19. April 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Coaching als Beihilfe zur Selbstausbeutung?

KRITIK: „Das Konstrukt der Psychopolitik beschreibt eine Form der Herrschaft im Neoliberalismus, deren Grundprinzip darin besteht, in der Psyche der Einzelnen zu wirken und zu Selbstoptimierung im Sinne der wirtschaftlichen Verwertungslogik aufzufordern“ (S. 323). Verwundert reibt sich der Leser die Augen und fühlt sich an den Sprachgebrauch der K-Gruppen in den 1970er-/80er-Jahre erinnert. Kapitalismus, Ausbeutung – auf welcher Seite stehst Du?

Die Autoren (Coaching im Dilemma von Psychopolitik und Selbstbefreiung) beziehen sich auf ein Buch von Bjung-Chul Han (2014), dessen Lehren sie aufs Coaching anwenden. Dazu wird zunächst einmal didaktisch eine Fallgeschichte (Herr F.) präsentiert. Ein Coaching-Kunde, der kurz vor dem Burn-out ins Coaching kommt und blind dafür ist zu erkennen, wie er sich selbst mit seinen Leistungsansprüchen und dem „Sog der Selbstverwirklichung“ fertig macht. Zuhause weinen derweil Frau und Kinder …

Sicher mag es solche Fälle gegen, sie aber zum Normalfall zu generalisieren, geht entschieden zu weit. Und solches funktioniert selbstverständlich nur, wenn man nötige Definitionen und Differenzierungen nach Kräften unterlässt: „Das heutige Subjekt ist ein Unternehmer seiner selbst und beutet sich selbst aus, indem es sich bereitwillig verbessert und optimiert und daran glaubt, dass es sich selbst verwirklicht.“ (S. 325). Das ist eine steile, ideologische These, die sich leicht falsifizieren lassen dürfte, bräuchte es doch lediglich ein Gegenbeispiel.

Kapitalismuskritik

Solcherlei kapitalismuskritische Gedankenspiele, wie sie die Autoren hier präsentieren, sind nicht neu. So stellten uns schon gegen Ende des letzten Jahrtausends sowohl Günter Voß und Hans Pongratz das Konzept des „Arbeitskraftunternehmers“ als auch Richard Sennett den „flexiblen Menschen“ (im Original: The Corrosion of Character) vor. Vom breiten Publikum bejubelt, zerpflückte die wissenschaftliche Kritik doch deren Thesen als arg populistisch (Kuda, 2002). Lediglich vom „Arbeitskraftunternehmer“ scheinen unsere Autoren schon einmal etwas gehört zu haben. Sie zitieren allerdings nur Sekundärliteratur. Und werfen im nächsten Augenblick den wertfreien Begriff Employability gleich mit in die Tonne, was natürlich stutzig macht.

Coaching ist eine moderne Kulturtechnik, die an der Kopplung von Person und Organisation (Arbeit an der Funktion oder Rolle) und an der Kopplung von Person und Gesellschaft (Biographie, Karriere, Lebenskunst) ansetzt (S. 331), versetzen die Autoren den Leser mit dieser eigenwilligen Definition wieder in Erstaunen. Nicht ohne sich selbst unweit später als Vertreter der „hellen Seite der Macht“ zu präsentieren: Dem Konstrukt der Selbstausbeutung durch Selbstoptimierung im Coaching wollen wir ganz selbstbewusst das Konstrukt der Selbstbefreiung durch Coaching entgegensetzen, wohl wissend, dass die Grenze weiter fließend bleibt und Ersteres auch Letzteres kapern kann, um sich ins rechte Licht zu setzen (S. 332). So immunisiert man sich gegen Kritik.

Der Wert der Selbstbestimmung

Um einen Aphorismus des Literaturkritikers Karl Kraus (1874-1936) zu bemühen: Psychoanalyse ist diejenige Krankheit, für deren Therapie sie sich hält. Schaut man sich hingegen einmal seriöse Coaching-Definitionen und Ethik-Kodizes an, wird man dort immer den Wert der Selbstbestimmung finden. Erst bauen unsere Autoren den Popanz auf, um anschließend genüsslich auf ihn einzudreschen. Ein durchschaubares und letztlich langweiliges Spiel. Wer es inhaltlich und literarisch anspruchsvoller mag als das Soziologen-Geraune, dem sei statt dessen Musils epochaler und immer noch lesenswerter Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (1943) empfohlen – fürs Coaching allemal anregender und zudem älter als Heinz von Foersters ethischer Imperativ „Vermehre die Möglichkeiten“.

Noch ein Wort zur Selbstoptimierung: Die modernen Self-Tracker und Ego-Pimper, die mit dem Fitnessarmband durch den Alltag hecheln, sind vielleicht gar nicht mal so spannend. Mit der Digitalisierung entstehen unter dem Stichwort „Arbeit 4.0“ Arbeitsformen (Cloud-, Crowd-, Click-Work), die ganz andere Herausforderungen an die Neubestimmung der Relation von Selbst und Arbeit produzieren werden. Zum Glück findet man im breit angelegten Dialogprozess „Arbeit 4.0“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS, 2016) deutlich Differenzierteres als die schalen soziologischen Thesen unserer Autoren. Völlig klar ist, dass Coaching bei diesen Entwicklungen eine wichtige Rolle einnehmen kann und soll. Aber dann bitte ohne solche schwarz-weiß-gestreifte Scheuklappen.

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Thomas Webers

Dipl.-Psych., Dipl.-Theol., Fachpsychologe ABO-Psychologie (DGPs/BDP), Lehrbeauftragter der Hochschule Fresenius (Köln), Business-Coach, Publizist

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