PRAXIS: Egal, wie oft man es wiederholt – die Vorstellung hält sich hartnäckig. Wer einen Text möglichst kompliziert formuliert, gilt als besonders gebildet. Oder klug. Oder beides. Das ist wohl längst widerlegt, aber irgendwie erzielen schwierige Texte schon ihre Wirkung. Bis wir dahinter steigen, dass eben genau das die Absicht ist. Und dann uns über den Verfasser eher ärgern.
Geht es besser? Na klar. Wie man verständlich formuliert, haben wir auch bei MWonline schon erläutert (Verständlich schreiben). Ist gar nicht so schwer. Aber offenbar gibt es nach wie vor viel Potenzial zur Verbesserung, so eine Texttrainerin. Zumal die Menschen immer weniger Zeit für immer mehr Texte haben. Daher sollten wir viel schneller zum Punkt kommen.
Tipps vom Schreib-Profi
In dem Interview (So lernen Sie zu schreiben wie ein Profi) verrät sie uns einige der ”Tricks”, um einen Text zu optimieren. Hier kommen sie:
- Floskeln aussortieren: Ein ”starkes” Jahr … ”tolle” Ergebnisse … ”großartiges” Team … solche Superlative sind problematisch (sollte jemand mal Donald Trump erklären). Besser schreiben, was genau toll war, worin ein Team großartig ist usw.
Witziger Hinweis: Stellen Sie einer KI eine Frage und Sie wissen, was hier gemeint ist. KI ist überragend in der Nutzung solcher Floskeln – und wer will schon Texte fabrizieren, die wie von der KI erstellt klingen? - Von wegen KI: Schreiben Sie Ihre Texte, Mails etc. erst mal selbst und lassen sie dann von der KI ”challengen” (der Begriff steht tatsächlich im Interview). Sie also nicht zur Formulierung von Texten, sondern als Sparringspartner nutzen.
- Klammertrick: Wenn Sie nicht sicher sind, ob sie einen Begriff, einen Satz oder Nebensatz benötigen, setzen Sie ihn erst mal in Klammern. Das ist so mühsam, dass Sie Überflüssiges bald von selbst weglassen.
- Kürz-Ampel: Rot markieren, was auf jeden Fall weg muss (Füllworte, Phrasen); gelb, was gekürzt werden kann (überflüssige Beispiele, Nebenschauplätze); grün für Kernaussagen.
- Absatz-Methode: Neben einem Absatz seine Funktion notieren und dann alle Sätze streichen, die nicht der Funktion dienen. Dann nur noch das wieder einfügen, was wirklich fehlt.
- Struktur – eine klassische Dreier-Formel: Worum geht es und warum lohnt es sich? Was ist die Kernbotschaft? Welche drei bis sechs Punkte belegen letztere?
Und hier Bulletpoints verwenden, sie führen den Leser durch die Struktur. Und keine Angst vor Fettungen.
Ich bin kein Freund von Bulletpoints, Sie werden wenige MWonline-Beiträge von mir mit dieser PowerPoint-Geißel finden. Aber wem’s gefällt …
Die beiden letzten Tipps hingegen finde ich gut: In den meisten Texten kann man den ersten Absatz streichen, ohne dass es jemand bemerken würde. Habe ich gleich mal überprüft – und siehe da: Wäre auch bei diesem Beitrag möglich.
Und zuletzt ”Wenn Sie schon überlegen, ob ein Satz wegkann oder nicht, dann kann er immer weg.“
Einen Text so sorgfältig zu bearbeiten wie beschrieben dürfte den meisten zu aufwändig sein. Könnte sich aber tatsächlich lohnen.

