KRITIK: Was machen die Coaches, Berater, Therapeuten et cetera praktisch? Im Gebrauch sind etliche Begriffe und Beschreibungen, die sich bei genauerer Betrachtung jedoch als schillernd oder sogar paradox erweisen.
Wie beispielsweise das Begriffspaar „beraten“ und „begleiten“, meint Autor Ulrich Krainz (Beraten oder begleiten?), das seiner Meinung nach im Sprachgebrauch automatisch miteinander verknüpft werde. Mal gleichbedeutend, mal als Gegensatz. Zum Zwecke des besseren Verständnisses unternimmt er daher eine sprachanalytische Betrachtung. Diese startet zunächst mit einer etymologischen Analyse.
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Schwer zu glauben?
In über 70 Fallberichten habe ich beschrieben, wie das geht. Zur Webseite...
- Beraten, erfährt die Leserschaft sogleich, habe sprachhistorisch mit gemeinsam überlegen/besprechen, aber auch mit beistehen/versorgen/ausrüsten zu tun
- Begleiten hingegen stehe für mitgehen/hinbringen/führen
Na sowas, denke ich mir, den Sprachgebrauch zu beleuchten, mag für den einen oder die andere erhellend sein. Aber was ist damit gewonnen? Normativ missverstanden würde eine Objektivität der Sprache unterstellt, die seit der neuzeitlichen Sprachphilosophie als Schimäre gilt. Also: nice … aber letztlich sinnlos.
Die Semantik
Es folgt der zweite Schritt: „Das semantische Feld ist das, was in den konkreten Interaktionen seine Wirkungen entfaltet, als Gemeintes ebenso wie als Verstandenes.“ Und nun wird auch ein neuzeitlicher Philosoph zitiert, Ludwig Wittgenstein: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ Dabei belässt der Autor es allerdings, die sich anschließende sprachphilosophische Diskussion bleibt unerwähnt. Was bedauerlich, in der Sache betrachtet allerdings auch sträflich ist.
Stattdessen greift er den realen Sprachgebrauch um die beiden Begriffe auf, und betrachtet polarisierend deren Unterschiedlichkeit. Dabei leiten ihn drei Fragestellungen:
- die grundsätzliche Veränderbarkeit einer Situation
- die anvisierte Zielrichtung
- die Beziehungsgestaltung zwischen den Beteiligten
Veränderbarkeit
Beratung, so die Ansicht des Autors, sei – u.a. durch die Veröffentlichungen von Ed Schein – recht gut konzeptionell ausgeleuchtet. Begleitung hingegen bleibe bislang eher vage und assoziativ. Allerdings lasse sich mit Kurt Ludewig die Lage gut klären: Begleitung sei in unabänderlichen Problemlagen angezeigt: „Hilf uns, unsere Lage zu ertragen!“ Beratung sei bei der Aktivierung von Ressourcen sinnvoll: „Hilf uns, unsere Möglichkeiten zu nutzen!“ Die Veränderbarkeit von Situationen (Freiheitsgrad) sei damit das entscheidende Kriterium.
Zielorientierung
Begleitung impliziere immer einen Weg. Und damit sei gleichfalls ein Ziel mitgedacht. „Die Richtung ist gesetzt, man unterstützt gegebenenfalls bei der Modalität.“ Die klassische, von Stefan Kühl „Fortschrittssuggestion“ genannte Zeitbetrachtung.
Beratung brauche hingegen nicht zwingend eine solche Wegfokussierung, so der Autor. Was mir überhaupt nicht einleuchtet, und der Autor selbst im Folgenden auch gleich relativiert, um dann doch bei seiner Definition zu bleiben.
Beziehung
Beratung sei (immanent!) asymmetrisch, rollenkomplementär. „Beratung verfügt somit immer über eine jeweils eigene Sachautorität und/oder Expertise (…), womit sie sich von dem zu beratenden System abhebt.“ Eine steile These, die natürlich auf die Unterscheidung von Ed Schein abhebt, aber ohne hinreichende Begründung bleibt. Begleitung hingegen geschehe „auf Augenhöhe“, sei „weicher“. Eine interessante Volte, wie hier das 5. Axiom von Watzlawick & Co. gegen sich selbst ins Feld geführt wird. Und dass die Unterscheidung zwischen Experten- und Prozessberatung ein Missverständnis von Ed Schein darstellt, darauf hat der Schein-Schüler Gerhard Fatzer vor etlichen Jahren schon hingewiesen. Das blieb offensichtlich in der Beratungsszene unerhört. Wenn man das Thema Beziehungsgestaltung jedoch auf angemessenerer Flughöhe erörtern möchte, kommt man um die Lektüre des Grundlagenwerks von Jan Bleckwedel nicht herum (Spotlight auf einen blinden Fleck).
Auf krummen Zeilen gerade schreiben
Die Ausführungen des Autors mögen gut gemeint sein, und gar manchem mögen sie einleuchten. Sie sind aber normativ und guten Gewissens in die Rubrik „Beraterlatein“ abzulegen. Weil etymologische Analysen nett sind, aber den aktuellen Sprachgebrauch nur bedingt erklären können. Und der aktuelle Sprachgebrauch ist erklärungsbedürftig – und heterogen. Der Autor schreibt seiner Leserschaft allerdings vor (deskriptiv), wie sie die Wortwahl richtig zu verstehen hat. Das nennt man eminenzbasierte Wissenschaft.
Man könnte den Kreis leicht weiterziehen und weitere Begrifflichkeiten in den Fokus nehmen: Nicht nur „Beratung ohne Ratschlag“, das taucht kurz in einer Fußnote des Autors auf, sondern auch „Hilfe zur Selbsthilfe“. Oder eben auch „Experten- vs. Prozessberatung“. All diese Begrifflichkeiten sind in sich unlogisch, paradox oder schlicht schräg. Ihre Funktion scheint eher darin zu liegen, die Verhältnisse zu vernebeln. Vielleicht auch, um die Beratung gegen Kritik zu immunisieren? Ich selbst habe das ausführlich vor Jahren in meinem Lehrbuch (Systemisches Coaching) dargelegt.
Beratung als Dienstleistung
Statt sich weiterhin mit unbrauchbaren Konzepten abzuquälen und sich darin zu verstricken, sollte man lieber ein überzeugendes, aber im Beratungskontext leider noch viel zu wenig bekanntes Konzept anwenden. Nämlich Beratung als professionelle und personenbezogene Dienstleistung zu begreifen. Dann kann man sich so manche Haarspaltereien – kennt man ja aus der Geschichte: Wie viele Englein passen auf eine Nadelspitze? – sparen. Autor Friedemann Nerdinger unterscheidet in der „Psychologie der Dienstleistung“ (Dienstleistungstätigkeiten) die inhaltliche von der sozialen Dimension der Dienstleistung:
Die inhaltliche Dimension
Die Problemlösung vom Dienstleister und Kunden gemeinsam erzeugt wird. Nicht nur der Coach, auch der Kunde muss eigene Kompetenz und Engagement (Thematik) mit einbringen. Der Klient als Konsument ist dort fehl am Platz. Man spricht daher von Koproduktion. Da dies ein Prozess ist und sein muss, ist der nächste Punkt nur allzu selbstverständlich: Der Coach passt sein Problemlösungshandeln an den Kunden an. Das nennt man adaptives Handeln. Gutes Coaching ist Maßschneiderei.
Die soziale Dimension
Die inhaltliche Problemlösung ist ohne die sie begleitende soziale Interaktion nicht vorstellbar. Koproduktion erfordert eine stabile Beziehung (Vertrauen). Beziehung ist ein Faktor, der zirka 30 Prozent der Wirkung ausmacht. Die Beziehungsgestaltung, das lehrt Autor Bleckwedel (Spotlight auf einen blinden Fleck), ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Das Rollenverhalten nicht minder. „Coaching ist eine permanente Verhandlungssituation, die Auftragsklärung ein wichtiger, aber nur der vermeintliche Beginn derselben,“ habe ich schon vor einiger Zeit geschrieben (Auf Messers Schneide). Und zum Dritten ist der Coach auch immer Gefühlsarbeiter. Er ist – „mit Haut und Haaren“ – Teil der Dienstleistung (Koproduktion). Seine Persönlichkeit, sein Auftritt, sein Verhalten sind Teil der Dienstleistung. Er leistet nicht nur Denk-, sondern und Gefühlsarbeit.

Solche „akademische“ Auseinandersetzung mit der Thematik bringt nichts, weil
1. der KUNDE ganz eigene, individuelle Wünsche und Vorstellungen an ein Coaching, Beratung, Therapie und Training hat.
2. Solange diese Begriffe nicht eineindeutig praxisorientiert definiert sind und sich von den jeweils anderen Begriffen abgrenzen, wird weiter Wirrwarr bestehen.
Der Markt irritiert den Kunden und die Coaches, Berater, Therapeuten und Trainer ebenso.
Vor Jahren ist ein Studierende der Frage, ob es nicht schwierig ist, als Coach Coaching als „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu verkaufen, nachgegangen. Das Ergebnis ihrer Bachelorarbeit: Jein …
Ich denke, auf Kundenseite ist es vermutlich ähnlich: Man möchte schon von der Kompetenz des Coachs profitieren (sonst könnte man stattdessen auch auf den Friseur hören), andererseits möchte man nicht oberlehrerhaft behandelt werden. Aber genau das ist doch, was Koprodution meint: Es treffen im Coaching Kompetenz auf Kompetenz. Und im Prozess des Coachings emergiert ein (gemeinsam produziertes) Ergebnis. – Für mich ist das eine sehr praktische Definition.