15. April 2026

Management auf den Punkt gebracht!

Scham-Wut-Spiralen

REZENSION: Luc Ciompi / Elke Endert – Gefühle machen Geschichte: Die Wirkung kollektiver Emotionen – von Hitler bis Obama. Vandenhoeck & Ruprecht 2011.

Angesichts der aktuellen politischen Ereignisse – Krieg in Syrien, Flüchtlingskrise, Clash of Cultures, Erstarken rechtspopulistischer Kräfte in Europa – fühlt man sich gelegentlich hilflos. All dieser Hass, all diese Gewalt, all die Taktierereien und Verschlimmbesserungen. Für Konfliktmoderatoren wäre es doch hilfreich, die Psychologik dieser Gemengelage besser zu begreifen.


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Sie sollten dieses Buch lesen, denn es ist wahrlich erhellend. Es analysiert die tiefen Muster, die sozusagen die Basis der Auseinandersetzungen der letzten hundert Jahre ausmachen. Luc Ciompi, der Schweizer Psychiater, hat schon 1997 mit (Die emotionalen Grundlagen des Denkens) Aufmerksamkeit erregt. Nun wendet er seine neurobiologisch-systemischen Erkenntnisse zusammen mit der Koautorin und Soziologin Elke Endert auf die Geschichtsdeutung an.

Die grundsätzliche Argumentationsfigur: „Mentalitäten“ oder „Ideologien“ (affektiv-kognitive Eigenwelten), spezifische Denk-/Fühl-Gemische, die von bestimmten Leitaffekten organisiert sind, bestätigen und befestigen sich laufend selbst. Und zwar fraktal-logisch, wie im Kleinen, so im Großen. Hier fokussieren die Autoren insbesondere auf Scham-Wut-Spiralen. Deren Logik ist dermaßen zwingend und die Leserschaft involvierend, dass die Nachgeborenen erahnen, wie das Kriegstrauma (Dolchstoßlegende) sich im krankhaft narzisstisch-nekrophilen Adolf Hitler kristallisieren und in einem wahnsinnigen Totalitarismus kollabieren konnte.

Hermetische Kritikabwehr in heutiger Zeit (Lügenpresse) lassen aufhorchen, weil sie derselben Logik entstammen. Die Autoren sezieren den Aufstieg und Fall von Hitler und seinem Resonanzboden unter dieser Optik als Wechselwirkung von Hitlers suggestiver Rhetorik und der Rückwirkung der Zuhörer auf ihn selbst minutiös; ein Lehrstück.

Der Israel-Palästina-Konflikt

Im Weiteren wird dasselbe Konzept auf den Israel-Palästina-Konflikt angewandt. Dass sich nach Erscheinen des Buchs 2011 dieser Konflikt weiter dramatisch entwickelt hat, konnten die Autoren nicht wissen, vielleicht erahnen. Entschlossenheit, Tapferkeit und hoffnungsvolle Zuversicht der Ausschwitz überlebenden Juden kombiniert mit dem Gefühl der existenziellen Bedrohung lässt Identität entstehen, die Energie von einem klaren Feindbild bezieht. Auch hier wirkt wieder ein kollektives Trauma, das sein Pendant findet im Schicksal der enteigneten palästinensischen Flüchtlinge. Die Folge auch hier: Tiefe Kränkung und Frustration – und anschließend symmetrische Eskalation, der Kampf bis zur letzten Patrone, gescheiterte Friedenverhandlungen, Ermordung der Friedenswilligen.

Blinde Flecken in der Wahrnehmung produzieren Rote Tücher – und in der Folge Gewalt. Die Thematik wird von beiden Seiten generalisiert und irgendwann geht es extrem polarisiert nur noch um „die“ islamische gegen „die“ westliche Welt. Weil es nämlich hier wie dort nur noch um Schamabwehr und Demütigungsverarbeitung geht.

Was kann helfen?

Eine Abrüstung der emotionalen Spannung und vertrauensbildende Maßnahmen wie Kontakte, Gespräche und gemeinsame Veranstaltungen – und ein starker Dritter, der den Prozess der Annäherung moderiert (wie das Bill Clinton, aber auch Barak Obama versucht haben). Die Erkenntnisse der Traumaforschung zeigen, dass Einfühlung und Anerkennung der einzige Weg ist, die destruktiven Folgen von Traumata in Grenzen zu halten – nicht Vergessen oder Beschweigen.

Unsere politischen Führer, aber auch die Konfliktmoderatoren kleineren Maßstabs, dürfen nicht nur mit dem kühlen Kopf vorgehen, sondern benötigt auch ein mitfühlendes Herz. Denn: Soziale Systeme funktionieren nicht rational, sondern ‚systemrational‘; das kollektive Denken und Handeln ist nicht logisch, sondern affektlogisch. Erst dieses tiefe Verständnis ebnet den Weg zu einer klaren Vision einer lebenswerten, gemeinsamen Zukunft – und diese Realität werden zu lassen. Gewalteskalationsspiralen sind der einfachere, schmerzhaftere Weg. Und wo dieser hinführt, dürfte auch dem klar sein, der die meisten Geschichtsstunden verschlafen hat.

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Thomas Webers

Dipl.-Psych., Dipl.-Theol., Fachpsychologe ABO-Psychologie (DGPs/BDP), Lehrbeauftragter der Hochschule Fresenius (Köln), Business-Coach, Publizist

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