KRITIK: Wer in einer Organisation aufsteigt, sollte damit rechnen, dass es von Stufe zu Stufe einsamer wird. Vergleichbar mit einem Bergsteiger, bei dem nach und nach alle Mitwanderer zurückbleiben und er schließlich die Spitze erklimmt, die Aussicht genießt, aber sie mit niemandem teilen kann.
Wie sich das auswirkt, beschreiben einige Top-Manager im Beitrag der Wirtschaftswoche (All by myself): Einsam. Sie leiden unter der Last der Verantwortung. Harte Entscheidungen müssen sie mit sich selbst abmachen. Wenn sie erkennen lassen würden, dass es ihnen damit schlecht geht, würde ihnen das als Schwäche ausgelegt. Die anderen rücken von ihnen ab, ehrliches Feedback wird selten. Sie wollen und dürfen Dinge, die sie vor allen anderen wissen, mit diesen nicht teilen. Sie geben sich souverän und distanziert, dahinter verbergen sich ”oft tiefe Ohnmachtsgefühle”. Dann schlafen sie schlecht, das hat schwere Folgen für Körper und Psyche: Herzkreislauf-Probleme und Depressionen.
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Warum ist das so? Wer an der Macht ist, der wird aufmerksam von allen anderen beäugt. Was hat er wohl vor? Ist er mit mir zufrieden? Was bedeutet der kritische Blick? Bin ich schon auf der Abschussliste? Was passiert mit mir, wenn ich wirklich meine ehrliche Meinung sage? Also bleiben alle anderen auf Abstand. Es fehlen die intellektuellen Sparringspartner, mit denen man sich vor schwierigen Entscheidungen austauschen kann. Und vor allem die Sorge, für schwach gehalten zu werden, wenn man zugibt, dass es einem nicht gut geht.
Selbstgewähltes Schicksal?
Die Tipps sind die üblichen: Sich einen Coach suchen, mit dem man vertraulich sprechen kann. Sich früh ein Netzwerk mit anderen Spitzenmanagern aufbauen (als ob diese ehrlich zugeben würden, dass es ihnen genauso ergeht). Ausgleich im Privaten suchen.
Es liegt nahe zu sagen: Selbstgewähltes Schicksal. Niemand zwingt uns, eine Top-Position anzunehmen. Außerdem: Die schwere Bürde wird doch durch ein entsprechendes Gehalt versüßt, da kommt das Jammern nicht so gut an. Hilft nur nix: Wenn die Einsamkeit zuschlägt, nutzt diese Erkenntnis auch wenig. Trotzdem tendiere ich dazu, es ähnlich zu sehen. Und hätte für die Manager, denen es so ergeht, einen anderen Vorschlag, der auch in dem Beitrag zur Sprache kommt:
Einer der zitierten Manager führt sein Unternehmen in einer Doppelspitze. Da muss man sich den Ausblick von der Bergspitze mit jemandem teilen und vielleicht auch auf das absolute Spitzengehalt verzichten. Es soll auch schon Unternehmen geben, die von ganzen Teams geführt werden. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Man ist dann nicht ganz so wichtig, aber auch weniger einsam.

Ich denke an Siemens+Halske, Daimler+Benz als Beispiele erfolgreicher Doppelspitzen einerseits, aber auch an die alleinerziehende Mutter von vier Kindern andererseits.
Letztere trägt m.E. eine Verantwortung vergleichbar mit der eines DAX-Vorstandes, wegen der weit in die Zukunft reichenden Wirkung der Erziehungsarbeit vielleicht sogar mehr.