4. April 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Teure Motivation

Materielle Boni allein machen Menschen weder glücklicher noch leistungsbereiter, lesen wir in der Wirtschaftswoche, und der Zusammenhang zwischen Gehalt und Zufriedenheit ist ziemlich schwach. Selbstbestimmung und Anerkennung sind viel wichiger und vor allem billiger.

In dem Beitrag (Bock auch ohne Boni) werden Studien zitiert, nach denen in Europa jüngere Mitarbeiter bei der Wahl zwischen langweiliger, aber gut bezahlter und interessanter, aber moderat entlohnter Arbeit 69% sich für zweiteres entscheiden würden. Also, so die Schlussfolgerung, kann man auf Boni, Firmenwagen, hauseigenes Fitness-Studio und teures Smartphone getrost verzichten: Lobt die Mitarbeiter und gebt ihnen einen Job, in dem sie etwas bewirken und entscheiden können, dann klappt das auch mit der Motivation.

Mich ärgert diese entweder-oder-Argumentation. Sie suggeriert: Gebt dem Menschen nur genug Verantwortung und Entscheidungsfreiraum, dann könnt Ihr prächtig am Gehalt sparen. Und wenn einem dann die Mitarbeiter davonlaufen, weil sie woanders eben doch das tolle iPhone und den schicken Dienstwagen bekommen, dann heißt es: „Seht her, am Ende zählt dann doch das Geld!“

Wo liegt der Fehler? In diesem „entweder-oder“. Es stimmt sicher, dass die Steuerung von Verhalten mittels Zielvereinbarungen und daran geknüpfter Boni eine ganz schlechte Idee ist. Nicht nur, weil ein solches System immer anfällig für Manipulationen ist und die Menschen sich statt um die wichtigen Dinge vor allem um jene kümmern, für die es eine Prämie gibt. Und dass Individualprämien im krassen Widerspruch zum allseits angestrebten Teamdenken stehen, worunter das Arbeitsklima leidet.

Und natürlich stimmt es auch, dass Menschen lieber einen interessanten Job hätten, sich für Entwicklungsmöglichkeiten interessieren und Anerkennung sowie ein angenehmes und kollegiales Klima vorziehen. Insofern wünsche ich mir auch, dass Unternehmen sich viel mehr Gedanken um die Gestaltung und Verteilung der Aufgaben machen als um noch ausgefeiltere Anreizsysteme.

Aber wenn ihnen jetzt auf einmal erklärt wird, sie können all die schönen Gehaltsmodelle und Prämiensysteme abschaffen und dafür mehr loben und anerkennen, dann dürften sie damit auch nicht glücklich werden. Warum? Weil wir Menschen nun mal deutlich komplexer sind als eine Waage, bei der auf der einen Seite das Gehalt und auf der anderen Seite die Leistung liegt. All diesen schlichten Input-Output-Modelle werden uns nicht gerecht.

Mal ein einfaches Beispiel: Mitarbeiter A hat einen einen Job mit netten Kollegen, vielen Entscheidungsfreiheiten und interessanten Aufgaben. Er erhält ein moderates Gehalt, weil er bei einem Mittelständler arbeitet, der in Sachen Entgelt mit einem Konzern nicht konkurrieren kann. Nun trifft er seinen Nachbarn, der bei einem jener Konzerne tätig ist, in denen das mit den netten Kollegen schwierig ist, und dank häufiger Chef-Wechsel macht ihm sein Job auch nicht wirklich Freude. „Alles klar“, denkt sich Mitarbeiter A, „was bin ich froh, dass ich dort nicht arbeiten muss.“

Dann stellt er fest, dass sein Kollege B, der deutlich länger im Unternehmen ist, mehr verdient als er selbst. Oder Kollege C, der das gleiche Gehalt bezieht, aber sich deutlich weniger engagiert. Und dass eine fünfköpfige Familie samt Haus nun mal doch mehr Geld verschlingt als zu den Zeiten, in denen er noch in einer kleinen Mietwohnung mit seiner Frau lebte. Obwohl ihm die Aufgaben Spaß machen und die Kollegen nett sind, denkt er immer häufiger, dass er sich unter Wert verkauft. Vorbei ist es mit dem „pfeif auf das Geld„.

Will sagen: Es ergibt keinen Sinn, das eine oder das andere für das Allheilmittel zu halten. Ebenso wenig sinnvoll sind Umfragen nach dem Motto: „Würdest du einen gut dotierten Job aufgeben, wenn du woanders mit geringerem Gehalt sinnvollere Arbeit leisten kannst bei ansonsten gleichen Bedingungen?“ – es gibt diese gleichen Bedingungen nicht. Deshalb bleibt Unternehmen nichts anderes übrig, als sich wieder und wieder um einerseits eine angemessene und faire Entlohnung zu bemühen und andererseits den Mitarbeitern die Aufgaben zu übertragen, für die sie am besten geeignet sind. Und sie sollten weder mit immateriellen noch mit materiellen Anreizen versuchen, Leistung zu steuern und zu steigern.

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Johannes Thönneßen

Dipl. Psychologe, Autor, Moderator, Mitglied eines genossenschaftlichen Wohnprojektes. Betreibt MWonline seit 1997. Schwerpunkt-Themen: Kommunikation, Führung und Personalentwicklung.

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