REZENSION: Hans Georg Ruhe / Senta Opitz: 75 Bildkarten Biografiearbeit. Beltz 2016
Biografiearbeit gibt es als Format in Beratung, Coaching und Therapie schon seit Jahren. Die Einsatzbereiche sind vielfältig, auch in der Pflege und in Behindertenarbeit, Arbeit mit Jugendlichen und Senioren kann man gerade die Biografiearbeit gut einsetzen. Bilder können eine wertvolle und schöne Quelle zur Unterstützung sein. Das Visuelle erobert unser Gehirn, unseren Geist. Es setzt Assoziationen, Gefühle und Erinnerungen frei. Es regt die Fantasie ebenso an wie wenn man Parallelen zum Alltag, zum konkreten Erleben zieht. Man kann die Perspektiven wechseln, auf andere asoziative Ebenen wechseln. Bilder schaffen andere Zugänge ins Denken, Fühlen und Erinnern.
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Die vorliegenden 75 Bildkarten sind ein professionelles Hilfsmittel für diese Arbeit. Die Bildkarten sind alle querformatig (24×16,5) und haben eine gute Größe und Haptik. Die Fotoarbeiten von Senta Opitz sind realistisch, ohne Verfremdungseffekte. Die Rückseiten sind mit Gedichtzitaten bedruckt, die allerdings nicht unbedingt das Foto kommentieren, sie können es eher kontrastieren oder stehen n keinem erkennbaren Zusammenhang. Oft sind die Zitate von berühmten Autoren verschiedener Epochen oder auch aus der Bibel.
Wer mit den Bildern arbeiten will, kann somit zwischen der Bildebene und der Textebene wählen, sie verbinden, sie aber auch getrennt voneinander nutzen.
Ein Booklet zur Bilderbox gibt einen kurzen Einstieg in die Biografiearbeit und eine breite Palette möglicher Arbeitsvariationen mit den Bildern und Texten. Es finden sich hier viele schöne Anregungen zum Einsatz.
Die Bilderkartei ist in sieben Themenkomplexe gegliedert, wobei mit das Thema „Arbeitswelt“ allerdings deutlich unterrepräsentiert erscheint.
Die Fotos sind durchgängig ästhetisch komponiert mit mehr oder weniger deutlichem assoziativen Inhalt. Was mir hier fehlt sind zum einen künstlerische Motive, aber auch unschöne oder gar potenziell verstörende Bilder. Für Auge und Geist Überraschendes findet sich nicht, eher Motive, wie man sie auch von Postkarten kennt. Die Ästhetik der Fotos ist mir zu durchgängig positiv. Leben ist aber auch immer wieder Schmerz, Verzweiflung, Hässlichkeit. Dem versuchen wir sowieso schon zu entfliehen, aber eben diese Erfahrungen hinterlassen die tiefsten und wesentlichsten Schleifspuren in unserer Existenz. Sicher muss man den Betrachter nicht unbedingt massiv schockieren, ihn aber nur mit hübschen Stillleben zu konfrontieren, in dem alles Belastende höchstens als milder Hinweis angedeutet wird, führt womöglich an den tiefen und schmerzlichen Momenten vorbei. Aber gerade diese gehören zum Leben und müssen bewältigt und integriert werden. Aus ihnen kann große Stärke entstehen.
Ähnlich geht es mir mit den Gedichtausszügen. Zu viel Bekanntes und Altbekanntes, zu wenig, was den Geist verstören könnte. Witziges, Humor oder IronieSarkasmus findet sich nicht. Auch hier schwebt man auf der Welle des Angenehmen und Schönen. Ich hätte mir da mehr Mut zum Provokativen, (Ver)queren, und Verstörenden gewünscht. An den Grenzen erfahren wir mehr Wesentliches über uns und unsere Existenz, im schönen Mainstream eben nur das… Mainstream.
