17. April 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Drei Anregungen für Retrospektiven

PRAXIS: Kennen Sie das aus dem Fußball? Das Spiel ist vorbei, da steht der Trainer inmitten seines Teams, das sich im Kreis aufgestellt hat, und redet auf die Spieler ein. Ich frage mich dann immer, was genau er ihnen eigentlich so unmittelbar nach Abschluss einhämmert – aber es dürfte um Erkenntnisse gehen, die er aus dem Spielverlauf gewonnen hat. Ob es hilfreich ist, eine solche „Retrospektive“ nach dem Sieg oder der Niederlage abzuhalten, weiß ich nicht. Dass in jedem Team eine gemeinsame Rückschau in regelmäßigen Abständen aber nützlich ist, wird kaum jemand bezweifeln.

Ich frage mich nur, warum das dann so selten erfolgt? Ob nach Meetings, nach Projekten oder Projektabschnitten, nach kritischen Situationen und unerwarteten Ereignissen – immer ließe sich eine Menge lernen. Aber dann fehlt die Zeit, oder anderes ist wichtiger. Oder man ist schon längst wieder beim nächsten Thema, wozu dann noch über Vergangenes reden?


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Vielleicht helfen drei interessante Metaphern (Richtig retro) und die damit verbundenen Moderationsempfehlungen, wenigstens hin und wieder mal das Team dazu anzuhalten, sich über Erfahrungen und Eindrücke auszutauschen. Vor allem aber: Daraus wenige, aber dafür verbindliche Konsequenzen zu entscheiden. Denn das ist erst recht frustrierend und senkt die Motivation – wenn die Rückschau keine Konsequenzen hat. Oder bestimmte Probleme sich immer wieder zeigen, mitgeschleppt werden und sich nichts ändert.

Die folgenden Vorschläge erfordern eine neutrale Moderation – ohnehin sehr hilfreich wenn es darum geht, auch Fehler und Probleme anzusprechen. In Team, in denen viel Vertrautheit und Vertrauen herrschen, könnte die Durchführung vermutlich auch von einem Teammitglied moderiert werden. Los geht’s.

Heißluftballon

Eine schöne Metapher: Der Heißluftballon steht für das Team. Die Moderationsfrage lautet: ”Was lässt uns steigen? Was sind die Sandsäcke, die uns am Boden halten?” Der Ballon wird aufgezeichnet, Wolken darüber sind mit den (strategischen) Zielen versehen. Oder das Team legt gemeinsam fest, welche Ziele dort aufgeschrieben werden.

Dann schreibt jedes Teammitglied für sich auf Post-its, welche Dinge das Team aufsteigen lassen und welche es am Boden halten oder hinabziehen. Hierfür läuft ein Timer 5 Minuten lang. Anschließend stellt jeder seine Ergebnisse vor und klebt sie zum Ballon. Hier sind lediglich Verständnisfragen zugelassen.

Im letzten Schritt wird mindestens eine Aktion festgeschrieben, die bis zur nächsten Retrospektive umgesetzt wird.

Druiden-Retrospektive

Hier ist der Zaubertrank die Metapher. Die Moderatorin startet mit dem bekannten Einstieg in die Welt der Gallier: ”Es war einmal ein gallisches Dorf … Dort gab es auch einen Druiden, der einen Zaubertrank zubereitete, der die Bewohner unbesiegbar machte.”

Dann die Übertragung auf das Team: ”Welche Zutaten muss der Druide in unseren Trank mischen, damit das Team stark und unbesiegbar wird?” Es geht um Werte, Prinzipien, Eigenschaften, Verhaltensweisen. Jedes Teammitglied notiert drei Begriffe auf die Post-its.

Es folgt Aufforderung 2: ”Welche geheimen Kräfte sind heute schon bemerkbar, die unser Team auszeichnet?” Hier notiert jedes Mitglied mindestens zwei Begriffe.”

Dann werden die gefundenen Begriffe geclustert und diskutiert. Hieraus werden zum Abschluss eine bis drei Aktionen festgehalten, die bis zur nächsten Retrospektive umgesetzt werden.

Team-Konto-Retrospektive

Eine Variante, für die es schon viel Vertrauen innerhalb des Teams braucht. Sie hilft dabei, die Dynamik im Team transparent zu machen, indem sie die Beiträge jedes Einzelnen sichtbar macht. Dazu dient die Methapher des Giro-Kontos, bei dem es Einzahlungen und Abhebungen gibt. Und bei dem Überziehungen zu teuren Zinsen führen.

Zuerst sammelt das Team auf Zuruf Beispiele für Verhaltensweisen, die einzahlen sowie solche, die als Abhebungen wahrgenommen werden.

Dann geht es in Kleingruppen weiter. Dort arbeitet erst einmal jedes Mitglied für sich und notiert drei eigene Beiträge, die es als Einzahlung erlebt sowie mindestens zwei Abhebungen. Hierfür gibt es fünf Minuten. Danach erstellt jeder für jedes andere Mitglied eine vergleichbare Bilanz: Wie erlebt jeder die Einzahlungen und Abhebungen des jeweils anderen? Dabei sollten mehr Einzahlungen als Abhebungen notiert werden.

Im nächsten Schritt werden die Selbsteinschätzungen und Fremdbilder ausgetauscht, wobei immer zuerst das Selbstbild vorgestellt wird. Es gibt keine Kommentare oder Diskussionen, lediglich Klärungsfragen. Danach sammelt jeder seine Zettel ein und erstellt für sich ein persönliches Fazit aus dem Austausch. Dieses wird zum Abschluss im ganzen Team vorgestellt. Auch hier wird nicht diskutiert, Verständnisfragen sind natürlich erlaubt.

Wie gesagt, die letzte Variante hat es in sich. Für eine Retrospektive im Alltag sicherlich zu anspruchsvoll, hierfür benötigt es ausreichend Zeit. Und anschließend so mancher noch mehr Zeit zum Verdauen.

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Johannes Thönneßen

Dipl. Psychologe, Autor, Moderator, Mitglied eines genossenschaftlichen Wohnprojektes. Betreibt MWonline seit 1997. Schwerpunkt-Themen: Kommunikation, Führung und Personalentwicklung.

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2 Gedanken zu „Drei Anregungen für Retrospektiven

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