2. März 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Der Patriarch, Teil 2

INSPIRATION: Der Unternehmer ist stolz auf sein Unternehmen. Und stolz auf alle, die es mit ihm aufgebaut haben. Weil er das, was er geschaffen hat, bewahren möchte und neben seinem Bemühen, das Unternehmen zu einem Erfolg zu führen, sich auch um seine Angestellten kümmert, gewährt er ihnen eine ganze Reihe von ”Add-ons” – wie man so schön sagt.

Worum geht es? Wenn das Unternehmen wächst, schwindet in der Regel das Gefühl der Verbundenheit. Die Menschen arbeiten weniger für den Gründer, sondern haben nun Teamleiter (Der Patriarch, Teil 1). Wenn es diesen gelingt, den Teamgeist aufrecht zu erhalten, so dass die Mitglieder nun für sie arbeiten, ist es gut. Aber angesichts des Marktdrucks und der wachsenden Distanz zum Partriarchen ist dieser versucht, neben dem vereinbarten Arbeitslohn die erwähnten Zusatzleistungen zu bieten.


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Die Palette ist vertraut: Das fängt an mit dem Obstkorb in der Teeküche und dem Kaffee-Vollautomaten, geht über die kostenlosen Ladung der E-Autos und der Ausstattung mit einem Firmen-Handy bis zu kostenlosen Parkplätzen, einer übertariflichen Bezahlung und der Möglichkeit von flexiblen Arbeitszeiten. Für letztere muss es nicht mal eine Vereinbarung geben – das funktioniert auch auf Zuruf. Wenn der Mitarbeitende zum Chef geht und darum bittet, an einem Tag früher gehen zu können, nickt dieser – vorausgesetzt, die Aufgaben sind bis dahin erledigt.

Fehlende Dankbarkeit

Und jetzt geschieht etwas Interessantes. Der gleiche Mitarbeiter, der gerade noch früher gehen oder später kommen konnte, verlegt einen Termin mit einem Kunden, weil dieser kurz vor ”Feierabend” angesetzt war. Mit der Begründung, dass er schließlich pünktlich gehen müsse. Der Unternehmer ist fassungslos. Seine nahe liegende Reaktion: ”Ist das der Dank?“

Genau diese Frage wurde mir inzwischen mehr als einmal gestellt: „Kann ich keine Dankbarkeit erwarten? Und wenn schon keine Dankbarkeit, so doch wenigstens die Bereitschaft, für all die Zusatzleistungen in Ausnahmefällen eine Gegenleistung zu erbringen?“

Ich habe mir ziemlich den Kopf zermartert zum Thema „Dankbarkeit“. Tatsächlich ist es völlig sinnlos, Dankbarkeit zu erwarten – so menschlich es auch ist. Dankbarkeit nämlich ist ein Gefühl, kein Willensakt. Wie andere Gefühle auch. Sie entstehen oder sie entstehen nicht. Sie zu fordern wäre so, als würde ich Freude, Begeisterung oder gar Zuneigung einfordern.

Referenzpunkt-Verschiebung

Nun könnte der Mitarbeitende ja wenigstens so tun als ob. Hilft aber nicht lange. Die „Sonderleistungen“ werden nur kurze Zeit als etwas Besonderes wahrgenommen – sie mutieren schnell zum Besitzstand. Wenn Mitarbeiter A sich über den kostenlosen Parkplatz freut und dann eines Tages feststellt, dass dieser von einem Kollegen B besetzt ist, wird er nicht denken: „Na, aber ich bin glücklich, dass ich ihn bisher nutzen durfte!“

Er wird den neuen Zustand auch nicht mit den Verhältnissen vergleichen, die Kollegen in anderen Unternehmen vorfinden (wo es vielleicht weit und breit überhaupt keine Parkplätze gibt). Er vergleicht ihn mit dem Zustand in der Vergangenheit und bedauert den Verlust. Das nennt man Referenzpunkt-Verschiebung. Ganz normales menschliches Verhalten.

Dankbarkeit als Gegenleistung

Tatsächlich geht es wohl um die Erwartung einer Gegenleistung. Und damit um eine Vereinbarung: „Passt auf, ich biete euch kostenlose Parkplätze und Strom für eure E-Autos. Das ist mehr, als in eurem Arbeitsvertrag steht, und daher erwartet ich, dass Ihr im Gegenzug bei dringendem Bedarf bis zu einer halben Stunde länger bleibt.“

Eine solche klare Vereinbarung nimmt dem schönen Selbstbild des Patriarchen viel von seinem Glanz. Dann ist er nämlich nicht mehr der großzügige Gönner, der Geschenke verteilt, so wie Papa nach einer Dienstreise Überraschungen aus seinem Aktenkoffer zieht und die Kinder beglückt. Er ist Geschäftsmann oder -frau, und die Mitarbeitenden sind Geschäftspartner.

Was tun? Eine Möglichkeit wäre, immer wieder vor Augen zu führen, dass all diese Leistungen freiwillige Zusatzleistungen sind, ihre Kosten transparent und eben deutlich machen, was man dafür erwartet. Und sich von der Idee der „Dankbarkeit“ ganz zu verabschieden.

Enttäuschungen vermeiden

Aber ach – letzteres ist verdammt schwer. Das kennt jeder, der zu Hause alles nett aufgeräumt und gekocht hat, und der Partner das nach dem dritten Mal schon gar nicht mehr wahrnimmt. Enttäuschung ist die normale Reaktion, und wie Dankbarkeit ist auch Enttäuschung ein Gefühl, das auftritt oder nicht – und kein Willensakt.

Bliebe noch der Weg, sich und seine Zusatzleistungen neu zu definieren. Letztere zum Beispiel nicht mehr als Geschenk an die Belegschaft zu verstehen, sondern als Ausdruck des eigenen Anspruchs an sich als Unternehmer. Nämlich ein Unternehmer zu sein, der cool, modern, großzügig und anspruchsvoll ist. Und all das als Aushängeschild für mögliche Bewerber zu betrachten.

„Ich biete das Beste, weil ich der Beste sein will. Wer es schätzt – wunderbar. Wer es als normal ansieht – auch okay, denn er wird es woanders schmerzlich vermissen. Und wer sich deshalb bei mir bewirbt – Volltreffer.“ Dieses Zitat ist nicht von mir, sondern habe ich tatsächlich einer KI nach langer Diskussion abgerungen. Sie hat mich mächtig gelobt und mir mitgeteilt, das sei ein strategisch wertvoller Gedanke, der helfen kann, den Unternehmer vor Enttäuschungen zu bewahren. Bingo!

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Johannes Thönneßen

Dipl. Psychologe, Autor, Moderator, Mitglied eines genossenschaftlichen Wohnprojektes. Betreibt MWonline seit 1997. Schwerpunkt-Themen: Kommunikation, Führung und Personalentwicklung.

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