INSPIRATION: Neben den lobpreisenden Stimmen in Bezug auf GenKI sind auch immer wieder nachdenkliche und sogar warnende Stimmen vernehmbar; wenn auch nicht immer in derselben Lautstärke. Sie kommen zumeist aus der Wissenschaft.
Nun äußern sich aktuell mehrere wissenschaftliche Fachgruppen der Psychologie öffentlich. Für die MWonline-Leserschaft mit Abstand die relevanteste Stimme aus diesem Kreis stellt die der Pädagogischen Psychologie dar (Generative Künstliche Intelligenz im Kontext von Lehren, Lernen und Beraten).
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Im Fachgebiet wurde bereits früh zu computerbasierten Lehr-Lernsystemen geforscht. Die frühen Systeme „reagierten regelbasiert auf der Basis eines Wissens- und didaktischen Modells auf Lernverhalten, etwa durch Feedback oder adaptive Aufgabenwahl“. Mit GenKI trat ein völlig anderes „Betriebssystem“ auf den Plan. Plötzlich war es möglich, Lernmaterialien erzeugen zu lassen oder Rückmeldungen an Lernende zu geben – und zwar mehr oder weniger „automatisch“ (generativ): Chatbots wurden zu Tutoren befördert.
Unter der Latte durchlaufen
Doch KI-generierte Inhalte sind nicht verlässlich. Aufgrund ihres Trainings mit (zumeist englisch dominierten) Trainingsdaten unterliegen sie Verzerrungen (Bias). Lernende und Lehrende müssen das nicht nur wissen, sie müssen die von GenKI präsentierten Ergebnisse deshalb aktiv hinterfragen. Da die Pädagogische Psychologie Lernen als aktive Konstruktion von Wissen versteht, ist hier der Konjunktiv angebracht: müssten.
Denn es ist auch eine verlockende Abkürzung möglich: Statt aktive und adaptive Verarbeitung zu fördern (=mühsam), ermöglicht die Nutzung von GenKI auch lediglich den Konsum von „Wissen“: Die bloße Unterstützung bei der Aufgabenbewältigung (=mühelos). Urteilsfehler und Stereotypisierungen schleichen sich dann leicht ein und werden weniger erkannt (KI: Pi mal Daumen?).
Nutzungsformen
In der Pädagogischen Psychologie hat sich das sog. ISAR-Modell etabliert. Es unterscheidet vier Nutzungsformen von KI; ISAR ist das Akronym dafür:
- Inversion bezeichnet die Auslagerung zentraler kognitiver Prozesse an ein KI-System. Das führt zu negativen Effekten (Deskilling).
- Substitution meint, dass klassische Lernprozesse durch artifizielle ersetzt werden können. Man spart sich also salopp gesagt die menschliche Interaktion. Diese mag ihre Vorteile aufweisen – das Erleben sozialer Verbundenheit, die Entwicklung sozialer Kompetenzen –, aber solches – den Umgang und die Auseinandersetzung mit „richtigen“ Menschen – mag der eine oder die andere auch als anstrengend (nervig) erleben.
- Augmentation bezeichnet positive Effekte, weil die KI zusätzliche Funktionen übernimmt. Sie kann adaptives Feedback geben, womit Lernende beim Erkennen und Korrigieren eigener Fehler unterstützt werden. Allerdings geschieht dies nicht automatisch. Die KI muss dazu erst instruiert werden.
- Redefinition meint, dass GenKI Lernformate möglich macht, die eine vertiefende Verarbeitung anregen. Dann wird GenKI zum dialogischen Lernpartner. Vielleicht sogar zum Sparrings-Partner. Die Expertengruppe ist allerdings der Ansicht, dass die Aufgabenverteilung zwischen GenKI und Lehrenden sinnvollerweise hybrid gestaltet werden soll. Die Lehrkraft soll den Lernprozess vollständig überwachen und jederzeit eingreifen können.
Kompetenzen
„Da Chatbots meist keine diagnostischen Regeln nutzen, sondern dem Prompting folgen, sind Nutzende stärker auf ihre Fertigkeit angewiesen, gezielt (die richtigen) Fragen zu stellen als in klassischen Beratungssettings.“ Es braucht also Kompetenzen im Umgang mit GenKI. Die Autorengruppe nennt „kritisches Denken, Selbstregulation, kommunikative und reflektierte Mediennutzung als Querschnittskompetenzen“. Das ist anspruchsvoll, denn zu den sog. generische KI-Kompetenzen gehören insbesondere „ein funktionales und epistemisches Verständnis der Entstehung, Annahmen und Grenzen KI-generierter Inhalte“. Auf deutsch: Die Nutzer müssen grundsätzlich verstehen, wie GenKI arbeitet.
Zudem müssen sie gut prompten können. Und sie müssen die eigenen Informations- und Lernziele präzise auf dem Schirm haben. Die Autoren nennen das „metakognitive Fertigkeiten“. Und da wird es dann recht anspruchsvoll. „Gelingt die bewusste Nutzung der KI, kann es zu einer konstruktiven Partnerschaft des Lernenden mit einer KI kommen, in der diese als Tutor fungiert.“
Wissenskluft
Wieder der Konjunktiv. Und man darf sicher fragen, wie hoch der Anteil der Nutzer sein mag, die diese „metakognitive Fertigkeiten“ in ausreichendem Maße besitzen. Die Autorengruppe selbst ist da offensichtlich eher skeptisch. Denn es folgt sogleich die Einschränkung mit einem Hinweis auf die „metakognitive Faulheit” im Umgang mit KI – nebst Quellenangabe, eine britische Studie aus dem Jahr 2024 (Beware of metacognitive laziness). Ich muss das einmal festhalten: Nicht Hörensagen noch Bauchgefühl, auch nicht Babyboomer-Vorurteile sind hier die Referenzen, sondern eine wissenschaftlich Studie.
Und dann kommt ein interessanter Schlenker in die Diskussion der Autorengruppe, der aufhorchen lässt: Die Rede ist von der Wissenskluft. Das ist eine schon ältere Diskussion in der Medienpsychologie. Sie erinnern sich an die Sesamstraße? Nach der jahrelangen Kritik an der „Verblödungsfunktion“ von TV wollte man es besser machen: Fernsehen sollte bilden – insbesondere (sozioökonomisch benachteiligte) Kinder. Doch das Fazit, dass man in der Medienwirkungsforschung nach etlichen Jahren ziehen musste, war bitter: Die Kluft zwischen den Zielgruppen wurde nicht kleiner, sondern größer. Die Unterschichtkinder profitierten zwar von Krümelmonster & Co. Doch die Oberschichtkinder noch sehr viel mehr.
Man erkannte, dass Glotzen allein wenig bringt. Die aktive Auseinandersetzung und die soziale Unterstützung durch Eltern und Peers macht den Unterschied. Und das ist dann auch der Short Cut zur Nutzung von GenKI: Die naiven und bequemen Nutzer werden auf der Strecke bleiben. Bildungsungleichheiten werden sich voraussichtlich verschärfen.
