16. Juli 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Joker

Spiel den Joker!

INSPIRATION: Ich erlebe es immer wieder: Wenn in Coaching oder Beratung die Sprache darauf kommt, wie wichtig Haltung sei, nicken alle. Keine Nachfragen, was damit gemeint sei. Man könnte sich bloß blamieren, will doch keiner …

Der Autor (Systemische Haltung und Kontext) traut sich trotzdem. Er hat keine Angst, vor Scham in den Boden zu versinken. Und es gibt auch gar keinen Grund dafür, im Gegenteil. Denn er dekonstruiert den Haltungsdiskurs nach allen Regeln der Kunst. Und das liest sich erhellend. Denn als Fazit erweist sich die diskursive Funktion des Begriffs: Haltung ist eine sprachliche Figur, die integrierend wirkt, zum Preis der Vagheit.


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Das hat Haltung übrigens mit „systemisch“ gemeinsam. Es ist doch angenehm, wenn man sich nicht ausgeschlossen fühlt. Der Autor verweist auf die Altmeister Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer: Der Begriff „systemisch“ markiere eine „Gruppe von Menschen, die sich mit ähnlichen theoretischen Vorstellungen befassten, allerdings ohne daraus verbindliche Aussagen über konkrete Handlungsweisen ableiten zu können“.

Sind wir nicht alle ein bißchen BLUNA?

Haltungen, so der Autor, sind „heuristische Orientierungen, die den beraterischen Umgang mit Ungewissheit, Mehrdeutigkeit und Komplexität strukturieren.“ Und zwar ohne den Einzelnen zu sehr zu reglementieren. Wie macht der Begriff das? Indem Haltung ein unbestimmtes Identifikationsangebot macht (Das gewisse Etwas). Haltung wird zum „Marker von Kompetenz, Zugehörigkeit bzw. Legitimität“, verbleibt aber inhaltlich eine Leerstelle, ist also bloß ein Containerbegriff. Der Autor skizziert vier Argumentationslinien in Bezug auf „systemische Haltung“:

  • Die identitätsstiftende Reflexionsfigur: Sie eröffnet „einen reflexiven Zwischenraum zwischen Theorie, Methode, Person und Kontext“ – für uns, die systemischen Berater:innen.
  • Die ethische Grundposition: Sie fungiert als Voraussetzung gelingender Beratung – als ihr unterstellter moralischer Nordstern.
  • Die biografische Disposition: Sie steht für „Reife“ und wird so zum normativen Kern der eigenen gelungenen Persönlichkeitsentwicklung – ich habe (!) Haltung, situationsunabhängig.
  • Die Performanz: Sie zeigt sich in der Praxis als fortwährende Positionierungsleistung – ich beweise Haltung.

Anschlussfähigkeit

Mit Haltung kann man in verschiedenen Felder erfolgreich operieren:

  • In konkreten Beratungssituationen kann die Semantik Differenzen zwischen Beteiligten sprach- und deutungsfähig erhalten – wie Knetgummi.
  • In organisationalen Kontexten signalisiert sie „Qualität, Verantwortlichkeit oder Sensibilität“, ohne dass messbare Kriterien benötigt werden. Das entlastet.
  • Feldübergreifend stellt sich die Frage nach dem Verbindenden zwischen unterschiedlichen Praxisformen, Methoden, Settings und Auftragslagen. Als Semantik „integriert sie Vielfalt, ohne sie aufzuheben, und erlaubt Abgrenzung, ohne diese explizit zu normieren“.
  • Im Kontext der Aus- und Weiterbildung sozialisiert die beschworene Haltung Adepten und schwört sie mit der Zeit auf gemeinsame Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Interventionsformen ein (Habitualisierung, Kulturentwicklung).
  • Professionalisierung: Zertifizierung als Passage-Ritus signalisiert Zugehörigkeit. „‚Systemische Haltung‘ fungiert hier als implizites Bewertungskriterium: nicht vollständig überprüfbar, aber wirksam.“
  • Marktanforderungen werden mittels personaler Kategorien (Kompetenz, Integrität und so weiter) übersetzt bzw. bearbeitet.

Der Autor bewertet die Haltungssemantik zum Schluss als produktiv und prekär zugleich. Was einerseits ihre Stärke sei, Integration zu suggerieren, sei andererseits ihre Schwäche, fluffige Beliebigkeit.

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Thomas Webers

Dipl.-Psych., Dipl.-Theol., Fachpsychologe ABO-Psychologie (DGPs/BDP), Lehrbeauftragter der Hochschule Fresenius (Köln), Business-Coach, Publizist

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