29. September 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Seiltänzer

Von Scheinriesen und dem Zwergenaufstand

KRITIK: Wer immer mal Personalentwickler werden wollte, könnte sich, am Ziel seiner Träume, in einer seltsam depotenzierten Lage wiederfinden: Als Rädchen bloß im Getriebe des großen Unternehmens.

Zuständig dafür, den „Müller“ zum „Motivationsölwechsel“ abzukommandieren. Den Job hatten sich gar manche vermutlich anders vorgestellt: Mehr so empowernd (Mit Empowerment zu New Work). An das Gute im Menschen glaubend und Schrittchen für Schrittchen die sog. Workforce verbessernd. Damit das Unternehmen als Ganzes produktiv und innovativ wird – oder bleibt.


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Nur ein Traum? Damals, die Autorin (Widerspruchsbewusste Personalentwicklung) zitiert Wolfgang Looss mit der Jahreszahl 1995 (!), gab es die Vision von der Personalentwicklung als „Agentin der Widersprüche“. Wow, das klingt mutig und heldenhaft! Stoff für eine Heldenreise (Management by Kasperle-Theater)? Ein Sujet, das doch sowas von beliebt in der Szene der Trainer, Berater, Coaches (Abk.: TBC) ist.

Nur zu dumm, wenn man dann realisieren muss, so wird es uns gerade wieder im Kino vorgeführt (Die Odyssee), dass gar manche Heldenreise deutlich länger dauert als ursprünglich gedacht. Und dass der Preis für solche Abenteuer extrem hoch sein kann. Da könnte man doch mal fragen: Wenn Du damals gewusst hättest, auf was Du Dich da einlässt, hättest Du Dich dann anders entschieden? Hättest Du Dinge anders gemacht?

Hätte, hätte, Fahrradkette!

Christopher Nolan, der geniale Regisseur lässt seinen Odysseus diese Frage gleich zu Anfang stellen. Und zeigt damit die Kontingenz auf: Was für sinnlose Fragen Menschen stellen können … Die Vergangenheit gegen die Zukunft ausspielen. Was soll das?

Aber ist das nicht auch das Spiel der Personalentwicklung? Es sollen Potenziale entwickelt werden. Klingt das nicht super!? Und viel versprechend. Doch bei näherer Betrachtung wird die Sache mehr als vage. Wo genau sind denn die Potenziale? Und wenn sie dann wirklich entdeckt werden sollten, hängt die Entwicklung, die Realisierung eben doch nicht bloß vom Potenzialträger selbst ab. Sie ist abhängig vom Kontext. Und was und wieviel kann man hier tatsächlich kontrollieren oder beeinflussen?

Geschundene Seelen

„Agentin der Widersprüche“: Ein Euphemismus. Erzählen Sie das mal Ihrem Geschäftsführer … Der wird ihnen was husten! Denn der will schlicht und einfach, dass der „Müller“ wieder funktioniert. Basta! „Agentin der Widersprüche“ …: Das ist bloß Balsam auf die geschundenen Seelen der Personalentwickler. Sonst nichts.

Die Autorin, im „richtigen Leben“ Leiterin Führungsentwicklung in einem Klinikum, ist aber tapfer. Sie präsentiert ihrer Leserschaft „drei archetypische Orientierungsfiguren“:

  • Hofnarr/Hofnärrin: Sie oder er balanciert zwischen Verrat und Lächerlichkeit.
  • Sanfte Radikale: Ein Insider-Outsider, loyal zur Organisation, aber immer auch gegen den Stachel löckend. Zuletzt doch immer pragmatisch unterwegs.
  • Trickster: Die Zwitterwesen (verkörperte Gottheiten), sprechende Tiere (Raben, Kojoten, Füchse) oder die Till Eulenspiegel, Pippi Langstrumpf und Jack Sparrow. Sie sind irgendwie heimatlos und wandern zwischen den Welten.

Dreimal dürfen Sie raten, geschätzte Leserschaft, wer der Favorit der Autorin ist: Der Trickster! Warum? Diese Figur schafft das scheinbar Unmögliche. Sie nutzt ihre Superkräfte wie Super-, Bat- oder Spiderman. Sie ist kompetent, geschickt und reitet die Paradoxie (Wir Seiltänzer). Ihre Mission: „Das Ausnutzen von Grauzonen, das bewusste Setzen von Mehrdeutigkeiten, taktisches Verschweigen und Umdeuten von Themen, um sie überhaupt ins Spiel zu bringen, die mehr scheinbare Erfüllung von problematischen Aufträgen etc. Trickster regen dazu an, den kreativ-subversiven Umgang mit den Spielregeln des Feldes zu verfeinern und auszuweiten.“

By the Rivers of Babylon

Da tagträumt die Autorin so vor sich hin, by the Rivers of Babylon. Das Thema, die Figur – alles andere als neu. Legende … In der Neuzeit wird – vor allem im englischsprachigen Raum – gerne The Wizard of Oz daraus. „PE als vielschichtige ethisch-politische Praxis im ‚Dazwischen‘,“ erklärt uns die Autorin. Nun, da wollen wir mal hoffen, dass sie sich da nicht verliert. Es wäre dann eher Zeit für einen anderen Film, beispielsweise: Alice im Wunderland …

Zugegeben: Ich bin mal wieder gehässig! Und ich will natürlich auch gar nicht abstreiten, dass es gar manche solcher „Wanderer zwischen den Welten“ geben mag. Mit großem Herz, Leidensfähigkeit, Geduld und so weiter. Und gleichfalls will ich nicht abstreiten, dass eine solche Kompetenz nützlich sein kann oder oft gebraucht würde. Aber sollte man die Idee gleich seinem Geschäftsführer auf die Nase binden? Sollte der Personalentwickler (oder Coach) damit quasi hausieren gehen? Ich würde dringend davon abraten! Die Weisheit dieser Person mag sich im Prozess als nützlich erweisen und dann auch echte Wertschätzung erhalten. Aber erst am Ende des Tages. Vorkasse: Vergiss es! Man muss sich das erarbeiten, verdienen. Und man sollte auch ein Gespür dafür entwickeln, wo es vergebliche Liebesmüh wäre. So richtigen Knallköpfen und Dumpfbacken im Management ist selten zu helfen. So, pick your battles!

Die Wanderer zwischen den Welten

Aber mal eine, auf den ersten Blick vielleicht harmlose erscheinende Frage: Warum soll eine solche Kompetenz nur für Personalentwickler bezeichnend sein? Was ist mit den Führungskräften? Was mit den Mitarbeitenden? Wird von ihnen nicht auch ein professionelles Rollenmanagement erwartet, dass immer ein Balancieren von Ambivalenzen bedeutet (Die Spiele sind eröffnet!)? Vorderbühne, Hinterbühne, Stand- und Spielbein. Oder: Welchen Hut ziehe ich mir heute auf? Da könnte man glatt an den Kultfilm Blade Runner denken …

Ok. Down to Earth. Ich bemühe mich mal um ein versöhnliches Fazit: Die Autorin streift so nebenbei einen wichtigen Begriff: Humor! Wo auch immer, Humor ist eine fantastische Möglichkeit der Dissonanzbewältigung (Gefürchteter Humor). Vielleicht könnte die Autorin diesen Part noch etwas mehr ausbauen?

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Thomas Webers

Dipl.-Psych., Dipl.-Theol., Fachpsychologe ABO-Psychologie (DGPs/BDP), Lehrbeauftragter der Hochschule Fresenius (Köln), Business-Coach, Publizist

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