INSPIRATION: Werden wir tatsächlich immer empfindsamer? Vermeiden wir den Diskurs und „verlernen so die Fähigkeit zu streiten“? Zumindest ist das eine Hypothese aus einem Kommentar in der Wirtschaftswoche (Genug der Herzchen), und es gibt so einige Anzeichen, die dafür sprechen.
Prüfen Sie sich einmal selbst: Wenn Sie wissen, dass ein Kollege eine (politisch) andere Meinung vertritt – vermeiden Sie dann auch lieber eine Diskussion über verwandte Themen? Wenn Ihnen klar ist, dass der Chef gerne auf seiner Ansicht beharrt, zucken Sie dann eher mit den Schultern und lassen ihn in dem Glauben, dass man ihm zustimmt? Und wenn Ihnen der Nachbar schon mehrmals seine Ansichten über „die da oben“ erläutert hat – ziehen Sie es dann vor, lieber über das Wetter zu reden? Um sich dann schnell „in Ihren kuscheligen Kokon zurückzuziehen“?
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Wenn das so ist, wäre das zwar irgendwie nachvollziehbar – aber es wäre auch tragisch. Zumindest am Arbeitsplatz kann das nicht im Sinne einer Organisation sein, die auf Innovationen und damit auf Diskurs angewiesen ist. Und in der Zusammenarbeit auch auf kritische Stimmen, die sich trauen, Missstände anzusprechen. „Wer nicht streitet, steckt bald in Mittelmäßigkeit fest.“
Aber auch für die Gesellschaft verheißt die Streit-Aversion nichts Gutes. Wobei der Arbeitsplatz in der Tat einer jener Orte ist, „an dem wir Menschen begegnen, mit denen wir nicht freiwillig viel Zeit verbringen“. Eine Chance, den Diskurs zu trainieren, wichtig für die Demokratie. Und zudem ein möglicher „Booster für unser diskursives Immunsystem“. Indem wir lernen, nicht jedes Argument, das andere vorbringen, gleich als Mikroaggression zu bewerten. Ich gestehe, gerade letzteres empfinde ich selbst als recht schwierig …
Nachdem wir den Menschen erfolgreich eingeredet haben, dass er ein Individualist ist , kommt nun die Phase beim Einzelnen der Durchsetzung seiner Individualität: Die individuelle Ideologisierung.
Wenn Kleinkinder schon lernen, dass sie mit Allem durchkommen, Schulnoten in astronomische Höhen schießen, Uni-Dozenten immer weniger den Mut haben Studenten durchfallen zu lassen – muss man sich icht wundern, weenn es zu kommunikativen Verhärtungen kommt. Jeder will sich durchsetzen, jeder will Recht haben, jeder will widerspruchfreie Akzeptanz.
Nein, diskutieren können wir immer weniger. Das Netz mit seiner scheinbaren Anonymisierung leistet dieser Inkompetenz auch viel Vorschub.
Schade eigentlich, denn das Ringen um Einsicht ,Wahrheit und Übereinkunft ist eine tolle Sache.