Kritik: Da möchte man nur noch die Augen verdrehen und sich anderen Themen zuwenden. Geht aber nicht, weil uns das Thema an jeder Ecke entgegen schwappt. Die Menschen (in Deutschland) sollen sich wieder mehr reinhängen. Nicht ständig jammern und von Work-Life-Balance schwafeln, sondern die Ärmel hochkrempeln. Sonst steht es schlecht um unseren Wohlstand. Als ob dieser tatsächlich im Moment von der Anzahl der Stunden abhängt, die jemand mit ”Arbeit” verbringt.
Sicher, es gibt nach wie vor Jobs, die ihre Inhaber eher so nebenbei erledigen. Und sich dabei auf den nächsten Urlaub vorbereiten. Aber ich behaupte mal, davon gab es in den Zeiten, in denen es den Menschen ”richtig gut” ging, viel mehr. Heute wissen die meisten nicht, wie sie das Pensum, das von ihnen erwartet wird, überhaupt bewältigen sollen. 63% der Berufstätigen sollen sich am Ende ihres Arbeitstages erschöpft fühlen (Das macht doch Spaß).
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Und nun sollen sie ihren Job auch noch mit Begeisterung tun. So wie die Beschäftigten bei Dräger während der Pandemie. Als woanders die Menschen im Homeoffice saßen, fertigte die Belegschaft des Medizintechnikherstellers überlebenswichtige Beatmungsgeräte an und war stolz auf das, was sie taten. Genau das wünscht sich so mancher Manager. Oder der eine oder andere Politiker. Und verleitet sie zu Appellen nach dem Motto: „Wir müssen uns alle wieder mehr anstrengen, dann wird das schon!“
Ausnahmesituation
Der Unterschied bei Dräger war, dass es sich um eine Ausnahmesituation handelte. Wenn Menschen gefordert sind, über ihrer Grenzen zu gehen, weil für sie das, was sie tun, wirklich bedeutsam ist, dann gelingt das mit der Begeisterung. Für eine gewisse Zeit. Auch davor und danach stellen die Dräger-Beschäftigten wichtige medizinische Geräte her, und sie wissen das auch. Aber mir kann niemand weismachen, dass sie jeden Tag mit Begeisterung ihrem Job nachgehen. Schön, wenn es in der Mehrzahl der Tage der Fall ist.
Womit die ewig neu gestellte Frage im Raum steht: Was kann das Management, was können die Führungskräfte tun, damit dieses Engagement zur Regel wird? Auf jeden Fall nicht mehr Arbeitseinsatz fordern. Oder mit Prämien winken. Oder an die Einsatzbereitschaft appellieren. Oder viele Kennzahlen entwickeln, die zu erreichen dann alle angehalten werden. Sondern dafür sorgen, dass die Menschen ”die eigenen Wirksamkeit” erleben.
Die ewig gleichen Tipps
Ach, das kennen wir doch, oder? Dann kommen die alten Tipps: Führt sie zu den Kunden, lasst sie das Leuchten in den Augen derselben erleben, wenn sie das Produkt nutzen (falls das wirklich passiert). Ladet die Kunden ein und lasst sie berichten, wie dankbar sie für das sind, was sie für ihr Geld bekommen. Zeigt den Teams, welchen Beitrag sie zum Erfolg des Unternehmens leisten.
Damit das klappt, muss natürlich auch klar kommuniziert werden, was von ihnen erwartet wird. Und das nicht pauschal, sondern spezifisch für jedes Team, sogar für jeden einzelnen Mitarbeitenden. Das ist Arbeit, bedeutet Gespräche, Diskussionen, Eingehen auf Bedenken, Vorbehalte, aber auch auf die individuelle Lebenssituation jedes Einzelnen. Kann man leider nicht an eine KI delegieren.
Auch das ist so, so alt: Nicht Einzelne hervorheben, keine Vergleiche anstellen, das zerstört die Motivation der anderen eher als dass es sie anstachelt.
Ein Fallbeispiel
Alles irgendwie wichtig und richtig, aber der in meinen Augen einzige Tipp, der auf Dauer funktioniert, ist das Reden über die Tätigkeit, und zwar im Team. Es ist ewig her, da habe ich erlebt, dass eine Führungskraft mit ihrem kleinen Team zwei Tage außerhalb des Büros über die Herausforderungen der nächsten Monate reden wollte. Über das, was wirklich wichtig war und über das, was getan werden sollte, obwohl niemand einen Sinn darin sah. Sie bekam von dem Vorgesetzten einen Tag bewilligt, den zweiten ”opferte” das Team von seiner Freizeit.
Anschließend machten sich alle mit extremen Engagement an die Arbeit, unterstützten sich gegenseitig und erlebten eine beeindruckende Erfüllung bei der Durchführung der neuen und alten Aufgaben. Es ist so unglaublich einfach, und das meine ich sehr ernst: Verabschieden Sie sich von den Dingen, die sinnlos sind und konzentrieren Sie sich auf diejenigen, an denen niemand zweifelt. Wenn es dazu im Team keinen Konsens gibt, haben Sie kein Kommunikationsproblem, sondern ein inhaltliches. Und das muss geklärt werden.
Die nächste Ebene gewinnen
Wollen Sie wissen, wie die Geschichte weiterging? Die Teamleiterin musste ihrer Führungskraft erklären, warum bestimmte Aufgaben vom Team aufgegeben und andere in Zukunft mit geringerer Priorität behandelt werden. Das war die eigentlich schwierige Herausforderung, aber es gelang. Weil die Teamleiterin sich weigerte, von ihrer Entscheidung abzurücken und ihre Führungskraft aufforderte: ”Wenn Sie das, was wir im Team vereinbart haben, kippen möchten, dann kommen Sie persönlich zu unserem nächsten Meeting und erklären das meinen Leuten.” Damit war der Widerstand gebrochen.
Und die Teamleiterin wurde bei der nächsten Umstrukturierung versetzt.
