12. Oktober 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Krone

Auf der Bühne

KRITIK: Eignen sich Shakespeares Dramen zur Reflexion eigener Einstellungen und Verhaltensmuster im Coaching? Oder drehen wir die Frage mal um: Was eignet sich nicht zum Einsatz im Coaching? Und wofür soll das gut sein?

Da lässt uns mal jemand an seinem ganzen literaturwissenschaftlichen Kenntnisstand teilhaben, weil: der hat das studiert. Shakespeare. Und der bzw. dessen Theaterstücke können, so der Autor (Shakespeare und Leadership), echte Lehrstücke in Sachen Führung abgeben. Und das ist doch interessant – für Führungskräfte, die ja auch gerne Coaching-Weiterbildungen absolvieren, um ihre Kompetenz zu verbessern – aber auch für Coaches, um gleiches zu tun.


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Shakespeares „Dramen liefern keine Managementrezepte, aber eindringliche und psychologisch tiefgreifende Fallstudien über Macht, Legitimität, Kommunikation und Verantwortung“. Es ist die Bühne, die sich hier öffnet, auf der Problemlagen und Konflikte, aber auch menschliche Abgründe und Möglichkeiten sichtbar werden. „Lear scheitert an Eitelkeit und fehlendem Feedback; Macbeth an entgrenztem Ehrgeiz; Othello an Misstrauen; Heinrich V. dagegen zeigt, wie Sinnstiftung und Verantwortung Gemeinschaft stärken können.“

Mehr als Fallstudien

William Shakespeare (1564–1616) war nicht nur ein englischer Dramatiker, sondern auch Schauspieler und Theaterunternehmer. Das finde ich noch mal mehr spannend. Denn die Fallstudien, die der viel belesene und reflektierte Autor hier vorträgt, kann man schnell nachlesen – und dann abnicken: Alles klar! Lektion verstanden.

Aber ist es das (allein)? Es wäre vermutlich ein wenig dürftig, schon in Zeiten von Bulimie-Lernen, aber erst recht in KI-Zeiten. Daher hat der Autor ein didaktisches Anliegen: Er will einordnen, verständlich machen, zum Nachdenken anregen. Und so folgt sein Text selbst einer dramaturgischen Linie.

Das Drama

Unter dem Aspekt der Kontextualisierung sortiert er die Stücke politisch, religiös, militärisch, gesellschaftlich und kulturell ein. Solches kennt man von Einführungsveranstaltungen im Theater, die oft dem eigentlichen Stück vorgeschaltet werden. Oft schwingen sich dort dann Studienräte a. D. zum Koreferat auf und wetteifern mit dem Theaterpädagogen und untereinander.

Der Autor dreht den Spieß allerdings auch um und dekliniert das Thema Führung systematisch an den Fallbeispielen durch: Führung als Praxis, als kompetentes Handeln, als Haltung, als Stakeholdermanagement – das auch als Verführung instrumentalisiert werden kann (Storytelling), letztlich aber unauflösbar ambivalent und paradox bleibt.

Und die Moral von der G’schicht‘t

Wobei der Autor trotzdem nicht wertfrei bleibt, sondern Beispiele für negatives (3 Stück) und positives (1 Stück) liefert und ausbreitet. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, beim Lesen einen Hang zum Seminaristischen wahrzunehmen. „Anstatt eigene Verhaltensmuster unmittelbar zu thematisieren, können Klienten über die Auseinandersetzung mit Figuren wie Hamlet, Macbeth oder Lear zunächst in der Distanz bleiben, um auch schwierige oder ambivalente Aspekte von Führung wie Machtstreben, Angst oder Entscheidungsunfähigkeit zu betrachten.“

Wenn als lernförderliche Perspektiven „die Entwicklung von Ambiguitätstoleranz, Perspektivwechseln und Kontextsensibilität“ genannt werden, ist das sicher nicht falsch. Aber es schlagen halt keine Funken, wenn man neben Brennholz einen Zettel legt, auf dem „Feuer“ steht … Ich glaube, diese Metapher habe ich schon einmal in Zusammenhang mit dem Thema Storytelling gebraucht.

Alternativen

Und das wirft die Frage nach anderen, besseren Ansätzen und Formaten auf als eine Einführung zum Theaterstück oder die anschließende Diskussion mit Schauspielern und Regisseur:innen. Solche, die mehr involvieren, eine leibhaftige Auseinandersetzung mit den Themen ermöglichen. Und da könnten wir sehr schnell bei der Gruppendynamik (Ver-Führung) und dem Psychodrama (Drama – aber richtig) sein. Beides alte Ansätze, von Klassikern wie Lewin oder Moreno entwickelt, die heute aber weitgehend aus der Mode, wenn nicht gar vergessen sind. Ein wenig glimmt dann der Funke noch nach in „Aufstellungen“. Den Kern und ihre Wurzeln in den alten Ansätzen dürften nur wenige Praktiker*innen heute wirklich verstanden haben. Und so wundern manipulative Exzesse, wie man sie aus der Aufstellungsarbeit beispielsweise „nach Hellinger“ kennt, auch nicht wirklich (Organisationsaufstellungen).

Man könnte die Liste der Alternativen sicher noch erweitern: Unternehmenstheater, Gamification … Und man könnte genauso gut fragen: warum nur Shakespeare? Warum nicht auch Goethe oder Brecht – oder die alten Griechen? Und man könnte sich fragen, in Zeiten, in denen Theatern reihenweise die öffentlichen Zuschüsse gestrichen oder die Häuser gleich zugemacht werden, was das für die Öffentlichkeit, für die Demokratie bedeutet, wenn es keine oder nur noch wenige öffentlichen Labore, Arenen gibt? Oder Theater von kommerzieller Popkultur, von TV und Youtube & Co. ersetzt werden bzw. wurden? Tja, „so viele Fragen …“, um den Dramatiker Brecht zu zitieren.

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Thomas Webers

Dipl.-Psych., Dipl.-Theol., Fachpsychologe ABO-Psychologie (DGPs/BDP), Lehrbeauftragter der Hochschule Fresenius (Köln), Business-Coach, Publizist

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