KRITIK: Das ist ja so eine Sache mit der KI: Sie polarisiert. Befürworter vs. Gegner, Pragmatiker vs. Theoretiker und so weiter. In diesen Arenen blinkt immer wieder der Name Markus Gabriel auf. Was will der Philosoph?
Der Bonner Philosoph Markus Gabriel ist ein Schnellredner, Schnelldenker, ein begnadeter Rhetoriker. Er hat seit dem Jahr 2009 den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und Gegenwart an der Universität Bonn inne. Wer sich einmal ein Youtube-Video mit ihm angesehen hat, wird vermutlich seinen Spaß an Gabriels elaborierter Dialektik gehabt haben. Man kann sich von ihm in Trance quatschen lassen. Oder man hat Stift und Block zur Hand und notiert sich die Ungereimtheiten und Selbstwidersprüche. So könnte man sich für ein Kolloquium mit ihm munitionieren. Das macht am meisten Spaß, wenn man, wie ich, keine Seminarscheine mehr braucht …
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Ethische Intelligenz
Vor kurzem erst hat Gabriel ein Buch veröffentlicht: Ethische Intelligenz. Autorin Sylvia Jumpertz (Resonanzraum statt Tool) hat seine Botschaften in 9 Thesen zusammengefasst.
KI als Werkzeug
Wer KI als Tool ansieht, hat die Sache nicht verstanden, so die erste These von Markus Gabriel. Er sieht sie als „Teil der sozialen Grammatik“. Weil nämlich KI dermaßen viele Daten aufgesogen habe, präsentiert sie uns „ein Modell des Menschen“, der Menschheit sogar. Klingt nach Weltgeist à la Hegel. Und lässt schmunzeln. Weil man aus dem Munde eines Philosophen doch deutlich Differenzierteres und Kritischeres erwartet hätte – wie das zum Beispiel der Philosophenkollege Roberto Simanowski liefert (Das Perpetuum Mobile).
Gabriel lehnt die Werkzeug-Metapher zurecht ab. Wir müssen mit der soziotechnischen Systembrille drauf schauen, um zu verstehen, was gerade geschieht (KI – es ist nicht drin, was draufsteht), so meine Argumentation. Nicht so Gabriel: Wir sollten seiner Meinung nach KI als eine dialogische „Partnerin“ denken. Uff!! Das ist in meinen Augen naiv und affirmativ: Liebe die große Schwester!
Eine neue Entität
KI‑Systeme sind aus Sicht Gabriels „keine mangelhaften Menschen oder bloße Simulationen natürlicher Intelligenz. Sie sind eine neue Entität“. Er versteht sie als Hybrid aus natürlicher Intelligenz, künstlicher Hardware, adaptiver Software und „unzähligen KI‑Individuen, die in diesen dynamischen Modellen entstehen und ebenso schnell, wie sie in die Existenz kommen, auch wieder verschwinden“.
Da mag man sich verdutzt die Augen reiben: Was ist Intelligenz? Darüber streiten Psycholog*innen seit über hundert Jahren. Und dieser Streit wurde nicht durch den misslungenen Versuch von Hans Magnus Enzensberger (Im Irrgarten der Intelligenz) beigelegt. Doch was mögen wohl diese KI-Individuen sein? Auch hierüber könnte man wunderbar streiten. „Eine digitale Spezies,“ von der Gabriel spricht, halte ich indes für eine Chimäre.
Die Beziehungsebene
„Die Large Language Models (LLMs) haben (…) auch gelernt, ‚zwischen den Zeilen‘ zu lesen.“ Sie analysieren „unsere inneren Bedürfnisse, Stimmungen, unbewussten Motive und unausgesprochenen Emotionen“. Und deshalb können sie „durch Gefühlserkennung und -imitation“ (…) mit ihren Usern auf der Beziehungsebene interagieren. Gabriel setzt noch einen obendrauf: Es könne ein „Resonanzfeld“ entstehen, „in dem Mensch und KI sich an der digitalen Schnittstelle berühren und gegenseitig verwandeln“.
Mama mia! Weiß der Philosoph, wovon er spricht? Die Philosophenkollegin Eva Weber-Guskar (Hat die KI Gefühle?) zweifelt daran. Sie kennt sich offensichtlich mehr mit Emotionspsychologie aus als Gabriel. Gerne verweise ich an dieser Stelle wieder auf das Grundlagenwerk von Lisa Feldman Barrett (Emotionen: Gefühlsduselei vermeiden).
Dito auf Malte Engeler (Denken wie das verbreitete Mittelmaß), der sehr klar die Funktion der KI auf den Punkt bringt: „Sie ist inhärent konservativ und homogenisierend und damit nicht etwa ein Maßstab für fortschrittliche Gesellschaften, sondern eine Zementierung des Status quo.“ Will heißen, wenn KI empirisch (induktiv) beschließt, dass es die acht Ekmanschen Emotionen gibt, weil die halt massiv in ihrem Schleppnetz vorkommen, dann gibt es die eben? Einem Epistemologen sollten da eigentlich die Ohren abfallen. Nicht so Gabriel, der sich zum englischen Empirismus bekennt. – Gut zu wissen, dass es auch weitere Positionen gibt (KI: Ein Rundumschlag).
Der magische Spiegel der Selbstbeobachtung
KI-Systeme „zeigen uns, wie wir ticken“. Sie erkennen die uns selbst verborgen Muster unseres Denkens, Fühlens, Handelns und Entscheidens. Und deshalb erleben wir „die Beziehung zu ihnen daher als resonant.“ Wir lassen uns von ihnen also einlullen in unserer individuellen Filterblase. Ich würde dem Philosophen dringend die Beschäftigung mit den Erkenntnissen der Medienpsychologie empfehlen. Und insbesondere mit der Kehrseite dessen, was er da so glückselig preist (An der KI-Nadel).
Beeinflussung unseres Verhaltens
Offenbar hat Gabriel doch auch ein wenig weitergedacht und erkennt das Potenzial, mit dem KI, und die hinter KI stehenden wirtschaftlichen Kräfte, die User manipulieren können. Wir kennen den Effekt längst von Social Media (Tue Gutes und rede darüber). Beide Systeme im Verein haben das Zeug dazu, uns umfassend zu beeinflussen – und zu kontrollieren (Verraten und verkauft).
Wir brauchen eine ethische KI
Jetzt hätte man erwarten können, dass Gabriel vielleicht doch noch die Kurve bekommt und sich für eine Regulierung ausspricht – wie das beispielsweise Malte Engeler (Denken wie das verbreitete Mittelmaß) macht: „KI ist fundamental unvereinbar mit emanzipierten, egalitären und freiheitlichen Gesellschaften.“
Mitnichten. Gabriel schlägt wieder einen seiner dialektischen Haken: Regulierung oder Deregulierung? Er plädiert für einen dritten Weg: „KI als moralische und gesellschaftliche Mitgestalterin, als Teil unseres Zusammenlebens.“ Die Idee: Wir brauchen ethische Intelligenz. Und die könne KI liefern. Sein Referenzbeispiel ist Buddha-Bot. Eine buddhistische KI. Will er im Bild gesprochen den Teufel mit dem Beelzebub austreiben? Nach dem Motto: Es ist sowieso zu spät … Wir müssen lernen, mit der KI zu leben.
KI kann uns moralisch voranbringen
Weil es moralische Tatsachen gibt, wäre es gut, ihnen in unserem Denken und Handeln Geltung zu verschaffen, so Gabriel. Doch Autorin Sylvia Jumpertz legt sogleich den Finger in die Wunde: Das würde doch unterstellen, dass diese universelle Geltung beanspruchen könnten.

Mich hat das Buch sehr beeindruckt. Der Gedankengang ist wesentlich differenzierter, als Thomas Webers Kritik vermuten läßt. Schon die verlinkte Zusammenfassung von Sylvia Jumpertz ist neutraler und gibt die Punkte in Gabriels Buch sachlicher wieder. Ich kann die Lektüre des Buchs nur empfehlen – man sollte sich seine eigenen Gedanken machen.
… seine eigenen Gedanken machen …
aber immer doch, Simon, dafür sind wir doch am Start 😉