INSPIRATION: Ein Manager, der in einer schwierigen Situation vor seine Belegschaft tritt und sich in weichen, langen und ausufernden Erläuterungen ergeht, wird kaum vertrauenswürdig klingen. Das Problem, das viele gerade in der heutigen Zeit haben, dürfte darin bestehen, dass sie (nicht nur im Management, sondern auch in der Politik) zwar wissen, dass sie kaum Antworten auf die Krisen haben, aber glauben, sie müssten so tun als ob.
Wie oft denke ich, wenn ich markige Sprüche und kernige Botschaften zu hören kriege: ”Ach Mensch, das glaubst du doch selbst nicht!” Womit wir mal wieder beim Begriff der Authentizität sind. Eine Schauspielerin und Coach erklären den Begriff im Interview (Seien Sie auf der Bühne niemals nur Sie selbst): ”Authentisch bin ich, wenn das, was ich sagte, mit dem übereinstimmt, wie ich es sage!”
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Eigentlich gar nicht so kompliziert. Wenn mir jemand erklärt, dass die Lage kritisch ist, aber man rechtzeitig die passenden Maßnahmen ergriffen hätte, und dabei ernst dreinschaut und gleichzeitig zuversichtlich wirkt, dann nehme ich ihm die Botschaft ab. Wenn er dabei nervös mit den Händen fuchtelt und meinem Blick ausweicht, bleibe ich skeptisch.
Wie Schauspieler?
Womit noch einmal die Frage erlaubt sei: Kann man trainieren, authentisch zu wirken? Nehmen wir noch einmal einen Umweg. Wie machen Schauspieler das? Große Künstler versetzen sich dermaßen in eine Rolle, dass man ihnen jede Gefühlsregung, jede Äußerung abnimmt und mit ihnen leidet, mit ihnen bangt, sich mit ihnen freut und feiert. Sie müssen nicht der Bösewicht sein, den sie spielen, und sie müssen keine großen Schmerzen verspüren, um sie auszudrücken. Und uns als Zuschauern ist klar, dass sie eine Rolle spielen und einem Drehbuch folgen (Chamäleon sein).
Was ja nicht weiter schlimm ist – denn genau deshalb gehen wir ja ins Kino oder ins Theater: Um Menschen dabei zuzuschauen, wie sie große Kunst präsentieren. Womit wir beim Manager bzw. der Führungskraft sind. Wer ihnen empfiehlt, je nach Situation eine bestimmte Rolle zu spielen und diese zu trainieren, der macht die Lage nur noch schlimmer. Nur mal angenommen, eine Führungskraft würde jene Meisterschaft in der Darstellung erlangen, wie dies professionellen Schauspielern gelingt – was würde passieren? Die Beschäftigten würden, so wie ich oben, irgendwann sagen: ”Okay, nettes Drehbuch und ganz passable Darbietung. Aber jetzt mal zur Sache: Wie steht es wirklich?”
In sich gehen
Was könnten Manager dann trainieren, wenn es keine Schauspielerei sein soll? Ich würde empfehlen, sich erst darüber Gewissheit verschaffen, wie es ihnen selbst geht, was sie denken und empfinden. Anschließend darüber nachdenken, welche Botschaft ihnen wichtig ist. Und dann einschätzen, ob diese Botschaft mit dem, was sie denken und empfinden, vereinbar ist. Falls nicht, müssten sie noch einmal von vorne anfangen. Bis beides übereinstimmt.
An einem praktischen Beispiel: Die Führungskraft muss vermitteln, dass das Team aufgelöst wird und die Hälfte der Mitglieder ihren Job verliert. Sie fühlt sich mies dabei, kann die Empörung schon körperlich spüren, die ihr entgegenschlagen wird, ebenso die Enttäuschung und die Sorge um die Zukunft. Am liebsten würde sie die Sache schnell hinter sich bringen. Andererseits ist ihr klar, dass sie eine Verantwortung gegenüber jenen hat, die gehen müssen als auch denen, die eine neue Aufgabe bekommen.
Wenn sie sich nun überlegt, mit Optimismus und einem Strahlen im Gesicht zu verkünden, dass es zwar für alle nicht einfach wird, aber auch wieder bessere Zeiten kommen werden, dürfte das kaum der eigenen inneren Situation entsprechen. Passender wäre ein ernstes, von Angst, Sorge und Bedauern gezeichneter Ausdruck in Mimik und Stimme, das wäre authentisch. Aber nicht gut für die eigene Zukunft und die Position im Unternehmen.
Ich strahle aus, was ich denke
Also noch mal von vorn: In sich reinhören, ob es da noch etwas anderes gibt als Angst und Unsicherheit. So etwas wie Entschlossenheit, Respekt, Dankbarkeit für das, was man gemeinsam geschafft hat – oder was auch immer. Dann könnte man neu überlegen: Wie drücke ich das aus? Mit fester Stimme, kurzen Sätzen und ehrlichem Bedauern. Wie sagt die Schauspielerin? Es geht um die innere Haltung. ”Denn was ich denke, strahle ich aus. Stimme ist Stimmung.”
Noch mal zur Klärung: Authentisch ist nicht grundsätzlich positiv. Ich kann auch eine Hassbotschaft sehr authentisch ausdrücken. Daher würde ich jemandem, der eine ethisch fragwürdige Haltung vertritt, nicht noch beibringen wollen, authentisch zu sein. Das kriegt er meist selbst schon hin.
