INSPIRATION: „Dafür bin ich nicht zuständig!“ – der Satz ist uralt, oder? Aber nach wie vor anzutreffen. Mehr noch: In vielen Teams schwindet angeblich die Verbindlichkeit. Immer mehr Manager und Mitarbeitende tun nur das Nötigste, Absprachen sind immer weniger wert. Obwohl vereinbart, bleiben Aufgaben liegen. Spricht man die Betreffenden darauf an, erhält man ein Achselzucken und die Antwort: „Bin nicht dazu gekommen.“ So die Klage in der Wirtschaftswoche (Nicht mein Job).
Als Beleg wird dann noch die stets gerne zitierte Gallup-Studie angeführt, laut der inzwischen 78% aller Mitarbeitenden in Deutschland nur noch Dienst nach Vorschrift macht. Angeblich hat sich „eine neue Unverbindlichkeit“ in den Unternehmen breit gemacht. Selbst Führungskräfte ducken sich weg, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Und wenn sich mal jemand engagiert und für eine Sache einsetzt, fühlt er sich rasch ausgenutzt. Stehen dann neue Aufgaben an, meldet er sich auch nicht mehr – und „so frisst sich die Gleichgültigkeit durch die Belegschaft, über alle Hierarchien hinweg.“
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Ich weiß nicht, ob man daraus tatsächlich einen Trend ableiten kann – hier werden vor allem Einzelfälle aufgeführt. Und selbst wenn – was hilft’s, darüber zu jammern und mit dem Finger auf andere zu zeigen. Die wenigsten werden vermutlich von sich selbst behaupten, dass sie in Sachen Zuverlässigkeit ein Defizit haben. Die Frage ist doch eher: Wenn sich Menschen so verhalten – was bringt sie dazu? Die Antwort hierauf könnte helfen, etwas an ihrer Einstellung zu ändern.
Unverbindlichkeit hat Ursachen
Ich stelle gerne eine Frage, wenn mal wieder jemand so über Kollegen, Chefs oder Mitarbeitende spricht. Sie lautet sinngemäß: „Okay, ich glaube dir, dass es diese Kollegen gibt und sie sich genau so verhalten. Auch wenn es dir schwerfallen wird: Stell‘ dir mal vor, was passieren müsste, damit du dich nicht an Absprachen gebunden fühlst. Was wäre das?“
In der Regel bekomme ich die Antwort: „Ich würde das erst gar nicht so weit kommen lassen. Wenn ich nicht vorhabe, eine Aufgabe wie versprochen zu bearbeiten, dann nehme ich sie auch nicht an.“ Oder: „Die Menschen sind einfach so, das hat etwas mit ihrer Persönlichkeit zu tun!“
Ein Gedankenspiel
Nun wissen wir alle (zumindest die meisten), dass Verhalten sowohl mit der Person als auch mit den Umständen zu tun hat. Also beharre ich darauf: „Schon klar, manche scheinen anfälliger zu sein, sich nicht um Zusagen zu kümmern. Aber trotzdem: Was müsste passieren, dass es sogar dir passieren würde, zum Beispiel Dinge liegen zu lassen, obwohl du versprochen hast, sie zu erledigen. Oder zu einem Meeting zu spät zu erscheinen, obwohl du genau weißt, wann es anfängt?“
Wenn sich jemand auf das Gedankenspiel einlässt, dann gehen die Antworten in die ähnliche Richtung wie oben bereits erwähnt: „Wenn ich mir ein Bein ausgerissen hätte und dann mitbekäme, dass die anderen eine ruhige Kugel schieben!“ Oder: „Wenn ich mich an meine Zusage halte, und anschließend niemand das Ergebnis interessiert!“ Oder: „Wenn ich mehrfach pünktlich war und dann noch lange auf all die gewartet wurde, die zu spät kamen.“ Oder: „Wenn mein Chef Engagement erwartet, aber selbst die mir zugesagten Aufgaben nicht erledigt.“
Konsequenzen ziehen
Und dann drehen wir den Spieß um: „Könnte es sein, dass es vielen derjenigen, die sich so desinteressiert verhalten, mal genau so ergangen ist?“ Hier und da macht das nachdenklich, aber nicht immer. Dann hilft vielleicht eine andere Betrachtung: Unverbindlichkeit schleicht sich ein, wenn sie keine Konsequenzen hat. So wie bei den Meetings, an denen Menschen zu spät erscheinen können und sogar noch auf sie gewartet wird. Wenn es toleriert wird, sich nicht an Vereinbarungen zu halten oder sogar vorgelebt wird.
Ich hatte mal einen Termin bei meinem nächsthöheren Chef. Als sein Sekretariat mir erklärte, er sei noch nicht vom Mittagessen zurück und ich möge doch warten, entgegnete ich, dass ich dann lieber zurück ins Büro ginge – man könne mich ja anrufen, wenn er mich sprechen wolle. Mein Kollege war entsetzt, das könne man doch nicht machen. Konnte man, auch Fehlverhalten von Führungskräften sollte Konsequenzen haben.
Sich digital verdrücken
Aber da ist noch ein weiterer Grund, warum das mit der Unverbindlichkeit heute zugenommen haben könnte, und dieser leuchtet mir sogar ein. Wir treffen immer häufiger Absprachen über digitale Medien. Das wirkt offenbar unverbindlicher als im persönlichen Gespräch. Prüfen Sie einmal selbst: Es ist viel einfacher, per Mail oder Chat-App eben mal einen Termin abzusagen als zum Telefon zu greifen. Ein kurzes „Sorry, es klappt bei mir doch nicht …“ – und schon ist das Thema durch. Das Risiko, dass der andere enttäuscht zurückfragt, ist gering. Und zur Not antwortet man dann gar nicht mehr.
Auch das scheint nicht unüblich zu sein: Gar nicht mehr reagieren. Selbst neu eingestellte Mitarbeiter lassen sich plötzlich nicht mehr blicken und reagieren auf mehrere Nachfragen nicht. Also gibt es ihn doch – den Trend zur Unverbindlichkeit?
Tipp von Experten: Bewusst auf persönliche Beziehungen und Kontakte setzen. Also lieber zum Telefon greifen oder zum kurzen Treffen ins Büro bitten. Und dann seine Ansagen klar formulieren. Nicht herumdrucksen („Könnten Sie vielleicht …“), sondern deutlich sagen, was man vom anderen erwartet („Haben Sie Zeit, den Entwurf zu prüfen und mir bis morgen früh eine Bewertung zu geben?“) Jetzt kommt’s: Akzeptieren, wenn der andere das nicht versprechen kann. Dann keinen Druck ausüben, denn der führt nur zu halbherzigen Versprechungen. Stattdessen entweder eine andere Lösung finden oder klären, bis wann die Aufgabe bearbeitet wird. Das dann aber auch klar einfordern – Stichwort: „Verbindlichkeit“.
