INSPIRATION: Dass man heutzutage wieder von Absentismus spricht, irritiert. Da waren wir schon einmal deutlich weiter. Warum hört man jetzt wieder die Stammtischparolen? Passt das auch in den allgemeinen reaktionären Backlash?
Viele Jahre schon leistet das Betriebliche Gesundheitsmanagement in Unternehmen gute Arbeit, aber wir haben es offenbar immer noch nicht geschafft, den Begriff „Absentismus“ aus dem öffentlichen Repertoire zu streichen. Warum ich das problematisch finde? Weil es so leicht „kriminell“ wird. Es geht um Schuld – wie im Strafrecht. Da soll es offenbar Mitarbeitende geben, die nicht so motiviert sind, die gerne „blau“ machen. Und statt auf die Verhältnisse zu schauen, gerät das einzelne Verhalten in den Blick. Fröhliches Psychologisieren ist angesagt. Und der Stammtisch klatscht. Aua, das tut weh! Schnell wird dann vom Einzelfall generalisiert. Und dann klingt es schon wie eine Krankheit (die Währung der Medizin), die man bekämpfen muss. Wasser auf die Mühlen derjenigen, die auch aktuell den „Faulen“ mit der gesetzlichen Peitsche (Einschränkungen) drohen. Diese Argumentationslinie erinnert mich fatal an solche, die vor hundert Jahren üblich waren.
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Wie gut, dass es auch andere, seriöse Stimmen gibt. Die Autorengruppe (Absentismus – was uns die Zahlen der Krankmeldungen (nicht) verraten) zeigt, dass die Entwicklung des Krankenstandes schon lange gut erforscht ist. Die Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses regeln den bundesweit einheitlichen Informationsaustausch. Seit dem Jahr 2022 ist nun allerdings eine, gegenüber den Vorjahren, leicht abweichende Entwicklung nach oben, also eine Verschlechterung beobachtbar.
Ursachen?
Zunächst wurde über Einflüsse der Corona-Pandemie spekuliert. Weil man hier eine zeitliche Koinzidenz sah. „Da der Krankenstand wider Erwarten in den Folgejahren aber nicht gesunken ist, kann der außergewöhnliche Anstieg des Krankenstandes in Deutschland von 2021 mit 4,3% auf 5,8% in 2022 und 6,1% im Folgejahr aber nicht allein durch die Pandemie erklärt werden.“ Zu kurz gesprungen. Was dann? „Das Verfahren zur Meldung von attestierten Arbeitsunfähigkeiten wurde vor wenigen Jahren grundlegend geändert.“ Nämlich zum 01.07.2022. Was sich also in den Zahlen widerspiegelt, ist „eine bessere statistische Erfassung von attestierten Zeiten der Arbeitsunfähigkeiten“.
Hammerhart: Ein typisches Artefakt! Aber die Boulevardpresse, der Stammtisch und etliche Politiker haben längst die „faulen Deutschen“ oder noch präziser die verweichlichte Jugend ausgemacht. Dabei wird andersherum ein Schuh draus: Zuvor sind die tatsächlichen Fehlzeiten offensichtlich deutlich untererfasst worden. Nicht die telefonische Krankschreibung oder die Videosprechstunde sind also schuld an der Misere. Es gibt „keinerlei Hinweise auf einen unsachgemäßen Einsatz dieser beiden Regelungen“. Und ihr Anteil an der Gesamtheit der AU-Bescheinigungen ist dermaßen verschwindend gering (telefonisch: jährlicher Anteil von 0,8–1,2%; Video: 0,1–0,4%) – damit kann man nichts erklären.
Der Eisberg: Präsentismus
Die Autorengruppe dreht den Spieß um: Sie lenkt den Blick auf den sog. Präsentismus, also darauf, dass Mitarbeitende zur Arbeit erscheinen, die eigentlich krank sind – sich aber nicht krankmelden. Dazu liefern sie zwei wichtige Beiträge. Zunächst die – auch schon Jahrzehnte in Fachkreisen bekannte – Erkenntnis, dass Fehlzeiten Spätindikatoren sind. Beispielsweise hat die Krankmeldung wegen „Rücken“ oft eine lange Vorgeschichte, die aber verheimlicht oder überspielt wurde und so im Dunkeln blieb. Oder chronische Erkrankungen wie Allergien oder Asthma.
Worüber reden wir? Das Robert-Koch-Institut berichtet, dass im Jahr 2024 in einer Befragung „53,7% der Erwachsenen in Deutschland im Alter ab 18 Jahren eine chronische Krankheit oder ein langanhaltendes Gesundheitsproblem“ angaben. Nur ein einstelliger Prozentsatz meldet sich deswegen krank. Der Allergiker, der Morbus-Crohn-Patient … sie gehen weiterarbeiten. Warum? Wegen ihres ausgeprägten Pflichtgefühls, der Angst vor Arbeitsplatzverlust oder weil sie die Kollegen nicht im Stich lassen wollen. Oder weil der Arbeitsdruck so hoch ist, es keine Vertretungsregelung gibt und die Organisationskultur Anwesenheit wünscht und über Gesundheit stellt.
Die chronisch Kranken beißen also die Zähne zusammen und arbeiten nach Möglichkeit weiter. Weil es im System auch keine Alternative gibt. Der Sonderstatus „Behinderung“ hilft ihnen nicht, er schadet viel mehr. Geschweige denn, dass er auf Verständnis treffen würde. Die Folge: Chronifizierungen und Verschlechterungen. „Darüber hinaus mindert Präsentismus die Arbeitsleistung.“ Manchen Studien schätzen die Produktivitätsverluste durch Präsentismus sogar höher ein als die durch krankheitsbedingte Abwesenheiten.
Böse Falle
Und dann muss man den Blick noch einmal weiten, und damit kommen auch die „normalen“ Mitarbeitenden in den Blick. Es geht um den „normalen Wahnsinn“ in Unternehmen: steigende psychische Belastungen, unzureichende ergonomische Arbeitsplatzgestaltung und schlechte Führung: „Psychische Belastungen oder arbeitsbezogene Risiko- und Einflussfaktoren, die nicht unmittelbar Krankschreibungen verursachen aber dennoch zu Kosten führen, [bleiben] in den AU-Daten häufig unsichtbar.“
Und zum Dritten sollte man unternehmensübergreifende Aspekte mit in Betracht ziehen: Das Erleben der Pandemie hat offensichtlich zu einer höheren Sensibilität und Bereitschaft zur Meldung einer Arbeitsunfähigkeit bei den Mitarbeitenden geführt. Jüngere Generationen haben inzwischen – und vielleicht sollten wir stolz auf sie sein – ein besseres Verständnis entwickelt, mit Krankheit und mentaler Gesundheit umzugehen. Der Burnout – dummer Spruch: Nur wer gebrannt hat, kann ausbrennen – ist für sie nicht erstrebenswert. Zudem gibt es noch einen Aspekt, den wir nicht unterschlagen sollten: Die Alterung der Erwerbsbevölkerung nimmt zu.
Was wir besser machen können
Den Begriff Absentismus sollten wir grundsätzlich meiden. Doch auch die Begriffe Krankenstand oder Fehlzeiten verzerren die Wahrnehmung. Die Daten der Krankenkassen zeigen eben nicht das ganze Bild. Aber es gibt einen Weg, dieses Bild qualitativ anzureichern und damit aussagekräftiger zu machen, so die Autorengruppe. Und dieser Weg lautet: Betriebliches Gesundheitsmanagement, und im Rahmen desselben: Mitarbeiterbefragungen (MAB). So geraten eben auch Arbeitsorganisation und Führung in den Blick. „Die triangulative Kombination dieser Datenquellen ermöglicht ein differenziertes Verständnis betrieblicher Gesundheitsrisiken und Potenziale.“ Man erhält für die Gestaltung gesundheitsförderlicher Arbeitsbedingungen nicht nur eine evidenzbasierte Grundlage, sondern stärkt auch die Partizipation der Beschäftigten und fördert eine gesundheitsorientierte Unternehmenskultur.
Das klingt nicht nur schlau, sondern ist auch vernünftig. BGM-Experten wissen das schon lange. Nur der Stammtisch offenbar noch nicht. Was da hilft? Massive Öffentlichkeitsarbeit. Und im Bereich Politik? Da sollten wir die Bundesgesundheitsministerin mal laut fragen, warum sie ihrem Kanzler nicht öffentlich widersprochen hat. Sie müsste es schließlich besser wissen.

Danke für diesen differenzierten und wohltuend unaufgeregten Beitrag.
Der Begriff Absentismus ist tatsächlich hoch problematisch, weil er sofort moralisiert: Wer fehlt, macht etwas falsch. Genau das verstellt den Blick auf das, was wirklich wirkt.
Besonders wichtig finde ich Ihren Hinweis auf Präsentismus als Eisberg unter der Oberfläche. In meiner Arbeit sehe ich seit Jahren: Hohe Fehlzeiten sind fast nie das Anfangsproblem, sondern ein Spätindikator. Die eigentlichen Ursachen liegen viel früher – in Arbeitsorganisation, Führung, Belastung und im Umgang mit chronischer Gesundheit.
Wer ausschließlich auf Quoten, Krankenstand oder vermeintliches Fehlverhalten schaut, übersieht genau diese Dynamik. Und erzeugt am Ende das Gegenteil von dem, was politisch gerade gefordert wird: weniger Leistungsfähigkeit, weniger Vertrauen, mehr Verschleiß.
Ich plädiere deshalb für einen Perspektivwechsel: weg vom „Managen von Fehlzeiten“, hin zur Stärkung echter Anwesenheit – also der Frage, unter welchen Bedingungen Menschen gesund, ansprechbar und arbeitsfähig bleiben wollen und können.
Ihr Beitrag zeigt sehr deutlich: Nicht mehr Kontrolle bringt uns weiter, sondern bessere Gespräche, bessere Führung und der Mut, Zahlen einzuordnen statt sie zu skandalisieren.
Jeder Arbeitgeber hat schon aus Kostengründen, ein Interesse „gesunde“ Mitarbeiter zu haben. In vielen Unternehmen wird darüber nachgedacht, wie Prozesse , Arbeitsbedingungen und das Kommunikationsklima gestaltet werden muss, dass Fehlzeiten vermieden werden. Wir sollten über die unnötigen Fehlzeiten reden.