommen krank zur Arbeit, leisten weniger und stecken vermutlich auch noch andere an.

Hybride Arbeit als Maßnahme

Und wenn der Krankenstand deutlich höher ist? Dann gelten die Empfehlungen von weiter oben (Survivor Sickness). Wobei zwei Tipps interessant sind, aber nicht allzu beliebt zur Zeit: Der eine lautet: Hybride Arbeit. Lassen Sie die Leute von zu Hause arbeiten, zumindest für einen Teil ihrer Arbeitszeit. Sie sind dann motivierter, erholen sich schneller von Erkrankungen, haben mehr Zeit für Vorsorge und fangen sich auf dem Weg zur Arbeit seltener Infektionskrankheiten ein. Das sind nämlich laut vieler Studien die Hauptursachen für den steigenden Krankenstand – der folgt nämlich dem sogenannten Praxisindex: Je mehr Atemwegserkrankungen, um so höher der Krankenstand. Da könnten vielleicht auch Luftfilter in den Arbeitsräumen helfen. Stichwort Prävention.

Die zweite Idee: Teilzeitkrankschreibung. Geht hierzulande (noch nicht), und wird vermutlich auch einen populistischen Aufschrei auslösen. Aber Erfahrungen aus skandinavischen Ländern zeigen, dass, wenn Arbeitnehmer bei kleineren Infekten zu Hause bleiben und weniger Stunden arbeiten, sie sich schneller erholen und früher an den Arbeitsplatz zurückkehren.

Wenn Misstrauen das Handeln bestimmt

All diese Fakten dürften allerdings auf keine große Resonanz stoßen – egal wie oft man sie wiederholt. Weil nun mal die Erzählung vom faulen Arbeitnehmer, der blau macht, sobald die Nase läuft, höchst beliebt ist. Um etwas zu ändern, müsste man erst einmal akzeptieren, dass Menschen tatsächlich aus Krankheitsgründen wegbleiben. Wer hier misstrauisch ist, wird weiter auf solchen Unsinn wie Anwesenheitsprämien oder Kontrollbesuche setzen.

Werden Sie diesen Beitrag weiterempfehlen?
Teile diesen Beitrag:

Johannes Thönneßen

Dipl. Psychologe, Autor, Moderator, Mitglied eines genossenschaftlichen Wohnprojektes. Betreibt MWonline seit 1997. Schwerpunkt-Themen: Kommunikation, Führung und Personalentwicklung.

Alle Beiträge ansehen von Johannes Thönneßen →

3 Gedanken zu „Gesunder Krankenstand

  1. Die Debatte zeigt vor allem eines:
    Wie schnell Fehlzeiten moralisch erklärt werden – statt systemisch.

    Die Studie zur umgekehrten U-Kurve bestätigt, was viele im Betrieb erleben:
    Ein niedriger Krankenstand ist kein Gesundheitsbeweis, sondern oft ein Hinweis auf Präsentismus und Misstrauen.

    Was dabei häufig fehlt, ist der Blick auf die Führung:
    Führungskräfte sollen Fehlzeiten „regeln“, wissen aber oft nicht, wie sie darüber sprechen sollen – und schweigen dann.

    Mehr Regeln und Druck verstärken dieses Schweigen.
    Orientierung und Entmoralisierung würden es eher auflösen.

    Danke für den differenzierten Impuls.

  2. Hallo Herr Meier,

    danke für die Frage.
    Nein, in meinem Weltbild gibt es weder nur „gute“ noch nur „untadelige“ Menschen – und genau deshalb halte ich moralische Zuschreibungen für wenig hilfreich. Natürlich gibt es in jeder Organisation Menschen, die es sich mit dem gelben Schein zu leicht machen. Mir geht es nicht darum, Fehlzeiten zu entschuldigen oder zu verklären, sondern darum, Erklärungen von Personen weg und hin zu Bedingungen zu verschieben, die in die Bettkanten-Entscheidung mit einfließen.

    Die Frage ist aus meiner Sicht weniger: Wer verhält sich richtig oder falsch? Sondern: Unter welchen Rahmenbedingungen entstehen Muster wie Präsentismus, Absentismus, Rückzug oder Schweigen – bei Mitarbeitenden und Führungskräften?

    Dass darüber unterschiedlich gedacht wird, ist völlig legitim.
    Mir ist nur wichtig, die Diskussion nicht auf Moral zu verkürzen, wenn wir wirksame Lösungen wollen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert