REZENSION: Ryan M. Niemiec – Charakterstärken. Trainings und Interventionen für die Praxis. Hogrefe 2019.
Die diesem Buch zugrunde liegenden Fragen können problemlos als „Menschheitsthemen“ bezeichnet werden und schon die berühmten „alten Griechen“ haben sich mit „Persönlichkeit“ und „Tugend“ beschäftigt. Auch der sog. „Charakter“ bezog sich schon in der Antike auf das Relief der Münzprägung. In diesem weitgefassten Kontext meldet sich dann schon der hoch dekorierte Martin Seligman als Begründer der „Positiven Psychologie“ auf dem Deckblatt und zu Geleit zu Wort und wirbt ausdrücklich für dieses „Go-To-Buch für Charakterbildung“. Denn ebenso unverzichtbar ist es, innerhalb der eigenen Persönlichkeit die besonderen Charakterstärken zu erkennen. Und genauso attraktiv für Praktiker ist es dann, mit Trainings und anderen Interventionen diese weiter herauszuarbeiten und auszuprägen. Schließlich geht es um die:
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- Tugend der Weisheit und des Wissens
- Tugend des Mutes
- Tugend der Menschlichkeit
- Tugend der Gerechtigkeit
- Tugend der Mäßigung
- Tugend der Transzendenz
Also inhaltlich wird mit diesen hehren Zielen die Latte des Anspruchsniveaus und die daraus resultierende Erwartungshaltung für die Beschäftigung mit diesem Buch schon vor der Lektüre sehr hochgelegt, das dazu noch mit 400 Seiten und reichlich Gewicht einen stattlichen Eindruck hinterlässt.
Direkt zu Beginn der Lektüre stolpert der Rezensent dann in einen ihm zuvor unbekannten, aber durchaus empfehlenswerten Online-Fragebogen, der mehrsprachig (= auch auf Deutsch) gestartet werden kann. Eine vorherige Registrierung ist erforderlich, ein Kurzgutachten ist kostenlos, ausführlicher dann gegen Gebühr. Allemal für Fachleute ist dieses Tool dann wirklich interessant und einen eigenen Durchlauf wert, was aber nicht Gegenstand dieser Buchbesprechung sein soll.
Interessante Idee, schlechte Umsetzung
Doch diese wird (leider!) nach der so erfolgsversprechenden Ouvertüre deutlich kritischer ausfallen als erwartet, und dies liegt (dummerweise) – zumindest in den unmaßgeblichen Augen des Rezensenten – in einer reinen Äußerlichkeit begründet: Das Format bzw. die Formatierung des Buches sind derart misslungen, dass es (zumindest nahezu) unlesbar wird. Und dieser Vorwurf geht dann vermutlich maßgeblich an die hier vorliegende deutsche Übersetzung im – ansonsten doch renommierten und erfahrenen – Verlag.
Die Textseiten sind zweispaltig enggedruckt. Hinzu kommen etliche einspaltige Tabellen, ab Seite 213 (= knapp die Hälfte des Buchs) erscheint eine eher tabellarisch gehaltene Auflistung, wie sich die verschiedenen Charakterstärken fördern lassen, gefolgt von reichlich Literaturhinweisen und weiteren Anhängen. Selbst die Innenseite des hinteren Einbandes ist noch mit einem Klassifikationsschema zum Wohlbefinden mit Charakterstärken bedruckt. Kurzum: Gänzlich erschlagend! Oder defensiver formuliert: Die – durchweg gelungenen – Inhalte erfordern von Lesenden eine Menge Disziplin und Eigeninteresse, um gewissenhaft aufgenommen zu werden.
Zielgruppen
Und damit entgleitet das Buch in seiner vorliegenden Form in weiten Teilen den möglichen Leserschaften:
- Wissenschaftler mögen zwar zustimmend nicken, sich aber nicht wirklich angesprochen fühlen;
- Profi-Praktiker, die zum Beispiel eigene Trainings im Markt platzieren wollen, werden sich u.a. an Verlage erinnern, die sich bekanntermaßen seit Jahren bereits mehr Mühe geben, ihrer lesenden Kundschaft echtes und ehrliches Handwerkszeug zur möglichst direkten Weiterverwendung an die Hand zu geben (dann gerne auch oft multimedial anstelle klassisch als Buch);
- Interessierte Laien mögen die Inhalte zwar grundsätzlich „super-spannend“ finden (um bewusst eine nicht unproblematische Vokabel zu verwenden), aber vor der geballten Darstellungsform rasch zurückweichen und kaum auch nur ansatzweise zum Weiterlesen motiviert werden.
Erneut und bei aller Wertschätzung für die facettenreichen philanthropischen Inhalte und gegenüber R. Ryan Niemiec als Schulungsdirektor des VIA Institute on Character, einer Non-Profit Organisation aus Cincinnati, Ohio: Reichlich „unverdaut“ wird dieses Buch den Weg in den Bücherschrank des Rezensenten antreten und höchstens dann noch einmal herausgekramt werden, wenn sich aus der Anwendung des oben erwähnten Online-Tools weitere Möglichkeiten ergeben …
