KRITIK: Möchten Sie sich mal so richtig gruseln? Dann lesen Sie das Interview mit einem ehemaligen Manager der Discount-Branche („Der Mensch ist Material„). Oder lesen Sie gleich sein Buch (Fressen oder gefressen werden). Und wenn Sie Ähnliches erleben, dann gibt es nur einen Rat: Zu kündigen. Was dort so furchbar war?
Vor allem wohl das Menschenbild: Wer der festen Überzeugung ist, dass die Mitarbeiter und Kunden klauen und betrügen, der muss sie überwachen und ständig kontrollieren. Wer glaubt, dass Menschen am ehesten Leistung erbringen, wenn man nur ordentlich Druck ausübt, der hat seine Freude daran, wenn jede Ebene den Druck von oben nach unten weitergibt. Möglichst vor anderen, damit es auch richtig wirkt.
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Die Folgen? Menschen werden zu Intriganten, Schleimern und Ja-Sagern, arbeiten bis zum Umfallen, lassen ihre Ehe scheitern, werden suchtkrank, erniedrigen sich und kriechen ihren Chefs in den Hintern, aber machen hinter deren Rücken genau das, was man ihnen zutraut: Sie tricksen und betrügen. Einmal, weil sie sich eine Entschädigung für die miese Behandlung holen, zum anderen, weil die Vorgaben gar nicht anders zu erreichen sind.
Bleibt zu Recht die Frage: Warum tun Menschen sich das an? Warum bleiben sie und suchen sich nicht einen anderen Arbeitgeber? Die Erklärung: Am Anfang lockt die Karriere und das Geld. Man verdient gut in der Branche, und die versprochene schnelle Karriere findet auch statt. Weil die Fluktuation in den höheren Rängen so groß ist, dass man als junger Mensch durchaus schnell aufsteigt.
Das Erschütternde: Die Fluktuation ist nicht deshalb so hoch, weil die Menschen konsequent sind und wegen der unsäglichen Atmosphäre kündigen, sondern sie werden rausgeworfen. Aus politischen Gründen, weil das Management häufig ausgetauscht wird und dann auch weiter unten aufräumt. Oder einfach, weil dem neuen Management die Nasen nicht passen. Oder man Zeichen setzen will.
Und obwohl das jeder weiß, gehen die Mittelmanager nicht freiwillig. Aus Angst davor, dann ohne Job dazustehen. Man hofft, dass es einen selbst nicht erwischt, dass man die Ausnahme ist, die durchhält. Und weil man fürchtet, mit Mitte 40 als erfolgloser Manager keine neue Chance mehr zu bekommen.
Bleibt die Frage, warum in dieser Branche mit diesem Menschenbild gearbeitet wird. Die Antwort liegt auf der Hand: Weil es funktioniert – gemessen am betriebswirtschaftlichen Ergebnis. Wo alles über den Preis geregelt wird und Kosten reduzieren das einzige ist, was zählt – warum sollte hier der Mensch anders behandelt werden als ein Produkt? Möglichst billig einkaufen und das Maximale herausholen, und das möglichst schnell.
Ich tue der Branche unrecht? Bestimmt, aber jede Wette, dass dort, wo es anders zugeht, auch nicht allein das betriebswirtschaftliche Ergebnis zählt…
