13. Februar 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Elektroplatine

Der Konjunktiv ist dem Genitiv sein Freund

KRITIK: Revolutioniert KI auch das Change-Management? Eine spannende Frage. Denn die Veränderungsarbeit mit Organisationen gilt bislang als Königsdisziplin. Da kann man sich schnell verheben, wie genügend Havarien in der Vergangenheit zeigen.

Lange vorbei sind die Zeiten, in denen man dachte, man bräuchte in Organisationen bloß irgendwelche Hebel umlegen: Strategie, Strukturen oder Kultur ändern. Damit ist gar mancher „Toolklempner“ vor Wände gelaufen oder auf die Nase gefallen. Als dann in den 1980er-Jahren die neue Bewegung der Organisationsentwickler Oberwasser bekam, lautete die Parole: Ganzheitlichkeit, Prozessorientierung und Partizipation.


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Denn genau das warf man den „Toolklempnern“ vor, dass sie ein Maschinenmodell der Organisation im Kopf hätten, mit dem man über die Köpfe der Beteiligten hinweg im Hauruck-Modus Veränderungen durchdrücken wollte. – Na ja, ein paar Jährchen später warf man nun dieser neuen Beraterfraktion vor, solche Aspekte wie Partizipation etwas zu euphemistisch verfolgt zu haben. Change funktioniere in unserer hochkomplexen Welt nicht, indem die Berater:innen – gut gemeint – mit der „roten Fahne“ vorwegliefen.

Mehr Bescheidenheit?

Die neue Bewegung der systemisch Beratenden liefert mit dem Konzept der Selbstorganisation eine radikal neue Idee davon, wie Organisationen funktionieren und wie Veränderungen vonstattengehen. Sie können angemessener als multioptionale und disruptive Musterwechsel beschrieben werden. Nimmt man das ernst, müssen Berater viel bescheidener werden.

Wie gut, dass es nun KI gibt, könnte man da meinen. Die vielleicht etwas eingeschüchterten Change-Agents können Morgenluft wittern. Was hat man nicht alles schon an Heldentaten vernommen, die mithilfe von KI möglich wurden. Dem Data-Ingenieur ist nix zu schwör … „Statt mit mühsamen Interviews und langwierigen Analysen zu beginnen, kann man ein Problem nun in eine KI ‚werfen‘ und erhält in Sekunden eine Fülle möglicher Ursachen, Perspektiven oder Szenarien.“ Wow, genial!

KI am Start

Doch das Autorenteam (KI als Möglichkeitsverstärker in der Transformationsgestaltung) bremst den Enthusiasmus sogleich: Man sollte Organisationen eben nicht mit Maschinen verwechseln. Und man wisse ja inzwischen auch, KI neige zum Fabulieren und Halluzinieren. In der Tat haben wir hier bei MWonline schon gar manche Kritik vernommen, die in genau diese Kerbe haut (Und wer bringt den Müll raus?).

KI öffnet neue Möglichkeiten, so das Autorenteam: „Doch mehr Möglichkeiten sind nicht automatisch besser.“ Allerdings hat es ihnen der Möglichkeitssinn, den sie bei Robert Musil entdeckt haben, als Konzept sehr angetan: Transformationsmanagement ist für sie Möglichkeitsarbeit. Nun, ich erinnere mich noch sehr an die Lektüre des Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“. Musil hat sein ganzes Leben dran geschrieben. Doch den Möglichkeitssinn nun als Kern systemischen Denkens darzustellen, wie das die Autoren nahelegen, finde ich doch mehr als gewagt. Dafür ist die Konjunktivmetapher „Was wäre, wenn“ doch deutlich zu schlicht.

Transformation mit KI

„Ohne KI verläuft der Beratungsprozess vergleichsweise schlank. Die Zahl der Hypothesen und Interventionen bleibt begrenzt, weil sie durch die kognitiven und zeitlichen Kapazitäten der Beteiligten limitiert sind.“ Mithilfe der KI kann man mehr Hypothesen generieren, mehr potenzielle Interventionen entwerfen und mehr Perspektiven sichtbar machen. Beispiele: Stakeholder- und Kulturanalysen oder Verlaufsinterpretationen. Da fällt mir doch glatt der ethische Imperativ von Heinz von Foerster ein: Vermehre die Möglichkeiten! Das kann doch nicht ganz falsch sein.

Auf der anderen Seite wird man vielleicht überschwemmt von Ideen. Und wenn man dann noch liest, „Die Stärke generativer KI liegt weniger in der Qualität einzelner Lösungen als in der Breite des Lösungsspektrums,“ könnte man nachdenklich werden. Wer trennt nun die Spreu vom Weizen?

Die Transformationsgestalter:innen, lautet die Antwort der Autorengruppe. „Sie kuratieren, rahmen und priorisieren Möglichkeitsräume.“ Wie bitte? Ich kann es kaum glauben, sie sind

  • Navigator im Möglichkeitsraum
  • Übersetzer zwischen Mensch und Maschine
  • Gestalter von Erwartungsstrukturen

Mama mia! Da kommt doch wieder das alte patriarchalische Modell des Wandels durch die KI-Hintertüre: Lass‘ das mal den Papa machen! Der weiß es besser als ihr … Die Autoren formulieren das ein wenig geschmeidiger: „Transformationsgestalter:innen [sind] die Architekten der Anschlussfähigkeit.“ Ich bin entsetzt! Instrumentalistische Sozialtechnologie alter Schule. Obacht, Mitarbeitende!

Können Sie die Kritik nachvollziehen?
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Thomas Webers

Dipl.-Psych., Dipl.-Theol., Fachpsychologe ABO-Psychologie (DGPs/BDP), Lehrbeauftragter der Hochschule Fresenius (Köln), Business-Coach, Publizist

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