19. Juni 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Buchcover

Notapotheke: Narzissmus

REZENSION: Ramzi Fatfouta / Pablo Hagemeyer – Ego first! Führen in Zeiten von Narzissmus, Machtspielen und Manipulation. Haufe 2026.

Gerade in den aktuell besonders krisengeschwängerten Zeiten (wobei früher auch nicht unbedingt immer „mehr Lametta“ war) macht es Sinn, nach den dahinterliegenden Ursachen zu suchen. Dabei mag man rasch bei den diversen Egomanen landen, die in höchsten Staatsämtern die Weltgeschicke zu ihren jeweiligen Gunsten zu lenken versuchen. Und der nächste Schritt führt rasch beim Narzissmus als der sie verbindenden Persönlichkeitseigenschaft. Insofern handelt es sich um ein echtes Menschheitsthema, auch bei MWonline unlängst unter der Bezeichnung „Dark Factor“ besprochen. Nun also ein weiteres Buch dazu, das in seinem besonders „knallig“ pink-rotem Cover direkt ins Auge sticht.


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Zu Wort melden sich hier zwei akademisch mit Promotion oder sogar Habilitation hochqualifizierte Experten mit psychologischem oder medizinischem Hintergrund. Der eine von ihnen, Ramzi Fatfouta, ist neben Hochschulaktivitäten und vorausgegangenen Stationen u.a. in der Beratung mittlerweile im Recruiting tätig. Der andere, Pablo Hagemeyer, ist neben Autorentätigkeiten als Psychotherapeut niedergelassen. Mit viel fachlicher Expertise beschreiben sie zunächst das Phänomen des Narzissmus aus verschiedenen Perspektiven. Sie warnen aber zu Beginn – mit guten Gründen! –  ausdrücklich vor einer allzu bereitwilligen Verwendung dieses Labels als vorschneller (Fern-)Diagnose.

Der wunderschöne Narziss

Der Begriff ist dem uralten griechischen Mythos entlehnt. Der wunderschöne Narziss(-os), der sich – fehlgeleitet durch eine gekränkte Gottheit – so übermäßig in sein eigenes Spiegelbild im Wasser verliebte, dass er – als erste narzisstische Krise der Menschheitsgeschichte – darin ertrank. Nebenbei bekam später die Narzisse seinen Namen, die durch ihre Toxizität anderen Blumen in einer gemeinsamen Vase rasch Probleme bereitet. Im psychologischen Kontext wurde der Begriff neben dem Sexualforscher Ellis maßgeblich durch den Gründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, aber auch Nachfolger wie C.G. Jung, Heinz Kohut oder Otto Kernberg, welche die Ursachen für die Entwicklung von Narzissmus maßgeblich in der Kindheit bzw. der Erziehung/Bindung der Eltern begründet sehen, belegt.

Auch wenn gerade auf Seite 34 an dieser Stelle die unverzichtbaren Quellenangaben [zu] wenig präzise ausfallen („Eine große US-amerikanische Studie zeigt …“ – Welche denn?), wirken einige hier herausgegriffenen Zahlen unter Verwendung des Narcissistic Personality Disorder-Manuals (NPS) ganz erhellend:

  • 0 bis 5 Prozent der Bevölkerung sollen insgesamt davon betroffen sein, tendenziell mehr Männer als Frauen
  • 6 Prozent der Inhaftierten
  • stattliche 17 Prozent der Medizinstudierenden
  • sogar 20 Prozent in besonders hierarchischen Umfeldern wie dem Militär.

Das klinische Konzept

Neben neun Einzelkriterien des Narzissmus und verschiedenen Subkategorien werden dann als klinische Differenzialdiagnosen – samt Überlappungen – auch noch ADHS, Autismus und Borderline diskutiert. An solchen Stellen bewegt sich das Buch allerdings in Richtung wissenschaftlicher Fachliteratur der Psychiatrie bzw. der Klinischen Psychologie. Besonders relevant ist allerdings die Unterscheidung in die Hauptdimensionen:

  • Grandioser (großartiger) Narzissmus: Arroganz, Überlegenheitsgefühle aufgrund einer vermeintlichen Sonderstellung, kombiniert mit selbstsicher-charmantem und kontaktfreudigem Auftreten sowie erhöhter Aggressivität und Risikobereitschaft. Die daraus resultierende charismatisch-anziehende Wirkung erzielt rasch Bewunderung, die wiederum dann ausgenutzt wird, ohne tiefe Bindungen einzugehen
  • Vulnerabler (verletzlicher) Narzissmus: Ängstlichkeit, hohes Misstrauen und schwankendes Selbstwertgefühl, kombiniert mit Scham- und Schuldgefühlen. Solche Menschen ziehen sich nach Kränkungen rasch ins Schneckenhaus zurück und vermeiden dadurch Konflikte oder andere soziale Situationen bei oft negativer Stimmungslage.

Auch wenn beide Dimensionen oft getrennt betrachtet werden, sind gerade hohe Ausprägungen von grandiosem Narzissmus häufig mit Zuständen tiefgreifender Verletzlichkeit, also vulnerablem Narzissmus, verbunden; oftmals dann „hinter der Fassade“. Allemal schließen sich beide Ausprägungsformen nicht gegenseitig aus, auch wenn die zweitgenannte Kategorie in der Betrachtung oft vernachlässigt wird.

OK, BUP!-Modell

Kernelement und nach Aussage der Autoren gezielt für das Buch entwickelt ist ihr OK, BUP!-Modell, das narzisstische Muster entlang folgender Leitfragen operationalisiert:

  • Opportunismus: Werden andere Menschen vorwiegend funktionalisiert?
  • Kritiksensitivität: Wird Kritik als Bedrohung empfunden?
  • Brille: Wird die Welt überwiegend durch die Ego-Brille betrachtet?
  • Unterstützung: Erfolgt Hilfe meist selektiv mit versteckter eigener Agenda?
  • Paranoia: Besteht übersteigertes Misstrauen ohne realen Anlass?

Für jeden Buchstaben werden fünf verschiedene Narzissmus-Personas entwickelt. Für den Umgang mit ihnen werden dann „Ködersätze“ beschrieben, mit Hilfe derer dann zum einen die jeweilige Eigenschaft überprüft und anschließend auch pariert, also abgewehrt werden kann. Dazu werden dann etliche Fallvignetten wie die „Managerin im permanenten Belagerungszustand“ verwendet, für die eine bestmögliche Lösung im Umgang gefunden werden muss. Besonderes Augenmerk ist auf ihr DARVO-Verhalten zu legen (Deny = Leugnung, Attack = Angriff, Reverse Victim und Offender = Opfer-Täter-Umkehr), ein prototypisches Verhalten, mit dem narzisstische Akteure bevorzugt zurückschießen.

Irgendwo an dieser Stelle zerfällt damit das Buch in zwei Teile:

  • Am Anfang steht eine substanzielle Beschäftigung mit dem Menschheits-Thema „Narzissmus“. Dies ist absolut kompetent und facettenreich geschrieben, allgemeinverständlich, aber mit Anspruch (vielleicht stilistisch zuweilen etwas „dröge“), aber bis dahin alles im „grünen Bereich“.
  • Der zweite Teil hingegen richtet sich dann ausdrücklich an die Zielgruppe Führungskräfte/Entscheider(innen) sowie HR-Professionals mit der Frage, wie diese im Berufsalltag bestmöglich auf narzisstisches Verhalten reagieren können.

Fallvignetten

Vermutlich begegnet uns allen solch toxisches Verhalten regelmäßig. Es führt alle Beteiligte an ihre Grenzen und strapaziert dann die Nerven zuweilen über Gebühr. Mal ganz abgesehen von der – im Buch nicht wirklich thematisierten – Möglichkeit, dass auch in uns selbst mehr narzisstische Anteile stecken, als uns bzw. unserer Umwelt lieb sind, und wir damit selbst mehr Täter als Opfer sein mögen.

Kurzum, das Thema hat zweifelsohne seine Relevanz, und die Beschäftigung damit lohnt sich. Aber spätestens ab dem dritten Kapitel unter der Überschrift „Narzissmus wirksam angehen“ reiht sich eine Fallvignette an die andere. Gefolgt von wohlmeinenden Tipps zum Umgang damit bis hin zu Formulierungshilfen, wie bestmöglich reagiert werden kann. Diese sind inhaltlich bestimmt nicht von der Hand zu weisen oder gar „falsch“, und es mag Menschen geben, die es gerne möglichst konkret haben und davon bereitwillig profitieren. Dem Rezensenten allerdings erscheint diese Art der Vermittlung – bei unstrittig besten Absichten der Autoren – zu „rezeptbuchartig“-generisch. Das lädt zum Weiterblättern ein.

Daraus ergeben sich letztlich Fragezeichen, ob das Buch seiner ausdrücklichen Zielgruppe tatsächlich gerecht wird: Schnelllesende Führungskräfte und auch generalistisch geforderte Personaler werden vermutlich (auch) kaum jedes Wort von vorn bis hinten lesen und insbesondere anstreben, ihren eigenen kommunikativen Werkzeugkasten damit praxistauglich aufzurüsten. Wer sich hingegen – in welcher Funktion auch immer – für die „Dunkle Seite der Persönlichkeit“ allgemein und die Facette präklinischer „Narzissmus“ im Besonderen interessiert, findet hier einen kompetenten Lesestoff, um möglicherweise noch vorhandene Kenntnislücken aufzufüllen.

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Klaus Stulle

Dr. Klaus P. Stulle, * 1967, Diplom-Psychologe und lehrt als Professor an der Hochschule Fresenius Köln & Düsseldorf. Dazu Geschäftsführer bei Stulle & Thiel rund um Assessment – Beratung – Coaching.

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