INSPIRATION: Das ist mal eine interessante Frage: Können wir in dem, was wir beruflich tun, so etwas wie Sinn finden? Oder sollten wir diesen lieber in anderen Bereichen suchen? Und was passiert mit uns, wenn ”sich der Zweck des Daseins vom Beruflichen ins Private verlagert?” (Alles so hybrid hier).
Erst einmal: Ist das tatsächlich so? Ein Hinweis: Es sollen über 40 Prozent der Menschen sich nicht mehr in ihrem Beruf ausgefüllt fühlen. Ich weiß nicht, ob es darüber ältere Studien gibt, aber ich vermute mal, das war schon immer so. Ich erinnere mich an meinen Vater, der jeden Abend pünktlich mit dem Fahrrad nach Hause kam. Er arbeitete in einem Labor, die Tätigkeit war nicht sonderlich abwechslungsreich, und ich bin mir sehr sicher, dass ihn sein Job nicht wirklich ausfüllte.
Aber so ist das Zitat gar nicht gemeint: Es geht darum, dass all diese Menschen heute nicht mehr ausschließlich einer Tätigkeit nachgehen (So viele Menschen arbeiten in Teilzeit wie noch nie). Sie arbeiten in Teilzeit, und viele davon gleich in mehreren Jobs. Oder füllen die Zeit mit anderen Tätigkeiten. Ihre Rollen wechseln jeden Tag. Und diejenigen, die noch eine Vollzeitstelle haben, legen Wert darauf zu betonen, dass sie darauf nicht angewiesen sind – sie könnten jederzeit auch woanders arbeiten.
Extreme Vielfalt
Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, dann finde ich für all das viele Belege. Junge Menschen, die schon mehrfach die Stelle gewechselt haben und sich in Jobs, die ich von außen als durchaus interessant bezeichnen würde, eher unterfordert fühlen. Die sich dann für ein Jahr Auszeit entscheiden. Oder Paare, bei denen beide Partner in Teilzeit arbeiten und in der ”Freizeit” sozialen Tätigkeiten nachgehen. Wieder andere, die in Vollzeit arbeiten, aber immer wieder berichten, wie unbefriedigend ihre Arbeit ist.
Mein Fazit: Die Arbeitswelt lässt sich längst nicht mehr mit wenigen Merkmalen beschreiben. Sie ist extrem vielfältig geworden, die klassische Vollzeitstelle ist nur noch eine von vielen Modellen, wenn auch eines, das nach wie vor für die meisten Menschen ohne Alternative scheint.
Worin der Sinn liegen könnte
Was hat all das mit Sinn zu tun? Nun ja, wenn ich vielen Aufgaben nachgehe, dann kann ich überall einen Sinn finden. Wenn dann mein ”Hauptarbeitgeber” mir mit einem ”Purpose” um die Ecke kommt, dann werde ich müde lächeln. Die Vermutung des Autors in der Wirtschaftswoche, dass die Unternehmen mit dem Sinn-Angebot die Menschen überhaupt erst auf die Idee gebracht haben, einen solchen in ihrer Arbeit zu suchen, teile ich nicht. Auch vorher werden die meisten gewusst haben, dass sie sinnlose Tätigkeiten ausüben. Die platten Statements werden ihnen vielleicht nur noch deutlicher gemacht haben, wie weit Anspruch und Realität auseinander klaffen.
Trotzdem werden sich Arbeitgeber fragen müssen, was sie tun können, um die wertvolle ”Ressource Personal” bei der Stange zu halten. Mir fallen dazu zwei Beispiele ein. Da ist der junge Mann, der in seiner Firma erstaunliche Freiheiten hat und seine Ideen, die nur so sprudeln, vorstellen und sogar umsetzen darf. Das Unternehmen braucht in der Tat keine Betriebsausflüge, um ihn bei Laune zu halten.
Und da sind die drei jungen Leute, die als Selbstständige unterwegs sind. In den Jobs, die sie vorher innehatten, war die Tätigkeit die gleiche wie heute. Aber alle haben nun nicht mehr das Gefühl, dass sie mit ihrem Einsatz die Taschen des Unternehmers füllen. Selbst wenn das Gehalt (noch) hinter dem vor der Selbstständigkeit hinterherhinkt – jetzt wissen sie, wofür sie sich anstrengen. Eigentlich also gar nicht so schwer, die Sache mit der Sinnhaftigkeit.
Übrigens: Bei letzten Beispielen waren die Betreffenden nicht Angestellte in einem Großunternehmen, sondern tatsächlich in Start-ups. Da scheinen Anspruch und Realität noch weiter auseinander zu klaffen …
