26. Februar 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Der Patriarch, Teil 1

INSPIRATION: Ich bewundere Menschen, die mit einer Idee gestartet und mit ihr gewachsen sind. Die andere Menschen um sich geschart haben, die mit Begeisterung und hoch motiviert ihre Aufgabe erfüllen und es schaffen, dass ihre Kunden ebenso begeistert sind. Wenn man ihr Unternehmen betritt, spürt man diesen Geist an jeder Ecke – vor allem daran, dass die Beschäftigten einfach gerne ihren Job machen.

Ich habe da gleich drei Unternehmen im Sinn, deren Beschäftigtenzahl die 50 überschritten hat und die ihren Gründern inzwischen Kopfzerbrechen bereiten. Warum? Auch wenn die drei nur bedingt vergleichbar sind, so fallen Parallelen auf. Die Gründer sind das, was man getrost als Patriarchen bezeichnen darf. Nicht, weil es Männer sind, sondern weil sie eine „zentrale Autoritätsfigur – eine Art Vater- oder Mutterfigur“ darstellen. Tatsächlich entscheiden sie in der Regel, wo es langgeht, und fühlen sich zugleich verantwortlich für Menschen, die bei ihnen arbeiten. Eine Mischung aus Autorität und Fürsorge (Die letzten Patriarchen) – und das Modell funktioniert hervorragend.


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Entscheiden und sich kümmern

Warum? Die Beschäftigten „arbeiten für jemanden und nicht einfach für Etwas“. Das ist in der Tat sehr motivierend und inspirierend. Sie wissen, wer die Verantwortung trägt, und wer sich, wenn es drauf ankommt, auch kümmert. Das ist sehr beruhigend und gibt Sicherheit.

Doch dann passiert das, was mit dem Erfolg zwangsläufig geschieht: Sie wachsen. Und irgendwann überblickt der Patriarch seine Familie nicht mehr. Er kann nicht mehr alles entscheiden und sich um jeden kümmern. Eine Weile versucht er es noch, aber dann zerreißt es ihn. Spätestens, wenn er sich dabei erwischt mit Sätzen wie „Muss ich mich denn um alles kümmern? Könnt ihr nicht auch mal selbst Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen?“ weiß er, dass eine Grenze erreicht ist.

Eine Hierarchie muss her

Was also tun? Erst einmal Verantwortung abgeben. Aber an wen? Die bekannte Lösung: Er zieht eine Hierarchie-Ebene ein, heute heißen die Positionsinhaber in der Regel ”Teamleiter”. Er stellt dann ziemlich schnell fest, dass die Kolleg*innen, die bisher mit den anderen prima zusammen gearbeitet haben, in der neuen Rolle plötzlich ganz neue Verhaltensweisen an den Tag legen. Und dass die eine oder der andere mit der Aufgabe überfordert ist – bzw. sie nicht so ausfüllt, wie er das gerne hätte.

Was er unter anderem daran merkt, dass sich die Stimmung ändert. Kein Wunder, denn seine ”Kinder” arbeiten nun nicht mehr für ihn, aber leider auch nicht für ihre ehemaligen Kollegen, die jetzt ihre Vorgesetzten sind. Was ist anders? Ich würde es nicht gleich „Dienst nach Vorschrift“ nennen, aber zumindest berufen sie sich plötzlich auf Regeln und Vorgaben. Früher war es kein Problem, mal eine halbe Stunde länger zu bleiben, weil der Kunde doch mehr Fragen hatte als erwartet. Eben weil man so etwas macht für einen Patriarchen, der ein solches Verhalten wohlwollend betrachtet und im Gegenzug auch kein Problem damit hatte, wenn man zu einem anderen Zeitpunkt mal früher Feierabend machte.

Aber nun zeigt der Mitarbeitende plötzlich auf die Uhr: „Tut mir leid, ich habe gleich Feierabend!” Aus Menschen, die für den Chef bereitwillig die berühmte „Extra-Meile“ gingen, sind Angestellte geworden. Aus denen man nun mühsam ”Mit-Unternehmer“ machen muss. Mit all den Instrumenten und Anreizsystemen, die das ”moderne” Personalmanagement so im Köcher hat.

Führung teilen oder abgeben

Gäbe es eine Alternative? Ich finde schon. In einem der von mir beschriebenen Unternehmen teilen sich Gründer und seine Frau die ”Patriarchen-Rolle”. Einer ist für die Entscheidungen, der andere für die Fürsorge zuständig. Klappt ganz gut. Will sagen: Es braucht nicht unbedingt eine neue Hierarchieebene, man kann die Aufgaben auf teilen – neudeutsch: „Shared Leadership“. Funktioniert vermutlich auch nur bis zu einer gewissen Größe, selbst wenn man die Aufgaben auf mehr als vier Schultern verteilt. Aber dann wäre erst mal die ”Familie” gerettet.

Die andere Lösung: Entscheidungen abgeben an die Teams – also den Einheiten, denen man woanders eine Teamleitung (s.o.) aufs Auge drückt -, und die Fürsorge beibehalten. Das erfordert sicher einen größeren ”Change-Aufwand”, denn hier wird den Beschäftigten nun deutlich mehr abverlangt. Sie können nicht mehr nach oben zeigen und warten, bis der Patriarch seine Entscheidungen verkündet, sondern müssen selbst ran. Ist nicht für jeden was, aber das Bedürfnis nach Autonomie ist schon ein recht starkes, da wird so mancher aufblühen.

Und der Patriarch? Läuft durch sein Unternehmen, zeigt Präsenz, ist ansprechbar für Kummer und Sorgen und sieht mit Freude, dass die Menschen weiterhin gerne für ihn arbeiten. Außerdem hat er nun viel Zeit, sich um die Kunden zu kümmern, um die Repräsentanz des Unternehmens nach außen – was bei Wachstum schon sehr zentral ist.

Zu optimistisch? Teil 2 folgt in Kürze …

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Johannes Thönneßen

Dipl. Psychologe, Autor, Moderator, Mitglied eines genossenschaftlichen Wohnprojektes. Betreibt MWonline seit 1997. Schwerpunkt-Themen: Kommunikation, Führung und Personalentwicklung.

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