9. September 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Annealing – Mal richtig aufrütteln?

KRITIK: Bei mir tauchte sofort das Bild eines Fußballtrainers auf, der laut brüllend in der Halbzeitpause seinen Spielern den Marsch bläst. Sich mehr und mehr in Rage redet, am Ende mit hochrotem Kopf die Kabine verlässt – und sich anschließend königlich freut, dass die Mannschaft sich bis zum letzten Schweißtropfen auf die Gegner stürzt.

Klingt eher albern? Annealing nennt man das thermische Verfahren, mit dem Metall oder Glas erhitzt wird, formbar wird und anschließend in einer neuen Struktur erstarrt. Für Führungskräfte interessant, erklärt uns eine Beraterin im Harvard Business Manager (Brauchen harte Zeiten radikale Führung?). Steve Jobs soll ein Meister darin gewesen sein, ein anderer Vertreter war Jack Welch – genau, das ist der Mann, den man auch Neutronen-Jack nannte. Weil dort, wo er zuschlug, kein Gras mehr wuchs.


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Erhitzen, dann abkühlen

Die Idee? Mal so richtig alles durcheinander wirbeln, alle und alles in Schwingung versetzen und dann schauen, welche neue Struktur entsteht. Erst erhitzen (Heating), dann abkühlen (Cooling). Nun ja, wohl kaum einfach abwarten, das kann man sich bei Glas oder Metall ja auch nicht erlauben. Sondern schon das Neue gestalten und sich dann verfestigen lassen. Indem man den Druck wieder rausnimmt.

Das klappt laut der Expertin aber nur, wenn die Führungskraft sicher im Sattel sitzt (klar, ein Trainer, der schon zum Abschuss freigegeben ist, wird sich damit nur noch schneller verabschieden dürfen), wenn die Belegschaft emotional stabil ist (wenn eine Mannschaft ohnehin schon arg verunsichert ist, wird sie nach eine solchen Heating wohl gar nichts mehr auf die Reihe kriegen) und wenn sich alle der schwierigen Lage bewusst sind (Wenn es zur Halbzeit schon 3:0 steht, wird man einen solchen Ausbruch kaum ernst nehmen).

Auf Mikroebene wie Steve Jobs

Steve Jobs soll ein Meister darin gewesen sein – auf der Mikroebene. Ob das ein Kompliment ist, lasse ich mal dahingestellt. Gemeint ist, dass Jobs berühmt für seine Tiraden (Heating) vor Teams bekannt war. Um die Betroffenen anschließend auf Spaziergängen wieder zu beruhigen.

Welch hingegen hat das Prinzip auf Makroebene angewandt. Hin und wieder mal ein paar Tausend Leute entlassen, für mächtig Wirbel gesorgt, dann neu organisiert, bis sich alles wieder beruhigt hat – und dann alles wieder von vorn.

Na ja, ob das ein taugliches ”Prinzip” ist, das man, wenn auch mit Bedacht, hin und wieder zum Einsatz bringen sollte? Vielleicht ist es eher andersherum. Bevor ich mit einer Wutrede die Menschen aufscheuche oder eine ganze Organisation in Angst und Schrecken versetze, lieber erst mal nachdenken. Darüber, ob ich mir das in meiner Situation erlauben kann, ob die Betroffenen wirklich belastbar sind und ob es überhaupt eine allen bekannte Schieflage gibt.

Mehr Risiko als Chance?

Um bei dem Vergleich von oben zu bleiben: Eine Mannschaft, die unangefochten an der Spitze der Liga steht und plötzlich 0:3 zurückliegt, kann sicher einen solchen Ausbruch des Trainers verkraften. Um anschließend einen Gang zuzulegen.

Eine Organisation, die vom Erfolg verwöhnt ist oder in der sich jeder sicher in seiner Position fühlt, kann die Ankündigung von Entlassungen vermutlich auch frische Energie freisetzen. Das Risiko aber, dass anschließend die Angst eher lähmt als beflügelt, ist sicher nicht zu unterschätzen. Von daher gilt sicher der letzte Satz: ”Wiederholtes Annealing kann mit physischen Objekten wie Metall gut funktionieren, nicht jedoch im tatsächlichen Umgang mit Menschen.” Teams werden abstumpfen und es irgendwann nicht mehr ernst nehmen. Und in Organisationen, die regelmäßig erhitzt werden dürften sich viele Leistungsträger vorzeitig verabschieden.

Können Sie die Kritik nachvollziehen?
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Johannes Thönneßen

Dipl. Psychologe, Autor, Moderator, Mitglied eines genossenschaftlichen Wohnprojektes. Betreibt MWonline seit 1997. Schwerpunkt-Themen: Kommunikation, Führung und Personalentwicklung.

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