INSPIRATION: Eine nervende Debatte: Zurück, Marsch, Marsch! Oder: Ihr könnt mich mal! Soll das das Niveau einer konstruktiven, arbeitspolitischen Diskussion sein? Ist nicht schon alles zum Thema gesagt worden? Oder was fehlt noch?
Wirtschaftspsychologie-Professor Ingo Hamm (Wie wollen wir wirklich arbeiten?) weiß, dass Dilemmata letztlich unproduktiv, weil maßlos überspitzt sind. Er führt die Debatte nach einigen, dieser Dramaturgie geschuldeten, aber unterhaltsamen Ausschweifungen auf ein höheres, produktiveres Level. Um in der Terminologie eines Mafiabosses zu sprechen: Was ist der Deal?
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Darum geht es nämlich eigentlich, um die Frage, was die Terms of Trade sind. Denn diese haben sich geändert. Nicht nur, weil es die Corona-Pandemie gegeben hat und man plötzlich realisiert hat, dass man – in der Breite – remote arbeiten kann (in den 90ern hieß es: Telearbeit). Nein, es hat sich in den letzten Jahren so einiges mehr verändert. Manches davon wurde nur einfach sichtbarer, spürbarer.
Der Deal
Und so erzählt Autor Hamm auch diese schöne Geschichte, wie Mitarbeitende sich auf Social-Media am Arbeitgeber mit einem Post rächen, der sie erpressen will – zurück ins Büro oder Beförderungssperre: „Wenn ich jeden Tag zur Arbeit fahre, kostet mich das für Benzin, Straßenmaut, Kfz-Abschreibung und Verpflegung rund 4.000 Dollar im Jahr. Werde ich befördert, verdiene ich nach Steuern aber nur 2.500 mehr. Wer rechnen kann, hat mehr vom Leben.“
Deeskalieren und zuhören lautet daher die pragmatische Konklusion des Autors. Und darin liegt dann auch der Mehrwert dieses Beitrags, nachdem wir schon unzählige andere zum Thema im Laufe der Zeit gelesen haben. Er listet die Interessen und Argumente der beiden Seiten auf und ermöglicht seiner Leserschaft, auf welcher Seite sie auch immer zuhause sein möge, sich in die andere Position hineinzudenken. Verständnis ist der erste Schritt. Der nächste müsste lauten: Was sind die Interessen hinter den Interessen? Oder: Was sind eigentlich eure/unsere gemeinsamen Ziele? Das kennen wir aus der Mediation. Und soll ja hilfreich sein.
Die Mitarbeitenden
Warum muss man eigentlich alle Mitarbeitenden über einen Kamm scheren, fragt sich der Autor. „Alle Menschen werden von den drei B-Motiven angetrieben, jedoch in unterschiedlicher Gewichtung. Dem einen ist der Benefit-Charakter des Homeoffice das Wichtigste, der anderen die Befreiung von den Restriktionen des Firmen-Arbeitsplatzes, der Dritten die ungestörte Besinnung auf die eigentliche Arbeit.“ Grob vereinfachend lassen sich die Mitarbeitenden folgender Typologie zuordnen:
- Für die Jongleure ist das Homeoffice der Rettungsanker, der hilft, den „stressigen, durch Kitazeiten und Bahnchaos sabotierten Alltag bewältigen zu können“.
- Für die Eskapisten ist das Zuhause die Bastion selbstwirksamen Arbeitens überhaupt.
- Für die Essenzialisten ist das Home-Office der Ort, an dem sie „ohne große Teameinbindung, ohne eine Führungskraft, die ihnen die Hand führt, und ohne all die Ablenkungen, Störungen, taktischen Manöver und Intrigen“ einfach nur selbstgesteuert und autark arbeiten können.
- Für die Fatalisten ist das Homeoffice ein Ort psychologischer Sicherheit, eine Fluchtburg vor kontrollierender oder kränkender Umgebung – kurz vor dem Burnout.
- Für die Verweigerer ist das Homeoffice das Paradies, das sie missbrauchen, um mehr Freizeit zu generieren.
Doch letztere Gruppe macht – nach Erfahrung des Autors – maximal zehn Prozent aus. Führungskräfte, die das fälschlicherweise generalisieren, tun den anderen 90% unrecht, und schütten das berühmte Kind mit dem Bade aus.
Die Führungskräfte
Sie hören oft nicht zu. Auch wenn sie wissen, dass das hilft. Was treibt sie – bewusst oder unbewusst – an?
- Bedürfnis nach Kontrolle: Sie assoziieren Home-Office mit Kontrollverlust.
- Bedürfnis nach Wertschätzung: Die Führungskraft „allein zu Haus“ erlebt sich einsam und depotenziert.
- Bedürfnis nach Status: Die Insignien der Macht verblassen, das „Heer der Untergebenen“ wird unsichtbar.
Glücklich die Führungskraft, die zur Selbstreflexion fähig ist. Was ist mein Führungsbild? Und wie kann ich meine Bedürfnisse auf andere Weise befriedigen?
New Deal, New Work?
Gut wäre, wenn sich die beiden Seiten einmal austauschen würden, wenn die Argumente gehört und (selbst-)kritisch gewürdigt würden, wenn im Einzelfall geschaut und entschieden würde. Und wenn die Vor- und Nachteile von Home-Office diskutiert würden, so der Autor. Dann könnte man vielleicht zu einer Form von New Work kommen, würde ich ergänzen (Mit Empowerment zu New Work). Wohlwissend, wie beschwerlich der Weg dahin ist (Phantomschmerzen?).
Mit seiner „Bilanz“ legt der Autor immerhin ein Diskussionspapier für solche Gespräche auf den Tisch. Das ist doch schon mal was. Damit könnten erfahrene Change Agents hilfreiche Veranstaltungsdesigns entwickeln. Mal schauen, ob wir darüber in ein paar Monaten etwas zu lesen bekommen …
