INSPIRATION: Eigentlich weiß es jeder: Pausen sind wichtig. Kleine und große. Durcharbeiten ohne Pausen ist auf Dauer gesundheitsschädlich. Pausen sind sogar gesetzlich vorgeschrieben: Wer zwischen sechs und acht Stunden arbeitet, muss mindestens 30 Minuten Pausen machen (Arbeitszeitgesetz, § 4). Und ich kann mich auch gut erinnern an Zeiten, in denen zwischen 9:00 und 9:15 Uhr im Büro niemand ans Telefon ging. Frühstückspause, da brauchte man es gar nicht erst versuchen.
Ich erwische mich auch immer wieder dabei, dass ich schmunzeln muss, wenn ich an einer Baustelle vorbeikomme und überall kleine Gruppen von Bauarbeitern zusammen stehen oder in den Fahrerkabinen der LKWs die Männer mit Kaffeebechern in der einen Hand und das Smartphone in der anderen Pause machen.
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Hat auch bei mir die Pause einen schlechten Ruf? Ganz sicher. Ich halte es schlecht aus, einfach mal nichts zu tun. Es gelingt mir sogar kaum, tagsüber mal ein Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen. Das klappt eigentlich nur im Urlaub. Wieso eigentlich? Dabei hatte ich ein gutes Vorbild: Mein Vater kam jeden Mittag zum Essen nach Hause und gönnte sich einen kurzen Mittagsschlaf, ehe er sich wieder aufs Fahrrad schwang und in die Firma radelte.
Zeit ist Geld
Irgendwie hat man uns vermittelt, dass Pausen was mit Faulheit zu tun haben, und Faulheit genießt einen ganz schlechten Ruf. Ganz im Gegensatz zur Arbeit. Auch wenn jeder weiß, dass Stress krank macht: Wer erzählt, dass der Tag mal wieder furchtbar stressig war, wird eher bewundert als wenn er berichtete, dass sein Tag mal wieder sehr entspannt war und er seine Pausen genossen hat.
Die aktuelle Diskussion um sogenannte „Life-Style-Teilzeit” hat vermutlich auch etwas mit der Geringschätzung von Müßiggang zu tun. Dahinter steckt nicht nur die protestantische Arbeitsethik oder die Haltung „Zeit ist Geld“ – ich fürchte, dass sich hier die wahre „Neiddebatte“ abspielt: Wir ertragen es nicht, wenn wir mal wieder unserem Anspruch „Nutze den Tag“ hinterherlaufen und andere uns zeigen, dass es auch anders geht. Uns signalisieren: „Schön blöd, sich so abzurackern“. Es schmerzt, wenn jemand uns zeigt, dass man anders leben kann, und dass vielleicht die Stimme in uns, die sich hier und dort meldet mit dem Wunsch, auch mal die Füße hochzulegen, Recht haben könnte.
Inkubationseffekt
Nun ist die Arbeitspause nicht nur ein gesetzlich verbriefter Anspruch (den der eine oder andere sogar gerne abschaffen würde), sondern sie hilft uns auch dabei, produktiver zu sein. Unter anderem deshalb, weil wir nach einer Pause frischer und konzentrierter zu Werke gehen und daher unbedingt immer wieder mal innehalten sollten. Und weil sie dafür sorgt, dass wir auf bessere Ideen kommen (Den Kopf freiradeln).
Auch nichts Neues, oder? Wenn wir gar nicht weiterkommen mit einem Problem, dann hilft es sehr, sich mit etwas zu beschäftigen, das nichts mit dem Problem zu tun hat (Inkubationseffekt). Am besten etwas, das gar nicht erlaubt, weiter auf dem Problem herum zu denken. So wie der Manager, der sich mit Freunden trifft, um Musik zu machen. Oder Tennis spielt. Wer dabei an Arbeit denkt, spielt sofort schlechter. Danach kommt plötzlich der rettende Einfall.
Kulturell verankertes Glaubenssystem
Oder eben ein Buch liest. Ein Experte hat beobachtet, dass es kaum noch Manager gibt, „die sich mal in ein Buch vertiefen„. Das wäre was, oder? Man trifft seinen Chef in einem Sessel im Büro sitzend in einen Schmöker vertieft. Auch immer wieder empfohlen: Spaziergänge einlegen. Einfach mal raus.
Aber so oft man diese Empfehlungen auch ausspricht – wer Pausen macht, gilt und fühlt sich als Nichtsnutz, da kann die Forschung noch so viele gegenteilige Argumente vorlegen. Oder, wie kürzlich bei den Krautreportern gelesen (Zitat von Devon Price): „Die Faulheitslüge ist ein tief sitzendes, kulturell verankertes Glaubenssystem, das viele von uns dazu bringt, Folgendes zu glauben: Tief im Inneren bin ich faul und wertlos. Ich muss unheimlich hart arbeiten, die ganze Zeit, um meine innere Faulheit zu überwinden. Mein Wert wird durch meine Produktivität verdient. Die Arbeit ist der Mittelpunkt des Lebens. Jeder, der nicht leistungsfähig und getrieben ist, ist unmoralisch.” (Was für eine blöde Idee: Stress als Statussymbol).
