9. April 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Voller Tücke: Die Lücke in die Brücke …

INSPIRATION: Wie nutzen Coaches GenAI? Und welche Vorteile und Einschränkungen nehmen sie wahr? Eine Studie gewährt Einblicke in ein breites Anwendungsspektrum in der Coaching-Praxis. Und arbeitet die Knackpunkte heraus.

Eine Befragung von 85 Business- und Karriere-Coaches – starker Männeranteil und schwerpunktmäßig aus den USA sowie UK stammend – zeigt ein breites Anwendungsspektrum von GenKI-Tools im Coaching (Erweiterung des Coachings durch Generative KI). Dabei fällt auf, dass GenKI vor allem für die Inhaltserstellung und Recherche verwendet wird. Also für die Wissensgenerierung und kreative Aufgaben wie Brainstorming von Lösungen, Simulation von Trainingsszenarien und sogar das Erlernen neuer Coaching-Techniken.


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Der GenKI-Einsatz bei diesen Aufgaben erscheint den Coaches sehr effektiv zu sein. Insbesondere betrifft dies die Trainingssimulationen und das Erlernen neuer Coaching-Techniken, aber auch – auf dem dritten Platz – die Recherche. Weniger genutzt werden von den Coaches Sitzungsdokumentation und das Monitoring des Klientenfortschritts. GenKI wird bei diesen administrativen Aufgaben von den Coaches auch nicht als besonders effektiv erlebt.

Menschliche Coaches werden nicht überflüssig

Wenn die Befragten zwar zukünftig eine zunehmende Verbreitung von GenKI erwarten, äußern sie sich doch skeptisch auf das Szenario einer vollständigen Übernahme zentraler Coaching-Funktionen durch KI angesprochen. Dass menschliche Coaches überflüssig würden, halten sie für wenig wahrscheinlich. Die eigene KI-Kompetenz erachten die Coaches insgesamt als hoch.

Im Gegenteil ist die Wunschliste an eine zukünftige GenKI lang: Verbesserte Verhaltensanalysen beispielsweise würde man nur allzu gerne erhalten wollen, um damit zu „erweiterten Klienten-Insights“ zu gelangen. Auch die Fortschrittsverfolgung und „prädiktive Analysen zur Optimierung von Interventionen“ stehen auf der To-Do-Liste. Letztlich würde man eine stärkere Personalisierung befürworten, um auch adaptive Lernpfade designen und maßgeschneiderte Hinweise geben zu können. Vermisst werden bislang eine „verbesserte emotionale Intelligenz“ und auch Kontextsensitivität. Kritik an solchen Insights-Ambitionen habe ich schon an anderer Stelle geäußert (Der dritte Mann).

Zudem wünscht man sich eine verbesserte administrative Automatisierung, eine bessere Unterstützung bei der Inhaltsgenerierung sowie „Echtzeit-Coaching-Unterstützung“. – Die Latte wird hoch aufgelegt und man darf sich getrost fragen, ob GenKI das überhaupt leisten kann.

Ethische Bauchschmerzen

Den Coaches ist bewusst, dass die Vertraulichkeit von Informationen ihrer Klienten gewährleistet werden muss. Dazu steht allerdings im krassen Widerspruch, dass sie zu mehr als 90 Prozent ChatGPT 3.5 oder 4.0 nutzen. Bewusst ist den Coaches auch, dass die Qualität KI-generierter Inhalte überprüft werden muss und dass sich Coaches nicht davor drücken können, die Verantwortung für KI-gestützte Coaching-Ergebnisse zu übernehmen. Leider ist die Varianz der Antworten der Befragten hinsichtlich der Transparenz des KI-Einsatzes den Klienten gegenüber hoch. Das heißt, dass nicht alle Coaches den Klienten gegenüber offenlegen, GenKI zu nutzen und damit diesen auch keine Wahlfreiheit anbieten. Was klar im Widerspruch zum EU AI Act steht.

Die Coaches wissen auch um potenzielle Verzerrungen in KI-generierten Inhalten (Halluzinationen), trauen sich jedoch zu, diese zu erkennen. Ob allerdings jedem auch klar ist, dass GenKI überwiegend an westlichen Datenbeständen trainiert wurde und daher auch kulturelle Verzerrungen aufweist? Das muss nicht jeder wissen.

Fazit

Die Autorin legt hier den Finger in diverse Wunden. Hinzu kommt der Befund, dass die überwiegende Mehrheit der Befragten kommerzielle GenKI nutzt. „Dies deutet auf eine Lücke zwischen der wahrgenommenen ethischen Verantwortung und der tatsächlichen Umsetzung von Datenschutzmaßnahmen in der Praxis hin.“

Und es deutet sich, so die Autorin, noch weiterer Forschungsbedarf an. Es fehlen Längsschnittuntersuchungen. Darunter fällt auch der Aspekt zu beobachten, welche Veränderungen sich langfristig auch bei der Kompetenzentwicklung auf Coach-Seite abzeichnen.

Selbstverständlich muss einschränkend angemerkt werden, dass der Studie eine einseitige Stichprobe zugrunde liegt (USA & UK), wie die Autorin selbst anmerkt. Hinzugefügt werden sollte, dass im angloamerikanischen Raum Coaching und Training auch weniger unterschieden werden – was solche Untersuchungen grundsätzlich kritisierbar macht. Es fehlt auch die komplementäre Sicht der Kundschaft. Es ist also noch so einige Forschung notwendig.

Wenn man die erforschte Nachlässigkeit der Coaches (Vertraulichkeit, Transparenz) ernst nimmt, denke ich, müsste vermutlich ein Custom GPT, also eine maßgeschneiderte Anwendung entwickelt werden. Diese müsste kulturell divers, kontextspezifisch trainiert und sorgfältig kuratiert werden. Da stellt sich allerdings die Frage, wer denn ein solches Investment stemmen soll. Die Coaching-Verbände pflegen eher Konkurrenz als Kooperation. Und für einen Investor ist vermutlich die Zielgruppe der Coaches viel zu schmal, um profitabel zu sein.

Und damit tritt dann noch ein weiterer Aspekt ins Blickfeld, den die Autorin gar nicht benennt: Während Experten die kommerzielle GenKI als Hochrisiko-Technologie im Personalbereich einschätzen (Künstliche Intelligenz in Deutschland), lassen sich viele Menschen privat lieber von GenKI „coachen“ als von einem Coach (Teures Coaching). Was nützt es also, wenn auch wieder in dieser Studie gesagt wird, die Coaches selbst verhalten sich zurückhaltend mit dem Einsatz von GenKI im Coaching?

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Thomas Webers

Dipl.-Psych., Dipl.-Theol., Fachpsychologe ABO-Psychologie (DGPs/BDP), Lehrbeauftragter der Hochschule Fresenius (Köln), Business-Coach, Publizist

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