GLOSSE: Früher war nicht alles besser. Denn heute haben wir KI: „Wie war zu Cölln es doch vordem, Mit Heinzelmännchen so bequem! Denn, war man faul: … man legte sich Hin auf die Bank und pflegte sich: Da kamen bei Nacht“ …
ZAPP! MWonline hat an der Fernbedienung gespielt und das Programm gewechselt: „Angenommen, in einer der nächsten Nächte wird, während Sie schlafen, Ihr Problem wie durch ein Wunder gelöst. Woran merken Sie am nächsten Tag, dass dieses Wunder geschehen ist? Wer sonst würde es bemerken, dass dieses Wunder stattgefunden hat?“ (Die berühmte Wunderfrage).
Anzeige:

Nee, das kennen wir doch schon … also zurück: ZAPP! „Ehe man’s gedacht, Die Männlein und schwärmten Und klappten und lärmten Und rupften und zupften Und hüpften und trabten Und putzten und schabten … Und eh ein Faulpelz noch erwacht, … War all sein Tagewerk … bereits gemacht!“ (Die Heinzelmännchen-Sage).
Heute ist besser
Denn heute haben wir KI. Und das Allerbeste: Die KI-Heinzelmännchen lassen sich nicht von „des Schneiders Weib“ und deren Erbsen auf den Treppenstufen vertreiben. Macht jemand Licht, verschwinden sie nicht. Im Gegenteil: Im Unternehmen lechzen so einige danach, dass diese Zaubermaschine ihnen gar viele Arbeiten abnimmt. Und man damit so richtig glänzen kann. Wunderbar!
Zum Beispiel „Onboarding“. Es ist nämlich so, das Autorenduo (KI als Führungsassistentin) hat das klar erkannt: Müsste man machen … hat aber keiner Zeit für. Also lässt man die Neuen allein oder schmeißt sie ins kalte Wasser (Die Neuen gut integrieren). Doch „das Onboarding entscheidet über die Bindung, die die neuen Mitarbeitenden zum Unternehmen aufbauen“, habe ich mal geschrieben (Willkommenskultur für Newbees etablieren).
Was also tun?
Na, KI nutzen! Die Neuen können doch mit der elektrischen Plaudertasche quatschen (machen Youngster doch eh den ganzen Tag … das ist noch nicht mal ein Medienbruch). Ergebnis: Die Führungskraft hat kein schlechtes Gewissen mehr und die Füße frei; und der Newbee ist beschäftigt, sich durch den Griesbrei (Slop) zu fressen. „Damit ist nicht gemeint, dass KI den Menschen ersetzt oder Teamführungsaufgaben komplett übernimmt. Sie kann aber gezielt unterstützen“. Vor allem dabei, was die Führungskräfte nicht so gut können: „Vorbereiten, Strukturieren und Sortieren“. Hmmm, also wenn das nicht im Anforderungsprofil der Führungskraft gestanden hat … dafür dürfte doch schon die Mittlere Reife reichen. Nee, offensichtlich nicht, wie schon Fabiola H. Gerpott und Stephan A. Jansen mutmaßten (Nix Pathie).
Das Autorenduo Anne Wilmers und Stephan Ruppert (KI als Führungsassistentin) wissen jedenfalls, wie das geht: „automatisieren, ohne dass Menschlichkeit verloren geht (…) Mit generativer KI an der Seite gewinnt die Arbeit an Leichtigkeit“. Aber man soll KI natürlich nicht unbedacht nutzen, wissen wir doch, das ist eine ethische Frage … Klaro, aber für so etwas haben wir doch keine Zeit … Wie gut, dass es „teameigene Chatbots“ (CustomGPT) gibt. Man verfüttert an den Bot einfach alle Team-Interna. Schade, dass die Autoren nicht berichten, wie das geht und wer das macht, weil – hat doch keiner Zeit für.
Aber: „Richtig gefüttert (…) erstellt [der Bot] daraus einen individuellen Onboarding-Plan für die ersten zehn Arbeitstage.“ Genial! Oder einen Fragebogen für die neuen Mitarbeitenden für ein Follow-up mit der sog. RAFL-Methode (Rolle, Aufgabe, Format, Leitplanken). Wow, das spart offenbar den Bachelorabschluss in Psychologie!
Oder: Wertearbeit
Die KI kann noch viel mehr: Zum Beispiel auch die Wertearbeit unterstützen, „einen Bereich der Führung, der in der Praxis oft noch kürzer kommt als Onboarding“. Sprich: Dafür haben wir nun wirklich keine Zeit … Früher hat man eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die sich monatelang mit dem Thema Werte beschäftigt hat (Unternehmenswerte). Oder Kultur. Zum Schluss wurde dann ein Leitbild verabschiedet und die „Zehn Gebote“ dann im Tagungsraum oder im Eingangsbereich (im goldenen Rahmen!!) präsentiert.
Die Witze über Leitbilder sind Legende. Und sie erklären auch, warum man so lange brauchte, die Werte zu finden und warum sich offenbar im Alltag niemand dranhält: Nach Ed Scheins Drei-Ebenen-Modell der Organisationskultur (Mythos Management) sind Werte teilweise unbewusst; und werden von den noch tiefer liegenden Basic Assumptions bestimmt. Das klingt nach: Dicke Bretter bohren. Wer hat denn für so was Zeit?
Genau … Statt sich also auf den mühsamen Weg der Erforschung der eigenen Kultur zu machen (Zuhören lernen) – Merksatz: Wir sind Kultur – nimmt man lieber die Abkürzung nach dem Motto – Wir haben Kultur. Was man hat, kann man auch wieder loswerden (Sperrmüll?). Und neu, in frischen Farben zeitgemäß gestylt, anschaffen (ist ja bald Weihnachten …).
Die Schlammschlacht am Glücksrad
Das Tolle an Werten ist, sie sind so herrlich abstrakt: Freiheit, Solidarität, Verantwortung … Da kann sich so jeder seinen Teil denken. Was will man mehr? Und mit ein wenig Schminke wird aus Verantwortung schnell Empowerment. Klingt gleich viel besser und irgendwie fühlt sich so auch jeder abgeholt.
Schwierig wird es dann, wenn es konkret wird. Stichwort Empowerment: Kompetenz bringt ihr mit (dafür werdet ihr schließlich bezahlt), Selbstbestimmung gewähren wir großzügig … (im Rahmen natürlich, zeigt mal, was ihr draufhabt), Macht (also, da habt ihr was falsch verstanden) und Sinn (Sind wir hier auf dem Ponyhof?) (Wasch‘ mir den Pelz, aber …).
Das Autorenduo Wilmers und Ruppert (KI als Führungsassistentin) geht das Thema Werte mit TeamKompassAI (GF: Dr. Anne Wilmers) an. Die „KI-gestützte Web-App“ scheint so eine Art Tausendsassa zu sein. Früher ließ man Mitarbeitende Werte auf Moderationskarten schreiben, heute tippen sie diese ins Webformular ein. Nun wissen wir, dass KI eine Blackbox ist, die aufgrund statistischer Wahrscheinlichkeit Antworten, die sie vorher bei Wikipedia & Co. stibitzt hat, generiert (KI – es ist nicht drin, was draufsteht) – die vor allem immer schön aussehen, sich gut anhören und – nicht zu vergessen – Zeit (!) sparen … Klingelingeling! Fertig sind die „Golden Rules“. Da fehlt jetzt nur noch ein schöner Platz, sie aufzuhängen. Vielleicht bietet sich da die Stelle an, wo bislang der Adventskalender hing …
Was die AI noch alles kann?
Die Zusammenarbeit reflektieren. Sie stellt „Teams gezielte Fragen, wertet die Antworten anonymisiert aus und visualisiert die Ergebnisse in einem ‚Kompetenznetz‘“. Auch dafür ist offenbar kein Bachelor in Psychologie nötig. Die Zeit kann man sich sparen …
Quasi durch Zauberhand „werden Muster auf der Beziehungsebene – etwa Vertrauen, Offenheit oder Konfliktverhalten – ebenso sichtbar wie Aspekte der Sachebene, etwa Struktur, Besprechungskultur oder Klarheit.“ Der kleine KI-Alchimist benötigt dafür auch keine Zaubersprüche à la Objektivität, Validität und Reliabilität. Die klingen viel zu wissenschaftlich. „Prompt!“ reicht. Ist auch viel kürzer, das spart Zeit! „Die App verknüpft vorhandenes Wissen mit systematischer Analyse und schafft dadurch eine tragfähige Grundlage für die Teamentwicklung.“ Da tönt doch gleich das Echo von zu Beginn in meinen Ohren: „Wie war zu Cölln es doch vordem, Mit Heinzelmännchen so bequem!“
Retrolook
Mit klebrig-zähem (und, wer weiß, süßem?) Schlamm (Slop) kann man offensichtlich das ganze Arbeitsleben zukleistern (Klebrige Verführung). Natürlich auch das agile Arbeiten. Die Retros sind – wie schon die Lessons Learned bei Gruppenarbeit – nicht so beliebt und werden gerne „geschlabbert“ oder schnell mit Standardfloskeln (Beibehalten, Ändern, Stoppen, Starten) oberflächlich abgehakt. „Füttert man einen Team-Bot mit grundlegenden Daten wie Projektzielen, Meilensteinen oder Konfliktpunkten, kann er daraus maßgeschneiderte Fragen entwickeln.“ Stellt sich nur die Frage, ob man fürs Füttern Zeit hat … Wenn man sich aber tatsächlich diese nimmt, sollte man nicht vergessen, die Ergebnisse von der KI schön visualisieren zu lassen. Sozusagen das Sahnehäubchen auf die Zitronenrolle platzieren.
Wobei ich mich mittlerweile frage, warum man überhaupt agile Teams mit so viel Arbeit belastet. Kann die KI den agilen Job nicht gleich allein machen? Schließlich träumen wir schon seit den 1980er-Jahren von menschenleeren Fabrikhallen … Keine Menschen, keine personenbezogenen Daten, keine DSGVO, keine ethischen Fragen … „Und eh ein Faulpelz noch erwacht, … War all sein Tagewerk … bereits gemacht!“
Die Autoren raten mir „auszuprobieren – pragmatisch, mit gesundem Menschenverstand“. Die Formulierung ist mir sauer aufgestoßen. Man soll nicht so viel Süßkram essen – hat meine Mama schon gesagt. Doch eine Sache müssen wir noch klären: Wer bringt den Müll raus?
