14. April 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Cover: Dark Factor. Die Essenz des Bösen in uns

Die dunkle Seite der Menschen

REZENSION: Benjamin E. Hilbig / Morten Moshagen / Ingo Zettler – Dark Factor. Die Essenz des Bösen in uns. Ariston 2025.

Wer etwas (Lern-)Zeit zur Verfügung hat und auf die Buchbesprechung noch etwas warten kann, der mag zunächst auf die Website qst.darkfactor gehen, dort unvoreingenommen den dahinter liegenden Fragebogen bearbeiten und sich direkt im Anschluss sein eigenes „D-Factor“-Profil generieren lassen. Dies erfolgt kostenfrei und wird auch im Vorwort des Buches so vorgeschlagen. Danach lohnt sich die Beschäftigung mit diesem Buch dann erst recht!


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Dort lernt der Lesende zunächst einmal die drei wesentlichen Merkmale bösen Verhaltens kennen: Es fügt anderen Schaden zu, das erfolgt nicht einvernehmlich und lässt sich aus Sicht der Gesellschaft moralisch nicht rechtfertigen. Spätestens der letzte dieser drei Aspekte macht dann bereits deutlich, dass eine finale Beurteilung bösen Verhaltens rasch ein anspruchsvolles, weil nicht immer objektives Unterfangen wird, gerade im internationalen/interkulturellen Vergleich solcher Persönlichkeitseigenschaften. Diese werden dabei als relativ stabil angenommen, zum Beispiel über ganz unterschiedliche Situationen hinweg.

10 Subdimensionen

Andererseits können sich solche Merkmale über die Lebensspanne hinweg doch noch verändern. Zumeist dann aber nur relativ zu anderen Menschen: Diejenigen, die schon immer sehr ängstlich – oder eben sehr böse – waren, sind dies im Alter etwas weniger. Aber die Wenig-Ängstlichen oder Wenig-Bösen sind dies im Alter dann auch eher. Und auch wenn es für dieses „Böse“ jede Menge unterschiedlicher Verhaltensweisen und damit Eigenschaften gibt, wird diese Vielfalt als Vorschlag der Autoren doch zu einem gemeinsamen Faktor zusammengeführt, dem „D(-ark)-Faktor“, analog zum „G-Faktor“, mit dem Spearman seinerzeit verschiedene Intelligenzbereiche zum sog. „IQ“ zusammengefasst hatte.

Wer – wie eingangs angeboten – seinen eigenen D-Faktor bestimmt hat, erkennt im Ergebnisbericht dann neben seinem persönlichen Wert bzw. Rang (= Position innerhalb der glockenförmig normalverteilten Vergleichsstichprobe) auch die verschiedenen Ausprägungen entlang von zehn Subdimensionen: Egoismus, Machiavellismus, Narzissmus, Gier, Ansprüchlichkeit, Moralische Enthemmung, Psychopathie, Sadismus, Selbstbezogenheit, Gehässigkeit. Schon seit einiger Zeit werden gerade die drei erstgenannten Bereiche als sog. „Dunkle Triade“ in der Wissenschaft diskutiert und gemessen. Auf der einen Seite geht damit die – im Buch wenig vertiefte – Differenzierung in besagte zehn Dimensionen ein Stück weiter in die Tiefe. In der Darstellung dominiert aber ganz klar die Bereitschaft, alle Einzelbereiche und damit auch die bereits etablierte „Dunkle Triade“ zu einem übergreifenden „D-Faktor“ zusammenzufassen (also im statistischen Sinne auszumitteln).

Diagnostik

Ein Kapitel geht dann der naheliegenden Frage nach, wie dieser D-Faktor denn bestmöglich gemessen werden kann. Dazu kommen bio-physiologische Messungen – einschließlich der Hirnströme – in Betracht. Oder auch die Verhaltensbeobachtung, wie sie zum Beispiel in Experimenten unter kontrollierten Bedingungen vorgenommen werden kann, außerdem Interviews. So naheliegend solche Methoden auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, so vielfältig sind bei näherer Betrachtung die verbleibenden Einschränkungen und Interpretationsunschärfen, dazu der oft erhebliche Aufwand.

So bleibt für die Praxis oft der typische Ausweg über die sog. „Selbstauskunft“ mittels standardisierter Fragebögen. Diese Methode weist dann allein schon durch die Gefahr von Antworten entlang „Sozialer Erwünschtheit“ bestimmte Risiken auf. Doch lässt sich diese zumindest ansatzweise recht gut kontrollieren. Allemal resultieren in der Folge die allermeisten gemessenen D-Werte auf solchen Fragebogen-Ergebnissen.

Erkenntnisse

In den verbleibenden acht Kapiteln geht das Buch dann den Auswirkungen von hohen D-Faktor-Ausprägungen nach. Um nur beispielhaft einige dieser Erkenntnisse (verkürzend) herauszugreifen: Männer weisen einen höheren D-Faktor auf als Frauen! Insbesondere den fünf Prozent der Menschen mit den höchsten Werten sind doppelt so viele Männer vertreten. ABER: Die Unterschiede innerhalb jedes Geschlechts sind deutlich größer als die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. An anderen Stellen hingegen lassen sich keine Zusammenhänge aufzeigen, die man vielleicht erwartet hätte: Weder weist Intelligenz robuste Unterschiede in Bezug auf den D-Faktor auf noch finanzieller oder gesellschaftlicher Erfolg: Böse Menschen sind also anscheinend weniger schlauer/dümmer, noch verdienen sie systematisch mehr oder weniger als andere oder sind häufiger als Führungskraft tätig.

Auch wenn sich von außen rasch vermutete Zusammenhänge anscheinend bestätigen lassen, gibt es andererseits doch sehr interessante Korrelationen in anderen Bereichen: So weichen besonders böse Menschen in Bezug auf ihre moralische Vorstellung oft von anderen ab, befürworten beispielsweise die Todesstrafe, tendieren zu eher rechtsaußen-lastigen bis hin zu autoritären politischen Positionen mit wenig Verständnis für Fairness oder der Verpflichtung zum Umweltschutz. Auch im Beziehungsverhalten sind sie eher zu Sexismus, Eifersucht, „Partnerklau“ und sexueller Untreue oder „One-Night-Stands“ bereit; einschließlich der Bereitschaft, sich am Ende einer Beziehung selbst eher als Opfer zu verstehen und sich am Ex-Partner rächen zu wollen.

Sind böse Menschen im Vorteil?

Abschließend zeigt das letzte Kapitel auf, dass ein ausgeprägter D-Faktor nicht glücklich macht. Sondern sich – zumindest langfristig – eher nachteilhaft für den Einzelnen (und nicht nur sein Umfeld!) auswirkt: Auch wenn sie ihre Ziele rücksichtlos verfolgen, erreichen bösere Menschen oft letzten Endes nicht das, was sie wollen (Geld, Macht, Karriere …). Ihre zwischenmenschlichen Beziehungen leiden unter Misstrauen und ihre Weltsicht gibt ihnen selbst wenig Anlass zur Zuversicht, sie sind sozusagen mit sich selbst gestraft.

Doch vorher kommt nun diese Eigenschaft? Auch wenn es offensichtliche erbliche Gründe für die Ausprägung des D-Faktors gibt, bleibt die „Henne-oder-Ei“-Frage ein Stück weit unbeantwortet: Werden Menschen mit hohem D-Faktor aufgrund ihrer Prägung zunehmend böse und dann auch unglücklich? Oder werden sie erst unglücklich und deshalb böse-verbittert? Die dahinter liegende Kausalität lässt sich auch am Ende einer beachtlichen Fülle an wissenschaftlichen Studien nicht leicht benennen. Aber gewisse Zusammenhänge, beispielsweise zu gesundheitlichem Risikoverhalten und psychischen Funktionsbeeinträchtigungen sind nachweisbar.

Als Fazit zum Schluss: Böse sein lohnt sich nicht! Bösere Menschen brauchen im Einzelfall eher Hilfe statt Neid und Missgunst. Nur fällt es ihnen (dummerweise) oft besonders schwer, Probleme und Einschränkungen zu erkennen, sich selbst als ursächlich für ihre Lage zu erkennen (≠ Opfer der Umstände) und Hilfe aufzusuchen. Umso mehr zählen dann die abschließend aufgeführten zahlreichen Möglichkeiten, um die Gesellschaft vor den Einflüssen böser Menschen zu schützen.

Wie ist das Buch insgesamt zu bewerten?

Zunächst einmal gebührt dem akademisch hoch-qualifizierten Psychologentrio ein dickes Lob dafür, auch komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge durchgängig allgemeinverständlich wiederzugeben. Die Lektüre des Buches erfordert wirklich nur Interesse am Thema, keinerlei Vorkenntnisse (auch wenn diese natürlich nicht schaden können). Als gelungene stilistische Kompromisslösung kann man auch gelten lassen, dass im Text zwar keine Quellen/Referenzen oder gar Zitate aufgeführt werden, aber Ende jeden Kapitels weiterführende, fünf bis zehn Literaturhinweise. Auf Tabellen wird konsequent verzichtet, die wenigen Graphiken sind anschaulich und im Text gut erklärt.

Auch wenn die – durchweg kurzweilig-unterhaltsame – Darstellung der vielen Zusammenhänge des D-Faktors mit anderen Persönlichkeitseigenschaften in der Summe zuweilen etwas ins „Enzyklopädische“ abdriftet (und dann zum Weiterblättern animiert), verbleibt am Ende doch ganz viel Licht und entsprechend wenig Schatten, dieses wirklich jeden betreffende Menschheitsthema prägnant und eingängig zusammengefasst und aufbereitet zu haben. Wenngleich es die Autoren mit gebührendem wissenschaftlichen Abstand konsequent vermeiden, konkrete Beispiel-Namen für prototypisch ausgeprägte D-Faktoren anzuführen. In den momentan politisch so besonders aufgewühlten Zeiten: Wer von uns fragt sich nicht, wie die Welt vor dem Dark-Factor einiger weniger Staatsmänner besser geschützt werden kann, bevor sie endgültig in einen Strudel gezogen zu werden droht? Selten war dabei angewandte Persönlichkeitspsychologie so relevant wie heute …

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Klaus Stulle

Dr. Klaus P. Stulle, * 1967, Diplom-Psychologe und lehrt als Professor an der Hochschule Fresenius Köln & Düsseldorf. Dazu Geschäftsführer bei Stulle & Thiel rund um Assessment – Beratung – Coaching.

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